Forschen in alten Gemäuern

Leben wie Harry Potter: Helena Spyrou aus Hamm leistet in Cambridge Pionierarbeit

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Die ehrwürdigen Universitätsgebäude in Cambridge erinnern stark an "Schloss Hogwarts" aus den Harry-Potter-Büchern und Filmen.

Hamm/Cambridge - Einmal leben wie Harry Potter und Co.: Das ist der Traum vieler junger Menschen. Die aus Hamm stammende Lehramtsstudentin Helena Spyrou hat sich diesen Traum erfüllt. Sieben Monate lang hat sie an der weltbekannten Cambridge-Universität an einem Forschungsprojekt mitgearbeitet.

Das Engagement auf der Insel hat die 22-Jährige einem glücklichen Zufall zu verdanken. Weil ihre Professorin, die renommierte Bildungswissenschaftlerin Ingelore Mammes, erkrankte und nicht zu einer Konferenz nach Cambridge reisen konnte, schickte sie kurzerhand ihre studentische Hilfskraft – als Protokollantin. Dort lernte Spyrou Elizabeth McGregor kennen, die in Cambridge für ihre Dissertation forscht.

„Motivierend, solche Orte selbst zu erleben“

„Ich sollte eigentlich nur alles mitschreiben, war dann aber so fasziniert, dass ich Elizabeth McGregor mit Fragen gelöchert habe“, sagt Spyrou. Beim obligatorischen Lunch nach dem Vortrag erfuhr sie, dass McGregor noch eine Mitarbeiterin für ihr Forschungsprojekt an einer Londoner Grundschule suchte. Ohne groß zu überlegen, sagte Spyrou zu und organisierte von Deutschland aus ihren Aufenthalt in Großbritannien.

Unterstützung bekam sie dabei von ihrer Universität in Duisburg-Essen, wo sie Biologie und Englisch auf Lehramt studiert. Ausgestattet mit einem Stipendium des „Center of excellence for technology education“ reiste Spyrou Mitte Dezember nach England und war erst einmal überwältigt von den alten Gemäuern in der Universitätsstadt nördlich von London.

„Es war unheimlich motivierend, solche historischen Orte selbst zu erleben“, schwärmt die 22-Jährige. „So etwas erlebt man nur einmal im Leben.“ Sie arbeitete nur unweit der ehemaligen Forschungsräume des weltbekannten Astrophysikers Stephen Hawking und warf einen Blick ins Notizbuch des Genetikers Charles Darwin. Am Homerton-College, einem der zahlenmäßig größten Institute der 31 Colleges der Universität, verbrachte Spyrou während ihrer Zeit in England viele Stunden. Sie wertete Fotos und Videos ihrer Versuche mit Grundschülern der St. Stephen’s Primary School aus. Dabei leistete sie zusammen mit McGregor Pionierarbeit.

„Drecksarbeit, aber spannend“

Beim Lernkonzept „Tinkering“, das bisher kaum erforscht ist, sollen Kinder frei und ohne Erklärung verschiedene Aufgaben bewältigen. Im Versuch von Spyrou und ihrer Kollegin mussten die Schüler komplizierte Murmelbahnen bauen und dabei lernen, wie Probleme gelöst werden. „Ich hätte nicht gedacht, wie kreativ die Kinder sind. Jeder hat einen anderen Weg gewählt“, so Spyrou.

Bei einem Vortrag stellte Helena Spyrou ein Projekt von ihr vor.

Um sich das Leben in London und damit einer der teuersten Städte der Welt leisten zu können, arbeitete die Studentin zusätzlich am Natural History Museum, wo sie Präparate von Jahrhunderte alten Pflanzen restaurierte und katalogisierte. „Eine ganz schöne Drecksarbeit. Aber total spannend“, lacht Spyrou. Dazu kamen zwei weitere Jobs an einer Grundschule und vom heimischen Schreibtisch aus für die Universität in Essen. „Das hat schon ganz schön geschlaucht. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich das alles geschafft habe.“ Spyrou wurde krank und fuhr ihr Arbeitspensum zurück, ohne ihre Pflichten zu vernachlässigen.

Sechs Wohnungen in sieben Monaten

Zusätzlich war sie immer wieder von Neuem auf der Suche nach einer Bleibe. In den sieben Monaten wohnte sie in sechs unterschiedlichen Wohnungen und zwischenzeitlich im Hotel. „Gerade für junge Leute ist es in London schwierig, eine bezahlbare Wohnung zu finden“, sagt Spyrou. Eine Vermieterin verlangte mehrere hundert Euro im Voraus – für ein Zimmer, in dem die Wände schimmelten und es von der Decke tropfte. „Da bin ich schnell wieder ausgezogen“, sagt Spyrou. Von dem Geld habe sie aber bis heute noch nicht wieder alles zurückbekommen. „Ein Lerneffekt“, sagt die 22-Jährige.

Zum Abschluss des Schuljahrs und ihrer Forschungszeit führten die Kinder der St. Stephen’s Primary School den Musical-Klassiker „My Fair Lady“ auf. Ein bewegender Moment für die Hammerin. „Ich habe so viele Stunden mit den Kindern verbracht“, sagt sie. „Da sind die ganze Arbeit und die tollen Erlebnisse noch einmal wie im Zeitraffer an mir vorbeigerattert.“ Als sie im Juli nach Deutschland zurückkehrte, war es allerdings kein Abschied für immer. Künftig soll Spyrou regelmäßig nach England reisen, um die Arbeit dort im Zwei-Monats-Rhythmus fortzusetzen.

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