Hoffnung auf Impfstoff

Lokale Einzelhändler online unterwegs: Abverkauf im Internet

Verpacken und verkaufen: Andreas Kohl muss in seinem Geschäft in der Weststraße derzeit viel auf den Postweg bringen.
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Verpacken und verkaufen: Andreas Kohl muss in seinem Geschäft in der Weststraße derzeit viel auf den Postweg bringen.

Vom Feind zum Freund? Jahrelang wetterten zahlreiche Einzelhändler in den Städten, dass sie Kunden an die großen Online-Plattformen verlören. Doch nun verkaufen immer mehr lokale Einzelhändler selbst auf sogenannten Plattformen – sie werden ihre Ware sonst nicht los.

Hamm – Matthias Grabitz ist Vorsitzender des Beirats Einzelhandel in Hamm und Inhaber des gleichnamigen Geschäfts für Damenmode in der Hammer Innenstadt. „Ich muss meine Ware immer ein halbes Jahr im Voraus bestellen, so ist die Struktur bei uns“, sagt er. Erinnern wir uns also zurück an den Herbst: Ja, in Hamm schnellten im Oktober die Corona-Fallzahlen hoch. Doch sonst? Hatten die Hammer einen relativ entspannten Sommer hinter sich, die Geschäfte waren geöffnet. Im September sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, mit dem Wissen von heute würde man keine Friseure und keinen Einzelhandel mehr schließen. Die Botschaft hörte auch Matthias Grabitz in Hamm. Er bestellte Ware fürs Frühjahr, in der Hoffnung, dass sein Geschäft dann geöffnet sein würde.

Und das ist es ja auch, irgendwie. Wer bei Grabitz einkaufen will, kann anrufen und Ware bestellen, sie dort abholen. Für einige Wochen gab es Click and Meet, Kunden konnten nach Terminvereinbarung und zeitweise mit negativem Coronatest kommen. Das taten aber höchstens zehn Prozent der Kunden, die vor der Pandemie kamen, sagt Grabitz. Er freue sich über jeden und jede Einzelne. Doch seine Frühjahrsware so zu verkaufen? Das gelingt nur bedingt.

Lokale Einzelhändler online unterwegs

Also ist Grabitz so wie viele seiner Hammer Kollegen ins Netz gegangen. Über 36 Plattformen bietet er seine Waren an. Schon vor der Pandemie hatte er sich über den Verkauf darüber informiert. Bis zur Pandemie entschied er sich immer dagegen. Er hielt das Geschäft für wenig einträglich.

Auf Plattformen wird häufig Ware angeboten, die nicht in den Logistikzentren der Händler lagert. Stattdessen wird sie über „Partner“ verkauft: Der Einzelhändler vor Ort inseriert sie, setzt den Preis fest, verschickt sie und kümmert sich gegebenenfalls um eine Retoure. Dazu zahlt er eine Provision an die Plattform, die im Gegenzug die Ware anzeigt und die Bezahlung abwickelt. „Es kann sein, dass Sie als Kunde ein Teil von mir kaufen, das wissen Sie aber nicht“, sagt Grabitz. Er gebe auf den Plattformen nicht an, der Verkäufer zu sein.

Online: Hammer Einzelhändler machen kaum Gewinn

Profitabel sei das Geschäft nicht. „Das ist ertragsneutral, wenn‘s gut läuft“, sagt Grabitz. Und doch sieht er darin eine kleine Hilfe: „Von einem T-Shirt, das auf Lager liegt, kann man keine Miete bezahlen. So kann man es wenigstens in etwas liquide Mittel umwandeln.“ Über Zalando verkaufe er übrigens nicht. Dort sei die Retourenquote so hoch, dass Händler draufzahlten.

Einen anderen Weg geht Andreas Kohl. Der Inhaber des Kunstgewerbehandels Annemarie Kohl in bester Innenstadtlage verkauft über die eigene Homepage. Anstoß dazu sei der erste Lockdown vor einem Jahr gewesen. „Man muss was tun, habe ich mir gesagt“, erzählt Kohl. „Und den Sommer über an unserem kleinen Web-Shop gebastelt.“ Er habe Geld und vor allem Zeit investiert, dabei auch Hilfe der studierenden Tochter und deren Freunden bekommen.

Online verkauft Kohl das, was er auch im Laden hat, Accessoires, Dekorationen, Geschenke und Tischausstattung. Und das funktioniere, sagt er. Vor allem vor Weihnachten und vor Ostern. Während sein Ladenlokal geschlossen bleiben musste, hätten zahlreiche Kunden online bestellt. Zunächst seien es vor allem treue Kunden aus Hamm gewesen, denen er die Artikel persönlich zugestellt habe. Später seien Sendungen auch nach Dresden und Hamburg gegangen, die habe dann ein Paketdienst übernommen. Vor den Feiertagen habe sich der Online-Shop durchaus gerechnet, sagt Kohl. Im Augenblick habe die Nachfrage etwas nachgelassen, aber das sei im Saisongeschäft ja nicht ungewöhnlich.

Unternehmen leiden wegen Corona

Dem Handelsverband Deutschland (HDE) zufolge gibt es bundesweit mehr als 300.000 Einzelhandelsunternehmen. Der HDE hat im April eine Umfrage unter 1000 Händlern gemacht: 45 Prozent von ihnen sehen ihre unternehmerische Existenz demnach im Laufe des Jahres in akuter Gefahr.

Die letzte Vollerhebung dazu, wie es um den Hammer Einzelhandel steht, stammt aus der Fortschreibung des Einzelhandelskonzepts, die 2019 veröffentlicht wurde. Erhoben wurden die Daten 2018. Damals gab es knapp 900 Geschäfte in Hamm. Einige größere von ihnen wie TerVeen und Kaufhof haben zwischenzeitlich schon geschlossen – sollten die Lage tatsächlich so dramatisch sein, wie der HDE sie beschreibt, wären hunderte Hammer Geschäfte binnen des nächsten Jahres dicht. „Aufgrund der Änderung des Insolvenzrechts weiß man ja nicht, wie die Lage wirklich ist“, sagt Grabitz.

In diesem Frühjahr steht nun der Kauf für die Herbstware im Herbst an. Wie viel soll Grabitz bestellen? Er hofft, dass der Impffortschritt tatsächlich für ein Ende der Krise und für einen Aufwind im Handel sorgt. Denn der Online-Handel allein hilft nicht, die Probleme zu lösen.

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