Die bemerkenswerte Geschichte von Mahmoud Ez Aldin

Syrischer Flüchtling schwärmt von Hamm: „Wie eine große Familie“

Ein echter, neuer Hammer: Mahmoud Ez Aldin.
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Ein echter, neuer Hammer: Mahmoud Ez Aldin.

Wenn Mahmoud Ez Aldin von Hamm erzählt, dann strahlen die Augen dieses 29 Jahre alte Syrers funkelnd und freudestrahlend. „Hamm ist das Beste, was mir passieren konnte“, sagt er.

Hamm - „Diese Stadt ist wie ein zweites Zuhause für mich, Hamm war die richtige Wahl für mich. Woanders hätte ich das nicht geschafft, was ich hier erreicht habe“, sagt der lebensfrohe und aufgeschlossene junge Mann. Dabei hatte er bis vor einigen Jahren noch nie in seinem Leben etwas von der Stadt an der Lippe gehört. Denn Ez Aldin lebte bis 2012 in einem kleinen Dorf im syrischen Gouvernement Hama, das im westlich-zentralen Teil des vom Krieg gezeichneten und gebeutelten Landes liegt.

Dort wuchs er zusammen mit fünf Brüdern und zwei Schwestern auf, half seiner Mutter bei der landwirtschaftlichen Arbeit und fing nach seinem bestandenen Abitur ein Studium an, um Grundschullehrer zu werden. Aber nach vier Semestern hatte der 2011 mit Protesten gegen den Herrscher Baschar al-Assad in Syrien begonnene Krieg die Fortsetzung des Studiums unmöglich gemacht, so dass Ez Adin 2014 in die Türkei floh. Dort wollte er eigentlich seine Ausbildung zum Lehrer fortsetzen, doch dies wurde ihm dort nicht ermöglicht. „Mein Ziel war von vorneherein Deutschland gewesen. Daher habe ich in der Türkei keinen Asylantrag gestellt und konnte deshalb auch nicht studieren“, berichtet er.

Während einer seiner Brüder in der Türkei blieb und dort sein Studium aufnahm, ein weiterer nach Frankreich flüchtete, wo dieser mittlerweile promoviert hat, und ein dritter nach Schweden ging, machte sich Mahmoud Ez Aldin zusammen mit seinem vierten Bruder auf den Weg nach Deutschland. „Deutschland hatte bei uns einen guten Ruf. Daher wollte ich da unbedingt hin“, erzählt er. Zuerst aber musste er überhaupt nach Europa gelangen, was alles andere als ungefährlich war. „Wir sind auf einem kleinen Boot, auf dem 37 Leute waren, von der Türkei auf die griechische Insel Lesbos geflüchtet. Als wir angekommen sind, hat unser Bootskapitän gesagt, dass er das erste Mal ein Boot gefahren hat. Das war wirklich schrecklich“, erinnert sich Ez Aldin an diesen Moment im Jahr 2015.

Der Westfale ist zwar stur, aber man kann mit ihm super gut klarkommen. Man muss einfach den ersten Schritt machen. Hat man einmal den Fuß in der Tür, dann läuft das auch.

Mahmoud Ez Aldin, Flüchtling aus Syrien

Syrer schwärmt von Hamm: Odyssee eines Flüchtlings

Drei Tage hielten sich die Brüder auf der Insel in einem Flüchtlingscamp auf, ehe sie die Erlaubnis erhielten, mit einer Fähre nach Athen fahren zu dürfen. Dort angekommen, ging es mit Hilfe von Schleusern über Mazedonien, Montenegro, Ungarn und Österreich per Bus, Zug, Auto oder zu Fuß Richtung Deutschland. „An diese Zeit, wir waren so 25 bis 28 Tage unterwegs, möchte ich mich nicht gerne erinnern. Einige wurden ausgeraubt, andere verschwanden oder starben gar“, sagt Ez Aldin, der es aber unversehrt nach Passau schaffte, wo er genauso wie sein Bruder einen Asylantrag stellte. Für beide ging es weiter nach Gießen, wo sich die Wege der Brüder kurzzeitig trennten. Denn sein Bruder wurde nach Hamm geschickt. Als auch der Asylantrag von Mahmoud Ez Aldin positiv bestätigt wurde, folgte er seinem Bruder und kam so im Januar 2016 ebenfalls nach Hamm, wo er mittlerweile in der Nähe der Dorfeiche in Ostwennemar lebt.

In seiner neuen Heimat genießt er das Leben inzwischen in vollen Zügen, ist mit sich und seiner Welt zufrieden. „In Hamm habe ich viele Leute kennenlernen dürfen. Ich habe mich engagiert und angepasst, habe die Sprache gelernt, interessiere mich für alles – und wenn man das macht und gewillt ist, dann fühlt man sich auch wohl“, stellt er klar. So bezahlte er seinen ersten Sprachkurs aus der eigenen Tasche, wollte nicht warten, bis ihm dies von Amtswegen bewilligt wurde. Als er doch finanzielle Unterstützung erhielt, belegte er mit dem Geld einfach einen weiteren Kurs. Zudem setzte er sich oft stundenlang in die Hammer Stadtbücherei und versuchte dort durch Bücher seine Deutschkenntnisse weiter zu verbessern.

Syrer schwärmt von Hamm: Beratung an Uni ohne Dolmetscher

Mit seinen ersten gewonnen Sprachkenntnissen machte er sich auf den Weg zu den Universitäten nach Münster und Dortmund und wollte sich – ohne Dolmetscher – beraten lassen, ob er in Deutschland sein Lehramtsstudium fortsetzen kann. Allerdings war seine Universität in Syrien Opfer des Krieges geworden und abgebrannt, sodass alle Unterlagen verloren waren. Er hätte also wieder im ersten Semester einsteigen müssen. Als er realisierte, dass er erst im Alter von 33 oder 34 Jahren mit dem Referendariat hätte fertig sein können, änderte er seinen Lebensplan. „Das wäre zu spät geworden. Da habe ich mir gesagt, dass ich besser eine Ausbildung mache“, betont er.

Über einen Bekannten wurde er auf eine offene Ausbildungsstelle aufmerksam gemacht. Allerdings wusste Ez Aldin überhaupt nicht, in welche Richtung es für ihn gehen soll. „Ich war in diesem Bereich ja noch gar nicht tätig gewesen und habe daher gefragt, ob ich nicht erst einmal ein Praktikum machen kann“, berichtet er. So schnupperte er zwei Wochen in den Bereich Elektrotechnik hinein, dann sammelte er für zwei Wochen erste Erfahrungen als Schlosser. Danach war ihm klar, dass er etwas mit Metall machen will, und begann eine Ausbildung als Industrie-Mechaniker. Nach kurzer Zeit sattelte er jedoch um und machte eine Ausbildung zur Fachkraft Metalltechnik in Richtung Montage. Nach dem erfolgreichen Abschluss ist er nun bei dem Metallverarbeitungsunternehmen Renner in Ahlen angestellt, wo er einen für zwei Jahre befristeten Arbeitsvertrag erhalten hat. „Während der Ausbildung haben mir meine Ausbildungsbetreuerin und mein Ausbilder wirklich toll geholfen“, betont er.

Syrer schwärmt von Hamm: Humanitas als „Türöffner“

Dass er mittlerweile in Hamm so gut angekommen ist, war allerdings nicht von Anfang an abzusehen. Als er 2016 seinen Sprachkurs absolvierte, hatte er wenig Kontakte. Das änderte sich, als er im Sozialkaufhaus von Humanitas ein Paar Schuhe erstand und dabei den Vorsitzendes des Vereins und Ladenbesitzer Werner Kaßen sowie Marcos A. da Costa Melo kennen lernte. „Sie haben mich sehr unterstützt und mir immer wieder Mut zugesprochen, auf Leute zuzugehen und sie anzusprechen. Am Anfang hatte ich nämlich immer Angst, beim Deutschsprechen Fehler zu machen“, sagt der Flüchtling aus Syrien, der inzwischen einmal pro Woche ehrenamtlich für Humanitas arbeitet.

Neben seinem ehrenamtlichen Engagement hilft er auf dem Wochenmarkt an der Pauluskirche auch regelmäßig der 83-jährigen Mia Kulke und verkauft mit ihr zusammen an ihrem Stand Gemüse, Obst und Blumen. „Sie ist wie eine Mutter zu mir“, schwärmt er von der rüstigen Rentnerin.

In seiner Anfangszeit in Deutschland hat er nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Als der Syrer für zwei Monate in der Nähe von Hanau untergekommen war, hatte sich niemand für ihn interessiert, niemand wollte mit ihm in Kontakt kommen und ihn kennen lernen. „Das ist in Hamm aber ganz anders gewesen. Der Westfale ist zwar stur, aber man kann mit ihm super gut klarkommen. Man muss einfach den ersten Schritt machen. Hat man einmal den Fuß in der Tür, dann läuft das auch. Und wenn ich all die netten Leute in Hamm nicht kennengelernt hätte, wäre ich auch nicht geblieben. Jetzt sind all die Leute wie eine Familie für mich“, schwärmt er.

Syrer schwärmt von Hamm: Antrag auf deutsche Staatsbürgerschaft

Mittlerweile hat er sogar den Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft gestellt hat. Denn zurück nach Syrien möchte er nicht mehr. Auch wenn er seine Eltern und seine beiden Schwestern, die in der Heimat geblieben sind, sehr vermisst. „Leider ist das Telefonnetz da unten so schlecht, dass ich sie nur selten erreichen und nur unregelmäßig mit ihnen sprechen kann“, bedauert er und verrät, dass er seinen Vater und seine Mutter seit der Flucht nicht mehr gesehen hat: „So lange Krieg herrscht und es da diese Probleme gibt, besuche ich mein Heimatland nicht“, stellt der leidenschaftliche Fahrradfahrer klar, der in Hamm viel mit seinem Zweirad unterwegs ist.

Jetzt fehlen im nur noch zwei Dinge zu seinem kompletten Glück. Zum einen will er seine Verlobte heiraten und mit ihr eine Familie gründen. „Ein oder zwei Kinder, das wäre perfekt“, träumt er. Zum anderen hofft er, dass er nach zwei Jahren bei seinem neuen Arbeitgeber eine Festanstellung bekommt. „Dafür muss ich noch viel in dem Job lernen“, sagt er und fügt hinzu: „Aber dafür bin ich bereit.“ Aber wenn er dafür genauso bereit ist wie für das Leben in Hamm, dann kann eigentlich nichts schief gehen.

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