"Hamsterfahrten"

Vertrauen in die Versorger vor Ort: Landwirte mit Hofläden und Marktständen sind gefragt in der Krise

+
Andreas und Heinrich Kraienhemke sind optimistisch, in dieser Zeit neue Stammkunden gewinnen zu können.

Hamm – In Zeiten der Coronakrise wurde auch wieder gehamstert – auch diesmal entdeckten viele Verbraucher den Weg zu den Landwirten. Neben Ständen auf den Wochenmärkten wurden dabei auch zunehmend Hofläden für die Einkäufer interessant. Aber auch dort dreht sich aktuell alles um Hygiene- und Abstandsvorschriften.

Auf dem Biolandhof Damberg in Westtünnen herrscht wieder große Nachfrage, nachdem sich Mechthild Damberg und Harald Haun Anfang April entschlossen hatten, den Hofladen An der Ahse 22 vorsorglich zu schließen, nachdem eine Mitarbeiterin vom Virus betroffen war.

Laden konnte schnell wieder öffnen

Dabei ließen sich die Hofladenbetreiber auch freiwillig selbst testen. Da keine weiteren Probleme auftauchten, konnte der Laden zügig wieder geöffnet werden. Auch in der aktuellen Situation setzen Haun und Damberg auf Sicherheit.

Bei 100 Quadratmetern Verkaufsfläche dürften offiziell zehn Kunden bedient werden. Harald Haun: „Wir lassen jeweils nur vier gleichzeitig hinein, denn an der Käsetheke und im Kassenbereich würde es sich sonst vielleicht knubbeln.“ Die Kunden können sich vor dem Eintritt die Hände desinfizieren und warten diszipliniert auf dem Hof.

Kaufverhalten schwer einschätzbar

In der ersten Phase der Coronakrise zog die Nachfrage an, sodass es laut Haun oft schwer war, genug Ware zu besorgen. Das hat sich inzwischen beruhigt. Allerdings ist es nicht immer einfach, die Nachfrage vorauszusehen. „Gerade haben wir drei Schweine verwertet, es hätten auch vier sein können“, so Harald Haun.

Dabei setzten die Selbsterzeuger auch aufs Internet – dort kann der Kunde nicht nur nachlesen, welchen Weg das Fleisch geht, sondern auch Vorbestellungen tätigen. Laut Haun hat sich die Lage nicht normalisiert, aber „eingependelt“.

Genaue Informationen zu den Produkten

Auf dem Hof Kraienhemke in Bockum-Hövel hat die Selbstvermarktung drei Säulen. Die Familie hat im Zuge der Coronakrise in allen Bereichen Erfahrungen gemacht – positive. So ist die Nachfrage nach der Frischekiste, in der Kraienhemkes auf Online-Bestellung hin Obst und Gemüse aus eigenem Anbau liefern, deutlich gestiegen. Die Lieferung bis zur Haustür gab es aber auch schon vor dem Virus.

Auf den Wochenmärkten war es am Anfang der Kontaktsperren erst etwas ruhiger geworden. „Aber es ist viel frische Luft drumherum und der Marktstand hat auch schon für Abstand gesorgt", erzählt Heinrich Kraienhemke und lobt: „Die Kunden sind in der Regel sehr diszipliniert.“ Zwei Marktstände besitzt die Familie – der Senior und sein Sohn sind damit auf den Wochenmärkten in der Stadtmitte, in Bockum-Hövel, Heessen und Werne zu finden. „Im Laufe der Zeit sind die Kunden gelassener geworden – und sie nutzen es auch gerne, sich direkt bei uns über die Produkte informieren zu lassen.“

Vorteile durch Coronavirus

„Wer einen Hofladen aufbaut, der muss sich erst einmal eine Stammkundschaft erarbeiten“, so der 56-jährige Landwirt, der sich sicher ist, gerade im Zuge der Krise neue Dauerkunden dazugewonnen zu haben.

Dabei musste auch im 30 Quadratmeter großen Hofladen am Hölter 12 auf Abstand geachtet werden. Da nicht mehr als drei Kunden gleichzeitig im Raum sein dürfen, haben die Kraienhemkes für Unterstell-Schirme bei schlechtem Wetter gesorgt. Und auch hier das Fazit von Heinrich Kraienhemke: „Die Leute haben diszipliniert gewartet und von sich aus Abstand gehalten.“

Lesen Sie auch

Wochenmarkt bleibt Hammern erhalten - Schutzmaßnahmen

Erstmals "Kirmes to go" in Hamm: Stunikenmarkt sendet Lebenszeichen

Saisonarbeit in Corona-Zeiten: Hiesige Landwirte zeigen sich zuversichtlich

Kunden auf Dauer binden

Heinrich Kraienhemke ist optimistisch, dass viele, die während der Krise kamen und kommen, zu Stammkunden werden – auch weil sie merken, dass Waren vom Erzeuger nachhaltig sind.

„Gerade die, die jetzt durch die Krise mehr Zeit haben, bereiten Mahlzeiten wieder selbst zu. Und im Gegensatz zum Discounter können wir den Leuten ja auch genaue Informationen zu den Produkten geben.“ Ob auf dem Markt oder im Hofladen freuen sich die Kunden auch, wenn sie mit Namen angesprochen werden.

Ungewissheit auf dem Erdbeerfeld

Im Hofladen des Erdbeerhofs Kötter gab es zwei Wellen – zuerst waren Eier, dann Kartoffeln extrem gefragt. Für Familie Kötter selbst waren aber vor der großen Geschäftsschließung die Baumärkte interessant.

Annette Kötter berichtet, dass noch schnell Materialien geholt wurden, um die Böden und hier und da auch eine Theke der mobilen Erdbeerhäuser vor der Saison instand zu setzen. Inzwischen werden an den mobilen Ständen in der Innenstadt und den Bezirken – etwa im Maxicenter – die ersten leckeren Früchte verkauft.

Schutz für Kunden und Mitarbeiter

Für den Kassenbereich im Hofladen wurde eine Acrylglasabsperrung angeschafft. Doch neben den Vorschriften rund um den Verkauf sind die angewachsenen Vorschriften rund um den Einsatz ausländischer Erntehelfer. „Wir wissen noch nicht, ob wir genügend Pflücker hier haben“, sagt Annette Kötter und verweist darauf, dass zu den bestehenden Anmeldevorschriften im Zuge der Kontaktsperren weitere hinzugekommen sind.

Zu wenig Helfer

So müssen Ausnahmegenehmigungen gestellt und sogar die Flüge von Mitarbeitern organisiert werden. Den Einsatz unerfahrener Kräfte sieht Annette Kötter skeptisch – die Früchte sind empfindlich. Im Austausch mit Kollegen hat Annette Kötter festgestellt, dass sich die Pandemie offensichtlich aufs Wetter ausgewirkt hat.

Der Rückgang beim Verkehr hat nach Einschätzung der Landwirte für klarere Luft gesorgt – es sind kaum Staubpartikel zwischen der Sonne und den Pflanzen, die zum einen gegen zu starke Einstrahlung und auch gegen fallende Kälte geschützt werden müssen. Und diese Situationen hat die Erdbeer-Anbauer und ihre Mitarbeiter öfter zu Schutzabdeckungsmaßnahmen gezwungen als in normalen Jahren.

Coronavirus in Hamm - weitere Infos:

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare