Nur eine kleine Minderheit trauert

Leises Ende einer Vision: Hammer Rat versenkt "Lippesee" endgültig

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Der Verein „Pro Lippesee“ hatte 2006 ein eigenes Büro im Ex-Horten-Gebäude, doch den Bürgerentscheid verlor er.

Hamm - Es war das leise Ende einer großen Vision: In dieser Woche hat der Rat der Stadt Hamm den "Planungsraum Lippesee" endgültig getilgt. Nur eine kleine Minderheit trauert.

Am Ende wollten ihn nur noch zwei Ratsmitglieder am Leben erhalten. Als am Dienstagabend der Rat über die 28. Änderung des Flächennutzungsplans „Erlebensraum Lippeaue“ abstimmte, sagten nur die beiden FDP-Vertreter Ingo Müller und Uli Reuter nein. Alle anderen Ratsmitglieder votierten für die Umwidmung des ehemaligen Planungsraums Lippesee zum Projektgebiet „Erlebensraum“ und beerdigten damit endgültig den See – exakt 4042 Tage nachdem das Großprojekt von den Bürgern gestoppt worden war. Die Trauer hielt sich in Grenzen, Emotionen gab es dennoch.

Nein, das ist nicht das geplante neue Wassersportzentrum. So sollte es an der Münsterstraße aussehen – am Ufer des Lippesees.

Die meisten Emotionen zeigte der Mann, für den der Lippesee nicht nur ein Masterplan, sondern ein Meisterwerk – sein Meisterwerk – gewesen wäre: Thomas Hunsteger-Petermann (CDU). Auf die Palme beziehungsweise ans Rednerpult brachte am Dienstag den Oberbürgermeister ein ehemaliger Koalitionspartner aus alten Lippesee-Zeiten: Ingo Müller. Der Liberale traf gleich dreimal Hunstegers Nerv: 1. Die Erhöhung der Grundsteuer B für die Stadtentwicklungsgesellschaft (SEG) sei ein Sonderopfer für die Bürger zum Abriss von Schrottimmobilien. 2. Es sei zu befürchten, dass die SEG bei Ausbleiben von Fördergeldern für die Realisierung des Erlebensraums Lippeaue herhalten muss. 3. Die Stadt setze „das größte Stadtentwicklungsprojekt der nächsten Jahre“ in den Sand.

Das wollte Hunsteger so nicht stehen lassen. „Ich weiß nicht, mit welchen Bürgern sie reden. Die Leute sind froh, dass wir endlich investieren. Die Bevölkerung will das“, verteidigte er lautstark die SEG (und die Steuererhöhung). Hätte er noch mehr Geld zur Verfügung, er würde die ganze Wilhelmstraße abreißen lassen. Die Idee SEG lasse er sich nicht schlechtreden. Und auch das Projekt Lippeaue nicht.

„Thomas, einmal zu viel abgestimmt“

„Manchmal bildet lesen“, kommentierte er zynisch einen Beitrag von Dr. Cevdet Gürle (Pro Hamm). Dieser hatte es gewagt in den Lippeauen eine Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu sehen. Der Spagat zwischen Freizeit und Natur werde dort nicht gelingen. Und das dürfte den OB besonders geärgert haben: „Mich erschreckt, dass es beim Projekt Lippeaue dasselbe Planungsbüro wie beim Lippesee ist.“

Hunsteger macht kein Geheimnis daraus, dass er sich beim Bürgerentscheid 2006 ein anderes Ergebnis gewünscht hat. Noch heute ist auf seiner Internetseite über das Ergebnis von damals der Eigenkommentar zu lesen: „Thomas, da hast du einmal zu viel abstimmen lassen.“ Den Lippesee schloss er nach der Abstimmungsniederlage für seine Amtszeit aus, aber nicht für alle Zeiten.

Damit ist es jetzt vorbei.

Am Dienstag verteidigte Hunsteger statt Lippesee die Aue. Zusammen mit Kanalkante und Wassersportzentrum sei das genial. Er habe es nie für möglich gehalten, dass er mal 30 Minuten lang ein Storchennest betrachte. Keine Frage, die Lippeauen im Osten sind schön geworden. Aber ob eine renaturierte Lippeaue der Innenstadt mehr Frequenz bescheren wird als es der Lippesee getan hätte?

"Alternativen statt Dauerheulen"

Justus Moor hat diese Frage schon vor elf Jahren mit „ja“ beantwortet. Ausgerechnet die Galionsfigur der Initiative „Aue statt Lippesee“ sprach am Dienstag für die SPD-Fraktion. Er empfinde kein Gefühl des Triumphs oder der Häme. Er sei einfach nur froh, dass man die richtigen Lehren aus dem Bürgerentscheid gezogen habe: Beim Erlebensraum Lippeaue werde die Bevölkerung von Anfang an beteiligt. Dieser Form von „Hamm ans Wasser“ stimmten auch Grüne und Linke zu – schließlich wurden „Gimmicks“ (O-Ton Grünen-Ratsherr Volker Burgard) wie die Seilbahn gestrichen.

„Das größte Stadtentwicklungsprojekt der nächsten Jahre“ – diese Beschreibung für die Lippeaue kam am Dienstag übrigens von Jörg Holsträter. Auch der Christdemokrat war 2006 für den Lippesee. Doch er hat mit dem Thema abgeschlossen. Es bringe nichts, das Beerdigungslied wieder und wieder zu singen.

„Es ist Fakt, dass der See abgelehnt wurde“, sagte Holsträter im Gespräch mit unserer Zeitung. Aufgabe der Politik sei es, nicht 20 Jahre zu heulen, sondern Alternativen zu entwickeln. Der Erlebensraum Lippeaue biete den drei Stadtbezirken Bockum-Hövel, Mitte und Heessen sowie der Gesamtstadt vielfältige Möglichkeiten und Chancen.

Seit Dienstag und dem offiziellen Projektstart Lippeaue steht fest: Der Lippesee ist keine Möglichkeit mehr.

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