Hilfsangebote in der Corona-Krise

Leben mit der Sucht: Unter ständigem Alkoholkonsum leiden nicht nur Betroffene selbst

Was harmlos beginnt, kann in der Abhängigkeit enden: In manchen Gegenden häufen sich die Fälle.
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Krankheit schleicht sich oft ins Leben: Viele Menschen werden nur langsam zu Alkoholikern. 

Viele Arbeitnehmer sind in Kurzarbeit, einige verloren ihre Arbeit sogar ganz. Um aus der Situation zu entfliehen, greifen Menschen gerne zur Flasche. Die Corona-Pandemie fördere laut Heinz Rode, Vorsitzender des Abstinenzforums Hamm, die Alkoholsucht.

Hamm – Traumatische Erlebnisse, ein gemindertes Selbstwertgefühl sowie viele andere Faktoren sorgten bereits vor Corona zu Alkoholabhängigkeit. „Da entsteht schnell Frust“, sagt Rode und spricht aus eigener Erfahrung. Er selbst wurde als Kind gehänselt und versuchte später, seine Probleme mit Alkohol zu bekämpfen.

Seit 45 Jahren ist er aber Abstinenzler. Hinzu komme bei vielen Betroffenen laut Rode Langeweile durch mehr Freizeit wegen ausfallender Hobbys und sinnvoller Freizeitaktivitäten. Betroffene fühlten sich in Zeiten von Corona häufig nicht mehr gebraucht. Mit Alkohol – so glauben die Abhängigen – können diese Sorgen für einige Momente vergessen werden. Eine Lösung sei das laut Rode aber nicht – allenfalls eine Scheinlösung.

Alkohol verändert auf Dauer die Persönlichkeit

Rode: „Alkoholismus ist eine psychische Erkrankung, bei der Defizite und Unzulänglichkeiten mit Alkohol versucht werden, auszugleichen. Der Alkohol hebt die Laune aber nur kurzfristig.“ Die Folgen von regelmäßigem Alkoholkonsum seien gravierender. Vor allem Angehörige leiden unter der Situation.

Sie müssten oft hilflos mit ansehen, wie sich der Charakter verändert und die einst geliebte Person immer tiefer in die Alkohol-Spirale gerät. Auf Hilfsangebote aufmerksam zu machen, sei laut Rode sinnvoller, als den Betroffenen mit leeren Versprechungen oder Trennung zu drohen.

Alkoholkranken zur Seite stehen

„Es kommt oft vor, dass diese Menschen nicht in der Lage sind, Unterhalt zu zahlen. Zudem kann es zu Drangsalierungen am Telefon und vor der Haustür führen“, sagt der Vorsitzende des Abstinenzforums. Vielen Alkoholikern sei es eine Hilfe, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Rode: „Bis sich Alkoholkranke ihr Problem eingestehen, muss leider oft erst einiges passieren.“ Führerscheinentzug wegen Fahrens unter Alkoholeinfluss, die Scheidung, der Rausschmiss aus der gemeinsamen Wohnung oder durch den unangemessenen Alkoholkonsum entstandene Krankheiten seien oft die Gründe, warum sich Betroffene ans Abstinenzforum wenden.

Ein besonders großes Problem ist laut Rode, dass der Alkohol zur gesellschaftlichen Teilhabe dazu gehöre. Der Besuch bei Freunden und Nachbarn beginne oft mit „Willst du ein Bier?“ und nicht mit „Willst du ein Wasser oder einen Kaffee?“. Rode: „Alkohol ist mittlerweile ein Kulturgut.“ Jeder trinke und das werde hoch gelobt in unserer Gesellschaft. Auf fast jeder Feier gebe es Alkohol. „Und die meisten schwimmen in der Menge mit und trinken.“ Vor allem für Alkoholiker sei es schwer, diese Angebote abzulehnen.

Hilfsangebote für Alkoholiker und Angehörige

Egal ob Pastor, Zahnarzt oder Arbeitsloser – dem Alkohol kann jeder verfallen. „Ich habe schon jeden Typ Menschen bei mir sitzen gehabt“, sagt Rode. „Alkohol macht vor keinem Halt und ist nicht abhängig vom Bildungsgrad.“ Betroffene und ihre Familien versuchten in der Regel, die stigmatisierte Krankheit zu verheimlichen. „Sie schämen sich.“

Sucht bedeute eine Realitätsstörung, die meisten Betroffenen merkten nicht, was sie sich und ihren Familien antun. Rode: „Viele Alkoholiker bagatellisieren, lügen und rationalisieren oder verharmlosen ihren Alkoholkonsum, um sich selbst zu schützen.“ Viele Abhängige kämpften bis zu ihrem Tod mit der Sucht, wenn nicht durch gezielte Maßnahmen eine Verhaltensänderung angestrebt wird.

Hilfe für Betroffene und Angehörige gibt es unter anderem beim Gesundheitsamt Hamm unter Telefon 02381/176401. Zudem bietet das Abstinenzforum Hamm unter Telefon 02381/21677 Unterstützung an.

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