"Irgendetwas stimmt da nicht"

Familienvater aus Hamm rettet Urlauber in Holland das Leben

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André Krysiak aus Hamm (links) bangt um das Leben des Mannes, den er kurz zuvor aus den Fluten gezogen hatte. Links oben im Hintergrund ist der Rettungshubschrauber zu sehen.

Hamm/Schagen – Ein 43-jähriger Familienvater aus Hamm hat einem anderen deutschen Urlauber in Nordholland das Leben gerettet.

Ohne sein beherztes Eingreifen wäre der Mann in der starken Brandung am Strand nahe St. Maartenszee wohl ertrunken. Von Rettungskräften wurde er anschließend erstversorgt und später in ein Krankenhaus gebracht. Doch von vorn...:

Diesen 8. August wird André Krysiak nicht vergessen. Mit seiner Frau Susanne (42) und den beiden Söhnen (8 und 14) verbringt er den Nachmittag am Strand. Es ist kurz vor 17 Uhr, sehr windig, und das Meer ist aufgewühlt. Krysiak und der jüngere Sohn verweilen in der Strandmuschel, seine Frau ist mit dem älteren unterwegs, um einen Snack zu holen. Plötzlich bemerkt Krysiak, wie etwa 100 Meter entfernt am Strand eine Frau heftig winkt.

„Irgendetwas stimmt da nicht“, denkt der 43-Jährige. Ab jetzt handelt er intuitiv. „Du bleibst hier in der Strandmuschel bis Mama kommt“, schärft er seinem Sohn ein – und läuft los. Auf dem Weg zum Strand kommt ihm ein etwa zwölfjähriger Junge entgegen, ein Sohn des Mannes, den er später retten wird. Der zweite Sohn ist noch im Wasser, gelangt aber aus eigener Kraft zurück zum Strand.

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Von Welle zu Welle heruntergedrückt

Jetzt sieht Krysiak den vom Ertrinken Bedrohten: „Von Welle zu Welle wurde er immer wieder heruntergedrückt“, erinnert sich der Hammer. Krysiak stürmt ins Meer. Er selbst kann noch stehen, doch der Mann ist nicht mehr ansprechbar, wirkt apathisch und bekommt offensichtlich nur schwer Luft. Und der treibende Körper ist schwer. „Ich habe versucht, ihn zu schultern und aus dem Wasser zu holen“, sagt Krysiak. Eine junge Frau hilft ihm schließlich dabei, den Mann am Strand in eine sichere Position zu bringen.

„Es war eindeutig, dass es hier mit zwei-, dreimal tief Luft holen nicht getan war“, so der Retter. Der Mann sei nach wie vor nicht bei vollem Bewusstsein gewesen. Die Knie muss er sich irgendwo in der Brandung aufgeschlagen haben.

André Krysiak und seine Familie verweilten am Strand, als die Hilfe des Hammers gefragt war.

Rettungsbrigade schnell vor Ort

Etwa zwei Minuten später, so schätzt Krysiak, sei die Rettungsbrigade mit einem Fahrzeug vor Ort gewesen. Abwechselnd mit einer der Mitarbeiterinnen des Rettungsdienstes habe er den schweren Körper des Mannes gestützt. Sitzend habe er offenbar etwas Erleichterung beim Atmen gespürt.

Ein Notarzt sei per Rettungshubschrauber am Strand eingetroffen, der Mann mit Sauerstoff versorgt worden. Der Notarzt habe schließlich entschieden, der Gerettete sei per Rettungswagen transportfähig. Er wurde in ein Krankenhaus nach Alkmaar gebracht.

„Die Düse geht einem erst hinterher"

Danach erst habe er realisiert, was soeben geschehen war, sagt Krysiak. „Die Düse geht einem erst hinterher. Ich musste erst mal allein mit den Füßen ins Meer.“ Seine Frau habe ihn später gefragt, ob er während der Aktion auch einmal an sich gedacht habe. „Ich habe einfach gemacht“, sagt der 43-Jährige. Dass Frau und Kinder Angst um ihn hatten, bekam er zu diesem Zeitpunkt gar nicht mit.

Noch Tage später beschäftigen Krysiak und die Familie jene Ereignisse am Strand. „Ich würde gerne wissen, wie es dem Mann weiter ergangen ist“, sagt er. Jeden Morgen beschäftige ihn das. Für ihn enden die Bilder, als ein Rettungswagen hinter den Dünen verschwindet. Bei der Rettungsbrigade habe man ihm auch keine Auskunft geben können. Die Bilder und die Fragen bleiben. „Ich halte weiter daran fest“, sagt Krysiak.

(Update 14 Uhr: Einem Facebookpost von André Krysiak zufolge ist der Gerettete inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen: "Das ist schon schön zu wissen!")

"Helfen kann Leben retten“

Eines steht für ihn außer Zweifel: „Ich würde es immer wieder so machen. Ich kann allen nur sagen: Geht hin und helft. Auch wenn ihr euch nicht sicher seid, ob wirklich jemand Hilfe braucht, oder ihr nicht wisst, was auf euch zukommen wird. Helfen kann Leben retten.“

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Kommentare

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Kommentare

Marienplatz
(2)(0)

Ich kann mich hier gerne lächerlich machen, aber beim lesen empfand ich so, wie der Retter die Situation beschrieb und bekam ganz kurz feuchte Augen. Danke, das es solche Menschen gibt.

Gabriel
(2)(0)

Gut so.
Für die Helfer ist es allerdings immer problematisch nicht zu wissen ob man erfolgreich war.
Eine Rückmeldung dazu wäre oft erleichternd.