Wiedereröffnung als „Landmetzgerei Kohlhase“

„Dorfmetzger“ aus Werries wagt Neustart auf Rädern

 Karsten Schüpstuhl hat seine „Landmetzgerei Kohlhase“ wiedereröffnet – in Form eines Verkaufswagen im Hof in Hamm-Werries.
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Viereinhalb Meter Verkauftheke statt Ladenlokal: Karsten Schüpstuhl hat seine „Landmetzgerei Kohlhase“ wiedereröffnet – in Form eines Verkaufswagen im Hof in Werries.

Die Metzgerei Kohlhase geschlossen? Damit wollten sich offenbar einige nicht abfinden. Metzgermeister Karsten Schüpstuhl hatte eine Idee und reagierte.

Werries – Als Karsten Schüpstuhl im vergangenen Mai die „Landmetzgerei Kohlhase“ an der Braamer Straße 69 schloss, war die Enttäuschung bei vielen Kunden groß. Das ließen sie ihn und seine Frau, die ebenfalls in dem Traditionsunternehmen gearbeitet hatte, auch in den Monaten danach oft wissen – und das ging nicht spurlos an dem 54-jährigen Metzgermeister vorbei. In Schüpstuhl wuchs dann eine Idee, die er jetzt in die Tat umsetzte: Er hat die nach seinem Schwiegervater benannte Landmetzgerei wieder geöffnet. Und doch ist alles ein bisschen anders als früher.

Wer einen Blick in das alte Ladenlokal wirft, sieht außer der leerstehenden Theke nichts. Das bleibt auch so: Denn stattdessen hat sich Schüpstuhl einen Verkaufswagen zugelegt – wie man ihn vom Markt kennt – und betreibt diesen nun an drei Tagen der Woche als Hofladen in seinem Hof. Das Besondere daran: Anders als bisher, hat der 54-Jährige kein fünfköpfiges Team mehr um sich herum und macht jetzt stattdessen alles alleine – von der Produktion der Wurst- und Fleischwaren bis hin zum Auslegen der Waren und dem Verkauf.

Bislang im Hintergrund gearbeitet

Für den Metzgermeister ist das eine ganz ungewohnte Situation. „30 Jahre lang habe ich im Hintergrund gearbeitet, deshalb bin ich auf dem Wagen jetzt ein Verkaufsazubi“, sagt Schüpstuhl und lächelt. Tatsächlich habe seine Frau ihm sogar einen „Crashkurs“ gegeben, wie man beispielsweise die Waagen einstellt, mit den Kunden umgeht und die Kasse bedient.

Rückblick: Es war November des vergangenen Jahres, als Karsten Schüpstuhl und auch viele andere kleine Metzgereien die Auswirkungen des Skandals um listerienverseuchte Wurst des Herstellers „Wilke“ zu spüren bekam. Denn danach habe es immer mehr Kontrollen auch bei ihm und seinen Wurst- und Fleischwaren gegeben und der bürokratische und finanzielle Aufwand wuchs immer weiter an, erzählt Schüpstuhl. „Der Laden lief gut, es war aber irgendwann nicht mehr durchführbar“, sagt er aufgrund der immer schwierigeren Rahmenbedingungen.

Traum vom Skifahren

Auch auf das Privatleben habe sich die Arbeit ausgewirkt, schließlich drehte sich alles nur noch um den Betrieb. „Wir waren früher mal Skilaufen und wollten das gerne öfter machen“, erzählt der Metzger nachdenklich. Weil dafür keine Zeit war, blieben die Skiausflüge aber nur noch Träumerei. Im Mai dieses Jahres zog Schüpstuhl deshalb einen Schlussstrich und schloss die „Landmetzgerei Kohlhase“ – genau zehn Jahre, nachdem er diese im Mai 2010 von seinem Schwiegervater Heinz übernahm.

Wie es danach weitergehen sollte, dafür hatte er einige Ideen. „Ich kann mehr als nur Fleisch und Wurst“, sagt er mit einem Lächeln. Doch als im Laufe der Wochen die Rufe aus Werries nach einer Wiedereröffnung der Metzgerei immer lauter wurden, kam Schüpstuhl ins Grübeln. „Es juckte wieder in den Fingern, und ich wollte nicht nur herumsitzen und warten, bis es nach Corona wieder besser wird“, sagt er und nahm deshalb sein Schicksal in die Hand. Eine Wiedereröffnung des alten Ladenlokals sei dabei nicht in Frage gekommen, zumal da es eh schwierig geworden wäre, Personal zu finden, zumal auch seine Frau mittlerweile einen neuen Job hat. Die logische Folge: „Ich konnte mich nur verkleinern.“

Rückkehr hat sich herumgesprochen

Also schmiedete der Metzger einen Plan und entwickelte das Konzept eines Hofladens mit einer viereinhalb Meter langen Verkaufstheke und Öffnungszeiten immer donnerstags, freitags und samstags.

Werbung gemacht hat Karsten Schüpstuhl für seinen Hofladen nicht, ein kleiner Aushang am alten Ladenlokal war alles. Und trotzdem hat sich die Rückkehr des „Dorfmetzgers“ in Werries schnell herumgesprochen. Die Resonanz an den ersten Tagen: riesig. „Ich konnte nach dem ersten Verkaufstag gar nicht schlafen“, erzählt der sympathische Metzger – so aufgeregt war er. Klar, schließlich ist es für ihn ganz neu, auch als Verkäufer tätig zu sein. „Die Kunden haben aber alle Verständnis“, sagt Schüpstuhl, der sich erstmal in seinem neuen Hofladen zurechtfinden muss.

„Als wäre ich nie weg gewesen“

Gut komme auch das Angebot an, das regelmäßig variert. Rund 35 bis 40 Wurst- und Fleischwaren bietet der Hofladen täglich an. Dass es nicht mehr so viel ist wie früher, ist angesichts des Ein-Mann-Betriebs nur allzu verständlich. Das Wichtigste: Die Kunden freuen sich, dass ihre Landmetzgerei zurück ist, und auch Karsten Schüpstuhl hat viel Spaß an seinem Job. „Es ist, als wäre ich nie weg gewesen“, sagt er mit einem breiten Lächeln.

Apropos weg sein: Eines hat sich der Metzger schon jetzt fest vorgenommen. Denn weil es früher zu kurz kam, möchte er demnächst mit seiner Frau etwas nachholen: einen Skiurlaub. Die Kunden werden es ihm sicher gönnen.

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