Entwicklung zwingt zum Handeln

Hausarztmangel in Hamm akut: Jetzt packt die Politik das Thema an

Tausende Patienten in Hamm werden sich schon bald einen neuen Hausarzt suchen müssen.
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Tausende Patienten in Hamm werden sich schon bald einen neuen Hausarzt suchen müssen. (Klicken Sie rechts oben ins Bild, um das Motiv zu vergrößern.)

Rund 5000 Hammer müssen sich allein in diesem Quartal einen neuen Hausarzt suchen. Die Entwicklung ist inzwischen so dramatisch, dass die heimische Politik nicht mehr schweigen kann.

Hamm – Drei Allgemeinmediziner haben angekündigt, ihre Praxen bis März zu schließen: Dr. Pipprich in Uentrop, Dr. Wackerbeck im Hammer Osten und Dr. Steinberg im Hammer Westen. Zwei weitere – mindestens – wollen ebenfalls in diesem Jahr aufhören. Das sagte Dr. Matthias Bohle in einer Sondersitzung des Gesundheitsausschusses in dieser Woche zum drohenden Hausärztemangel, die die Grünen beantragt hatten. Bohle ist Sprecher des Hammer Ärztevereins. Wer die weiteren Hausärzte sind, ist noch nicht bekannt.

Bohle hat schon vor Jahren vor einem drohenden Ärztemangel in Hamm gewarnt. Damals hatte die Stadt rein statistisch gesehen noch gar kein Problem. Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) ermittelte noch 2018 für Hamm eine derart hohe Versorgungsquote, dass die Stadt für die Niederlassung neuer Praxen gesperrt war.

Doch seitdem haben mehrere Mediziner in Hamm ihre Praxis geschlossen, weil sie keine Nachfolger fanden. Zudem änderte sich die Berechnung dafür, auf wie viele Einwohner ein Hausarzt kommen muss. Bis vor wenigen Jahren ging man davon aus, dass ein Hausarzt im Ruhrgebiet mehr Menschen versorgen kann als anderswo in Deutschland. Inzwischen hat die Politik die Marschroute geändert und passt die Messzahl langsam an.

Versorgungsquote erstmals gesunken

Deshalb liegt die Versorgungsquote erstmals seit Jahren unter der 100-Prozent-Marke. 6,5 Hausärzte könnten sich aktuell in Hamm niederlassen. Das sagte Ansgar von der Osten in der Sondersitzung. Er verantwortet die Sicherstellungspolitik bei der KVWL. Seine Zahlen machten wenig Hoffnung, dass die Lage sich bald ändert. „Das Problem, das wir lösen müssen – und das überaus schwierig zu lösen ist – ist, dass die Hausärzte in Hamm überproportional alt sind“, sagte er.

Aktuell arbeiten 94 Hausärzte in der Stadt. 31 von ihnen sind 60 Jahre oder älter. Hausärzte dürfen in ihren Praxen arbeiten, so lange sie mögen. Dennoch ist anzunehmen, dass die wenigsten das über den 75. Geburtstag hinaus tun werden. Geplant ist, dass ein Hausarzt auf etwa 2000 Einwohner kommt. Das heißt: In den kommenden 15 Jahre braucht man in Hamm neue Hausärzte für 60.000 Menschen.

Hamm angeblich attraktiv genug

Diese Situation bezeichnete Ansgar von der Osten allerdings als „nicht dramatisch“. Hamm sei allein durch Größe, Lage und Struktur so attraktiv, dass sich Ärzte finden würden. Auch zeige sich, dass viele junge Ärzte in Kooperationen arbeiten wollten. „Das ist in einer großen Stadt wie Hamm gut möglich“, sagte er. In anderen Städten und insbesondere auf dem Land sei die Lage dramatischer.

Zugleich machte von der Osten keinen Hehl daraus, dass es schwierig wird, neue Hausärzte zu gewinnen. Etwa 70 Prozent der Absolventen eines Medizinstudiums sind Frauen. Der Abschluss ihres Studiums fällt oft in die Lebensphase, in der sie eine Familie gründen – viele scheuten in dieser Zeit das Risiko, das sie in einer Selbstständigkeit als Hausärztinnen sehen.

So will die Politik nun vorgehen:

Direkt nach der Sitzung formulierten Oskar Burkert aus dem Fraktionsvorstand der CDU sowie Ralf-Dieter Lenz als Vertreter der SPD einen Antrag: Stadtverwaltung, Kassenärztliche Vereinigung und Vertreter des Ärztevereins Hamm sollten eine Arbeitsgruppe gründen, um Mediziner zu gewinnen, die in Hamm Hausarztpraxen übernehmen. Im März soll der Rat über den Antrag abstimmen. Die Grünen planen einen ähnlichen Antrag, auch die Linke fordert, dass die Stadt aktiv wird.

Und was könnte die Arbeitsgruppe tun? Kontakt halten zu jungen Hammern, die zum Medizinstudium in eine andere Stadt gehen, schlug von der Osten vor. Räume bereithalten, falls ein Arzt eine Praxis neu eröffnen will. Ärzte bei der Existenzgründung beraten, für Kinderbetreuung und eine Jobvermittlung für die Partner sorgen. Aber eins ist auch klar: „Wir können keine Ärzte backen“, sagte von der Osten.

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