Hammer Metal-Gitarrist auf Klassikpfaden

Victor Smolski: In Wacken direkt nach Alice Cooper

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Lingua Mortis Orchestra sind (von links): Dana Harnge (Gesang), André Hilgers (Schlagzeug), Victor Smolski (Gitarre) , Peter „Peavy“ Wagner (Gesang, Bass) und Jeannette Marchewka (Gesang) – und 100 weitere Mitwirkende.

HAMM - Einen besseren Ort für die Präsentation des neuen Albums hätte sich Victor Smolski kaum wünschen können. Am Samstag, 4. August, tritt der Musiker, der lange Jahre in Hamm wohnte und jetzt in Beckum lebt, beim Wacken Open Air auf.

Von Holger Krah

Vor zehntausenden Zuschauern wird Smolski mit dem Lingua Mortis Orchestra die neue CD „LMO“ vorstellen, die einen Tag vorher, am Freitag, 2. August, in die Läden kommt. Ein Orchester und das größte Heavy-Metal-Festival der Welt? Ja, das passt – und wie! Denn hinter dem Lingua Mortis Orchestra steckt die Heavy-Metal-Band Rage.

Das Trio aus Peter „Peavy“ Wagner (Gesang, Bass), Victor Smolski (Gitarre) und André Hilgers (Schlagzeug) hat sich für Lingua Mortis („Die Sprache des Todes“) Verstärkung geholt: Die beiden Sängerinnen Jeannette Marchewka und Dana Harnge gehören zur Stammbesetzung. Gastsänger ist Henning Basse (Ex-Metalium). Außerdem sind gleich zwei Sinfonieorchester und ein klassischer Chor an dem Mammutprojekt beteiligt – alles in allem wirken über 100 Personen mit. „Das ist das größte Projekt, das ich je verwirklicht habe“, sagt Smolski nicht ohne Stolz.

Metal-Oper mit bombastischen Klängen

Entstanden ist eine wahre Heavy-Metal-Oper mit harten Gitarrenriffs, treibenden Schlagzeugsoli, dem metaltypischen Sprechgesang – aber auch großen sinfonischen Bögen und gradezu musicalhaften bombastischen Klängen. Diese Kombination aus Heavy Metal und Klassik ist weit mehr als nur eines von zahlreichen Crossoverprojekten, das Lingua Mortis Orchestra erfindet förmlich eine neue musikalische Gattung. Bei der CD „LMO“ werden nämlich nicht einfach vorhandene Metalsongs mit großem Orchester unterlegt, Smolski hat acht komplett neue Stücke für großes Orchester und das Heavy-Metal-Trio komponiert. Auf der imposanten Partitur sind die Melodiebögen für Streicher, Holz- und Blechbläser genauso vermerkt wie die Gitarrenriffs, Bassläufe und Schlagzeugeinsätze sowie die Gesangsparts für die vier Solisten und den Chor.

Schließlich ist Smolski nicht nur ein fantastischer Gitarrist, sondern hat als Sohn eines führenden weißrussischen Komponisten eine exzellente klassische Ausbildung genossen: In seiner Heimatstadt Minsk hat der 44-Jährige Cello, Klavier, Jazz und Kompositionslehre studiert. Und diesen musikalische Hintergrund hört man bei jedem der komplexen Songs.

Victor Smolski hat nicht nur die Gitarrenriffs eingespielt, er hat sämtliche Stücke der CD „LMO“ komponiert.

„Die CD ist ein Konzeptalbum“, sagt Smolski treffend. Denn die Songs wirken nicht umsonst wie aus einem Guss: Das Lingua Mortis Orchestra erzählt auf „LMO“ die wahre Geschichte einer Hexenverbrennung aus dem Jahr 1599. „In Gelnhausen, einer Klein-stadt in der Nähe von Frankfurt, hatte der Schultheiß Johann Koch schon zahlreiche Frauen als vermeintliche Hexen auf den Scheiterhaufen gebracht“, erzählt Smolski. Die Pfarrwitwe Elisabeth Strupp war sein neuestes Opfer: Sie war von Neidern angeschwärzt und als Hexe bezichtigt worden und von Koch ebenfalls verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden. Smolski: „Später stellte sich heraus, dass alles erstunken und erlogen war, Johann Koch verlor sein Amt und wurde mit seiner Schuld nicht fertig: Er wurde wahnsinnig und starb 1603 in geistiger Umnachtung.“

„Peavy“ Wagner hat die Geschichte in Archiven aufwändig recherchiert und sie als Grundlage für seine Texte auf der neuen CD genutzt. So erzählt er in den acht Songs teils auf Englisch, teils auf Latein die Geschichte eines folgenschweren Justizirrtums. „Wir hatten uns schon 2000 auf meinem Soloalbum ,The Heretic‘ mit der Hexenverfolgung beschäftigt“, sagt Smolski, „allerdings hatten wir damals lateinische Originaltexte zu klassischer Musik zitiert. Auf dieser neuen CD sind wir musikalisch und textlich einen Schritt weiter gegangen.“

Erste Metalband weltweit mit Orchester

Dass die Kombination von Klassik und Heavy Metal beim neuen Silberling „LMO“ so gut funktioniert, kommt nicht von ungefähr: Rage war nach eigenen Angaben die erste Metalband der Welt, die gemeinsam mit einem klassischen Orchester eine CD produziert hat – „lange vor Metallica“, sagt Smolski. 1996 spielte die alte Rage-Besetzung (noch ohne Smolski) zusammen mit dem Prager Sinfonieorchester die CD „Lingua Mortis“ ein. Später folgten immer wieder CDs mit orchestralen Elementen: So bestand beispielsweise das 2006er-Album „Speak Of The Dead“ zur Hälfte aus der „Suite Lingua Mortis“.

„Vor zwei Jahren haben wir uns entschieden, Rage und das Lingua Mortis Orchestra als zwei komplett verschiedene Formationen zu trennen“, sagt Smolski. Schließlich gebe es viele Fans, die ausschließlich auf Metal stehen, und andere, die sich gerade für die Kombination Heavy Metal und Klassik begeistern. Dass das Lingua Mortis Orchestra für sich stehen kann, hat sich bereits von zwei Wochen gezeigt, als es beim „Masters of Rock“-Festival in der Tschechei von 30 000 Zuschauern spielte  – und zwar in kompletter Besetzung zusammen mit dem Orquestra Barcelona Filharmonia. „Die Orchestermusiker waren angesichts dieser Kulisse völlig sprachlos“, erinnert sich Smolski schmunzelnd. „Ich habe den Dirigenten Daniel Antolí noch nie so nervös erlebt.“ Doch alles funktionierte perfekt, und das Publikum war begeistert.

Mit den Spaniern hat Smolski offensichtlich genau das richtige Orchester für das Projekt gefunden. „Die Musiker sind jung und hören zum Teil selber in ihrer Freizeit harten Rock“, sagt Smolski. Nicht von ungefähr zeigen sie alle auf einem Foto grinsend die Teufelshörnchen aus Zeige- und Ringfinger. „Wir haben lange nach einem Orchester gesucht, das zu uns passt und mit dem wir auch auf Tour gehen können“, sagt der Gitarrist und Komponist. Andere Orchester hätten früher ausschließlich wegen des Geldes mitgemacht und ihre Parts nur herunter gespielt. „Das waren halt alte Männer“, grinst Smolski.

Die Musiker aus Barcelona hingegen sind mit Überzeugung dabei und haben viel Spaß mit den drei Hardrockern. Schließlich steht nicht so oft ein langhaariger Mensch wie Smolski als Dirigent bei den Aufnahmen vorne am Pult. Die letzten Änderungen hat er sogar aus dem Studio aus Deutschland per Skype dirigiert. Während die Rage-Musiker und die drei weiteren Sänger in Barcelona mit dem kompletten Orchester gearbeitet haben, hat sich Smolski in Minsk mit einem zweiten Orchester auf kleine Besetzungen konzentriert und mal nur die Geigen, mal die Celli bestimmte Parts einspielen lassen.

Zum Erfolg des Projekts tragen auch die Sängerinnen teil. Dana Harnge, eine ehemalige Gitarrenschülerin von Smolski, ist ausgebildete Sopranistin, die in Opern wie der „Zauberflöte“ aufgetreten ist und mit Dirigenten wie Simon Rattle und zusammengearbeitet hat. Jeannette Marchewka hingegen kommt aus dem Musicalbereich und hat im „kleinen Horrorladen“ und „Cats“ mitgewirkt. „Mit den beiden Frauen, Peavy und Gastsänger Henning Basse decken wir sämtlichen Farben ab, die im Gesang möglich sind“, freut sich Smolski. Tatsächlich gibt es auf „LMO“ nicht nur harte Rocknummern, sondern auch Balladen – mitunter wechseln Tempo, Klangfarbe und Stil gleich mehrfach während eines Stücks.

Auftritt direkt nach Alice Cooper

Nach dem Komponieren, dem Einspielen der Stücke und einem halben Jahr im Studio freut sich Smolski nun unbändig auf die Veröffentlichung der CD und den Auftritt in Wacken am nächsten Samstag. Hier spielen sie übrigens direkt nach Alice Cooper. Am 13. September tritt das Lingua Mortis Orchestra in der Turbinenhalle in Oberhausen auf. Außerdem haben bereits einige Theater Interesse gezeigt, die Metal-Oper auf die Bühne zu bringen.

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