Lieber Lärm als Knast: Anwohner schreiben Brief an die Bahn

Auch wenn die Züge praktisch durch die Gärten fahren (hier an der Knabenstraße), wehren sich etliche Anwohner der Bahnstrecke gegen den geplanten Bau der Lärmschutzwände - auch der Aussicht wegen.
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Auch wenn die Züge praktisch durch die Gärten fahren (hier an der Knabenstraße), wehren sich etliche Anwohner der Bahnstrecke gegen den geplanten Bau der Lärmschutzwände - auch der Aussicht wegen.

75 Dezibel und mehr. So laut soll es Berechnungen zufolge nahe der Bahnschienen in Westtünnen und Berge sein. Grund genug für die Bundesregierung, hier Lärmschutzmaßnahmen zu fördern. Und die Deutsche Bahn (DB) setzt dies derzeit um, in der Annahme, etwas Gutes für die lärmgeplagten direkten Anwohner zu tun. Doch das sehen einige Westtünner anders.

Westtünnen – Sie haben sich mit einem gemeinsam unterzeichneten Schreiben an die Deutsche Bahn Netz AG gewandt. Den geplanten Lärmschutz wollen sie gar nicht – zumindest nicht in dieser Form.

Vier Meter hoch sollen die Wände entlang der Bahnstrecke werden. Das stellen sich einige der direkten Anwohner schrecklich vor. Sie wohnen an der Knabstraße, der Silcherstraße und der Orffstraße, ihre Gärten sind Richtung Rhynern und Berge ausgerichtet und enden direkt vor den Gleisen.

Freie Sicht bis auf den Rhynernberg

„Seit je her genießen wir die freie Sicht aus ihren Gärten bis hoch auf den Rhynerberg“, sagt Rolf Lehmann, der mit seiner Familie an der Knabstraße wohnt. Das wäre dann Geschichte. Er hat die Initiative ergriffen und die Bahn angeschrieben. Eine Namensliste der Nachbarn, die den Vorstoß unterstützen, legte er bei. Ihre Bedenken hatten die Anwohner bereits Ende Januar bei der öffentlichen Bürgerinformationsveranstaltung der Bahn geäußert.

Sie argumentieren nicht nur mit dem zukünftigen Blick auf eine Mauer, sogar von „Knast“ war die Rede. Ihre Gärten würden zudem permanent beschattet und ferner hätte eine solche Wand Einfluss auf die Luftzirkulation. Summa summarum sind die Anwohner der Meinung, die geplanten Lärmschutzwände würden die Lebensqualität auf den angrenzenden Grundstücken „extrem beeinträchtigen“.

Anwohner wurden vor vollendeten Tatsachen gestellt

Mit dem Lärm der vorbeirauschenden Züge leben die Lehmanns seit einigen Jahrzehnten. „Das stört uns nicht. Das hören wir kaum noch“, sagt Rolf Lehmann, den auch irritiert, dass er erst aus der Zeitung von den Plänen erfahren hat. „Warum werden die direkten Anwohner nicht einbezogen? Warum werden wir vor vollendete Tatsachen gestellt?“

Bitte um Überprüfung der Notwendigkeit

Die Anwohner bitten die Bahn nun, die Notwendigkeit der Maßnahme noch einmal zu überprüfen.

Während der zuvor erwähnten Bürgerversammlung hatte ein Bahn-Vertreter aber wenig Hoffnung gemacht. „Die Chancen, die Wände zu verhindern, sind sowieso gleich null“, sagte Andreas Tecklenburg von der DB Netz AG damals. Denn die Lärmschutzwände kämen der Allgemeinheit zugute. Die Maßnahme sei seit vielen Jahren gefordert und gewünscht, sie werde das Leben in Berge und Westtünnen aufwerten. Das sahen Ende Januar auch viele Befürworter der Wände so. Sie sehnen sich nach dem Lärmschutz. Darauf ging die Deutsche Bahn nun auch in ihrem Antwortschreiben ein. Die Befürchtungen von Schattenwurf und Lichtzirkulation teile die Bahn nicht. Und der freie Blick nach Rhynern? Den gebe es vielleicht ohnehin nicht mehr lange, wenn dort gebaut werde. Davon geht wiederum Rolf Lehmann nicht aus: Gebaut wird nicht auf dieser Seite des Südfeldwegs.

Hoffen auf Kompromiss

Gerne würden die Anwohner noch ein persönliches Gespräch mit einem Mitarbeiter führen, um auch mögliche Kompromisse zu erörtern. So bringen sie zum Beispiel die Errichtung einer Niedrig-Schallschutzwand ins Gespräch. Darauf ging die Bahn in ihrer Antwort gar nicht ein. Den Bau des Haltepunktes in Westtünnen begrüßen die Anwohner übrigens, wie sie ausdrücklich in ihrem Brief erwähnen. 

Lärmschutzwände in Wiescherhöfen

In Wiescherhöfen werden die Wände derzeit bereits aufgestellt. In Westtünnen sollen sie spätestens im Zuge des Haltepunkt-Baus errichtet werden. Und dieser soll Ende 2021 starten. Das bestätigte jüngst noch einmal der Zweckverband Schienenpersonenverkehr Ruhr Lippe. Er beantwortete eine Frage des Hammer SPD-Ratsherrn Markus Schwipp. In der Antwort heißt es: „Hamm-Westtünnen befindet sich in der Planungsphase. Es ist vorgesehen, im Rahmen der nächsten Sperrpause 2021 und 2022 mit dem Umbau zu beginnen.“

Die Position der Lärmschutzwände in Westtünnen.

Die Position der Lärmschutzwände

Dort sollen die Wände stehen (Nummern sind dem Bild zu entnehmen):

Nummer 18 (1492 Meter, Nordseite der Bahnstrecke): Silcherstraße 24 bis In der Fuchshöhle 45.

Nummer 19 (540 Meter, Südseite der Bahnstrecke): Dierhagenweg 3 bis Rauchstraße 12.

Nummer 20 (246 Meter, Südseite der Bahnstrecke): Rauchstraße 35 bis Schlaunstraße 11).

Nummer 21 (176 Meter, Nordseite der Bahnstrecke): Werler Straße 289 bis Werler Straße 290.

Nummer 22 (423 Meter, Nordseite Bahnstrecke): Rubenstraße 30 bis Grüner Weg 9.

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