Nur einmal durch C&A schlendern ...

Liebe in Zeiten des Mauerfalls: Hammer macht Sächsin 1989 nach einem Tag einen Heiratsantrag

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Rosemarie Gerull möchte nicht gern von vorn fotografiert werden. Er zeigt ihr das Hochzeitsbild in einem Fotoalbum.

Eigentlich will der Hammer Manfred Gerull im Oktober 1989 nur Urlaub in Potsdam machen. Doch er trifft eine Frau aus Sachsen, die vom Einkaufen im Westen träumt. "Ich hätte  da ‘ne Idee. Du kannst mich doch heiraten", sagt er. Sie nimmt an - dann fällt sie Mauer.

Hamm - Rosemarie Wilhelm sitzt in der Bar des Interhotels in Potsdam. Es ist der 1. Oktober 1989, ihr erster Urlaubstag. Sie ist 42 Jahre alt, Sekretärin in einem Sägewerk im sächsischen Borna, geschieden, Mutter einer erwachsenen Tochter. Eine Woche will sie ausspannen. Sie nippt an einem Gin Tonic, der den ganzen Abend reichen muss. Für einen Zweiten fehlt ihr das Geld.

Wenige Meter entfernt sitzen zwei Männer. „Man sah gleich, dass die aus dem Westen kamen“, sagt sie: die Klamotten, die Drinks, das Selbstbewusstsein. Einer der beiden spricht sie an, Peter, sie unterhält sich lange mit ihm und seinem Kumpel Manfred. Die beiden kommen aus Hamm und besuchen für drei Tage Peters Verwandte im Osten. „Wenn man in zwei Welten lebt, hat man sich ja verdammt viel zu erzählen“, sagt Manfred Gerull heute.

Bei diesem Treffen ist es einen Tag her, dass Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher den Flüchtlingen in der Prager Botschaft erklärt hat, dass sie ausreisen durften. Tausende DDR-Bürger hatten die Botschaft besetzt. Nun fahren die ersten mit dem Zug aus Tschechien in die Bundesrepublik.

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Auf dem Weg in den Osten gefilzt

Dennoch ist weder für Rosemarie Wilhelm noch den Besuch aus Hamm ersichtlich, dass die DDR bald der Vergangenheit angehören wird. Auf dem Weg in den Osten waren die Hammer gefilzt worden. Sie mussten sich am Grenzübergang Marienborn bis auf die Unterhose ausziehen, selbst in die schauten die Grenzer hinein. Trotzdem gelang es ihnen, 100 D-Mark in den Osten zu schmuggeln. 1000 Ostmark bekamen sie dafür. Damit konnten sie „auf die Kacke hauen“, erinnert sich Gerull.

Er ist heute 71 Jahre alt. Ein direkter Typ, der wenig lächelt und doch zufrieden wirkt. Er hat keine leichten Startbedingungen gehabt, seine Mutter war alleinerziehend und arbeitete in der Kneipe „Zum feuchten Eck“. Damit der Sohn nachts nicht alleine sein musste, brachte sie ihn im Kinderheim unter. Mit 13 Jahre will er nach Hause. „Ich hab’ extra Scheiße gebaut, damit die mich rausschmeißen“, sagt er. Der Plan ging auf.

Von der DDR hat Gerull im Oktober 1989 keinen guten Eindruck. Die Häuser waren heruntergekommen, die Trabbis stanken und knatterten, die Atmosphäre war bedrückend. „Das hat mich erschüttert“, sagt er. „So schlimm war es auch wieder nicht“, erwidert sie.

Rosemarie Wilhelm träumte vom Westen

Rosemarie Wilhelm hatte kein leichtes Leben im Osten und fand doch nicht alles schlecht. „Alle hatten Arbeit, egal, ob sie nur rumgesessen haben oder wirklich was gemacht haben.“ Auch sie arbeitete ab ihrem 16. Lebensjahr, immer in Vollzeit. Mühsam besorgte sie alles, was sie für den Hausstand brauchte, und hielt sich sonst raus. Sie war nicht in der Partei, ging nicht zu staatlich verordneten Demonstrationen, protestierte auch nicht gegen das Regime. Doch sie träumte vom Westen.

Das erzählt sie bei dem Mittagessen am nächsten Tag, dem 2. Oktober 1989, zu dem sie Peter und Manfred sie einladen. Sie sagt, wie gern sie mal durch C&A schlendern würde. „Da wird der Erich (Honecker) was dagegen haben“, sagt Manfred Gerull. „Aber ich hätte da ‘ne Idee. Du kannst mich doch heiraten, dann kannste immer nach C&A.“

Zu diesem Zeitpunkt ist Gerull seit zwei Jahren geschieden. Mit seiner ersten Frau war er 25 Jahre zusammen, die beiden haben sich einvernehmlich getrennt. Zwei Jahre hat er sich ausgetobt. Nun wünscht er sich Ruhe, und diese Rosemarie gefällt ihm. „Sie war mein Typ“, sagt er.

"Wenn Manni was sagt, meint er es"

Sie glaubt nicht, dass er es ernst meint. Doch der Bekannte bestätigt: Wenn Manni was sagt, meint er es. Sie willigt ein. Am 3. Oktober 1989 müssen die Hammer ausreisen. Wilhelm macht noch vier Tage Urlaub, zurück in Borna beantragt sie beim Standesamt einen Termin für die Eheschließung.

Dann fällt die Mauer. Manfred Gerull weint in Hamm vor dem Fernseher vor Rührung. Und er wartet. Ob Rosemarie kommt? Eines nachts klingelt es. Vor der Tür steht Rosemarie. Unangekündigt. Sie hat den Nachtzug genommen. Weil sie kein Telefon hatte, konnte sie nicht Bescheid sagen.

Am nächsten Tag gehen die beiden zu C&A. Er kauft ihr Oberteile und eine Uhr. War es so, wie sie es sich vorgestellt hat? „Nein“, sagt sie, „viel besser!“ Dann muss sie zurück nach Borna, arbeiten.

Hochzeit gleicht einer Vertragsschließung

In Bonn und Berlin beginnt im Winter 1989 die Arbeit für die Wiedervereinigung. Doch die Institutionen der DDR bleiben noch wie eh und je. Wilhelm erhält Post. Sie und ihr Verlobter müssen begründen, warum sie nach der Eheschließung im Westen leben wollen. Gerull arbeitet damals als Versicherungsmakler. Er bestätigt schriftlich, dass er seine 1000 Kunden nicht aus Hamm mit nach Borna nehmen kann. Dann wird die Eheschließung erlaubt und für den 11. Dezember 1989 terminiert.

Die Hochzeit gleicht einer Vertragsschließung, die Standesbeamtin wirkt griesgrämig. Danach bleibt Rosemarie Gerull noch einige Monate in Borna und übergibt ihrer Tochter den Hausstand. Im Frühjahr 1990 zieht sie nach Hamm. Warum hat sie den Hammer geheiratet – wo sie doch frei war, allein in den Westen zu gehen? „Das hätte ich nicht gemacht“, sagt sie. „Wenn ich ihn nicht kennengelernt hätte, wer weiß, vielleicht wäre ich noch in Borna?“ Aber sie hatte sich verliebt.

Ein Jahr später ging es nach Rio

Auch er war verliebt. „Sie ist aufrichtig und ehrlich, das hat mir imponiert. Und die Bescheidenheit. Die hat sich so gefreut, als ich ihr diese Uhr für 30 Mark geschenkt habe. Bei einer Westfrau hätte es mindestens was für 1000 Mark sein müssen.“

Ein Jahr nach dem Termin im Standesamt Borna fahren die beiden nach Rio. „Da hat sie das erste Mal Palmen gesehen“, sagt Gerull. „Das hat sie so beeindruckt, wir mussten an jeder Palme halten und ein Foto machen.“ Sie unternahmen noch viele Reisen, USA, Kenia, die Domenikanische Republik. Heute ist Rosemarie Gerull 73 Jahre alt.

Nach ihrer Ankunft in Hamm hat sie zwei Jahre nicht gearbeitet, dann war sie bis zur Rente Aufseherin in einer Spielhalle. Er hat vor zwei Jahren seine Arbeit als Versicherungsmakler aufgegeben. „Wir haben alles richtig gemacht“, sagt Gerull, heute 71 Jahre. In jeder Ehe gebe es Höhen und Tiefen, sagt sie, auch in ihrer. Und nun – würde sie es wieder machen, noch mal ja sagen zu diesem Wessi aus dem Interhotel? „Ja“, sagt sie, und lächelt.

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