Lauern auch in Hamm Gefahren durch Wölfe?

+

Hamm - Rund 150 Jahre lang galt der Wolf in Deutschland als ausgestorben – bis im Jahr 2000 das erste freilebende Rudel in Sachsen entdeckt wurde. Inzwischen fühlen sich 35 Wolfsfamilien in der Republik heimisch. Wie sieht die Situation bei uns aus, und welche Gefahren lauern durch die Wölfe?

Antworten auf diese Fragen gab Thomas Pusch, Wolfsbotschafter im Landesverband des Naturschutzbundes (Nabu), im WA-Gespräch, als er unlängst im Maxilab des Maxiparks zu Gast war.

Auch in NRW sind Wölfe gesichtet worden. Zudem gibt es immer wieder Berichte über Schafe, die von Wölfen gerissen wurden. Wie sieht die Situation in Hamm und Umgebung aus?

Thomas Pusch: Derzeit sind in NRW nur Sichtungen beziehungsweise Ende 2014 in Stemwede ein Schafsriss – und 2009 in Höxter ein Schafsriss in NRW vom damaligen Wolf aus Hessen – bestätigt. Einen Einzelwolf beziehungsweise ein Rudel gibt es noch nicht. Viele angebliche Wolfssichtungen sind jedoch freilaufende Hunde gewesen. Die Verwechslungsgefahr dabei ist sehr hoch. Auch bei den Schafsrissen handelt es sich sehr häufig (noch) um Übergriffe von Hunden.

Ist es von den Gegebenheiten her denkbar, dass sich auch in Hamm Rudel ansiedeln?

Thomas Pusch bei seinem Vortrag im Maxilab.

Pusch: Die Situation in Hamm ist derzeit „wolfsfrei“. Eine Prognose, ob und wann auch in diesem Gebiet Wölfe auftauchen oder sich dauerhaft ansiedeln, ist kaum möglich. Da spielen viele Faktoren eine Rolle. Da Wölfe nicht auf „Wildnis“ angewiesen sind, sondern auch in unserer Kulturlandschaft gute Bedingungen finden, gäbe es sicherlich auch im Umkreis von Hamm geeignete Habitate. Inwieweit Wölfe bedingt durch das Verkehrsnetz, diese Gebiete erreichen und dann als geeignet einstufen ist reine Spekulation. Daher geben wir dazu keine Prognose heraus. Da Wölfe Weitwanderer sind, ist es natürlich möglich, dass sie auch Gebiete in Hamm, zumindest als Durchzügler, streifen werden.

Wovon ernähren sich die Wölfe?

Pusch: Wölfe ernähren sich hauptsächlich von heimischem Schalenwild, mehr als 50 Prozent Rehe, aber auch Damwild, Rotwild und Wildschweine. Nutztiere spielen in der Gesamtnahrung nur eine kleine Rolle von unter einem Prozent. Dennoch können ungeschützte Nutztiere – vor allem die Schafe – auch Beute von Wölfen werden. Dabei ist es unbedeutend, ob es sich in dem entsprechenden Gebiet um ein Einzeltier, Rudel oder nur einen „Wanderwolf“ handelt.

Vor allem Nutztierhalter haben Angst vor Wölfen, wenn sie deren Tiere reißen. Wie kann man sich dagegen schützen?

Pusch: Der fachlich richtige Schutz der Nutz- und Weidetiere ist daher dringend erforderlich. Dass dieser Schutz funktioniert, zeigen die Beispiele aus den Wolfsgebieten in ganz Europa eindrucksvoll. Eine Aufgabe, bei der alle Nutztierhalter jedoch Unterstützung benötigen und von unserer Seite auch bekommen. Mittlerweile gibt es viele Organisationen, die sich sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigen.

Sind sie die Tiere für den Menschen gefährlich?

Pusch: Für den Menschen gehen von Wölfen keine größeren Gefahren aus als von allen anderen Wildtieren in unserer heimischen Natur auch. In den 15 Jahren, in denen es Wölfe in Deutschland gibt, ist noch kein Fall aufgetreten, wo sich ein Wolf einem Menschen aggressiv genähert hätte. Dennoch haben Wölfe durchaus die Möglichkeit, einem Menschen gefährlich zu werden. Der nötige Respekt, den wir Menschen allen Wildtieren entgegen bringen sollten, gilt erst recht für große Beutegreifer. In den vergangenen Jahrzehnten ist es in Europa zu keinem Angriffen von gesunden, nicht habituierten Wölfen gekommen. Da die Tollwut, ein großer Faktor für Angriffe der Wölfe auf Menschen, bei uns derzeit nicht mehr vorkommt, ist es dringend erforderlich, die Wölfe nicht an Menschen zu gewöhnen (Habituation). Die Wölfe müssen „wild“ bleiben. Eine große Aufgabe für die Zukunft wird es bleiben, die Menschen über den Wolf sachlich und mit überprüfbaren Fakten zu informieren. Gerade beim Wolf sind viele falsche Aussagen in unseren Köpfen verankert. Es ist sehr wichtig, das Wildtier Wolf so zu zeigen, wie es wirklich ist. Dabei ist weder verharmlosen noch verurteilen angesagt. Der Wolf ist kein Kuscheltier, aber auch keine blutrünstige Bestie.

Kann man inzwischen in NRW von einem Wolf-Problem reden?

Pusch: Wenn es uns gelingt, den Wolf in seinem neuen Revier als normales heimisches Wildtier zu betrachten und wir ihm seinen Lebensraum gönnen, werden auch die Wölfe nicht zu einem Problem. Wir Menschen müssen (wieder) lernen, dass eine artenreiche Natur auch von uns Rücksichtnahme erfordert. Dann steht einem konfliktarmen Miteinander nichts im Wege.

Lesen und Sehen Sie auch:

Hier streunt ein Wolfsrudel mitten in Deutschland

Hinweise auf Rückkehr des Wolfes in NRW

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare