Interview zur Lage in Afghanistan

„Man ist wütend“: Suheil Kadery aus Hamm fürchtet um seine Angehörigen in Kabul

Konflikt in Afghanistan
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In Kabul war es am Montag zu Chaos am Flughafen gekommen. Afghanen, die vor den Taliban fliehen wollten, rannten auf das Flugfeld, um in Sicherheit gebracht zu werden.

Es sind erschreckende Bilder, die aus Afghanistan zu uns herüberflimmern. Suheil Kadery (39) berühren sie ganz besonders. Der Notfallsanitäter ist vor 25 Jahren aus Kabul nach Deutschland geflohen. Im Interview spricht er über die Lage vor Ort.

Hamm – Während er hier mit seinen vier Kindern im Alter von 17, 13 und 4 Jahren sowie 9 Monaten in Frieden lebt, hat er Angst um seine Angehörigen in der alten Heimat.

Herr Kadery, Ihre Eltern sind vor vielen Jahren mit Ihnen nach Deutschland geflohen. Was war das für eine Zeit?
Das war, als damals die Taliban nach Kabul gekommen sind. Da sind wir geflohen. Das war die gleiche Situation wie jetzt. Die Bilder, die man jetzt im Fernsehen sieht, kommen mir sehr bekannt vor. Wie wir geflüchtet sind, wie es war. Wenn ich die Bilder in den Medien, auf Facebook sehe, kommen die Erinnerungen wieder hoch. Ich war damals 17 Jahre alt.
Das heißt, Sie erinnern sich auch noch an das Afghanistan früher, bevor die Taliban stark wurden?
Ja, ich kann mich noch erinnern. Ich bin zur Schule gegangen. Meine Eltern haben Jobs gehabt. Meine Mutter war Lehrerin, mein Vater Beamter. Wir haben glücklich gelebt, ohne Sorgen. Aber dann hat die Geschichte mit den Taliban angefangen und wir sind geflüchtet.
Aber nicht alle, Sie haben noch Tanten und Onkel in Kabul.
Die leben noch in Afghanistan, weil die damals keine Möglichkeit hatten, rauszukommen. Bevor wir nach Deutschland kamen, waren meine Großeltern schon hier und mein Onkel mütterlicherseits. Die haben uns finanziell unterstützt, dass wir Afghanistan verlassen und nach Deutschland kommen konnten.
Ungewisse Lage: Suheil Kadery schaut aus dem Medienhaus auf Hamm. Seine Verwandten fürchten in Kabul um ihr Leben.
Wie ist der Kontakt zu Ihrer Familie in Afghanistan gerade?
Momentan telefonieren wir noch regelmäßig. Man weiß aber nicht, wie lange Internet und Telefone noch funktionieren werden. Die wissen nicht, wie es weitergeht. Es ist alles unklar.
Sie haben am Sonntag noch gesprochen, als die Taliban den Regierungssitz eingenommen haben. Wie war das?
Ich habe mit meinem Onkel telefoniert. Er sagte, gegen 10 Uhr haben die Geschäfte geschlossen, auch die Banken und Lebensmittelgeschäfte. Keiner wusste, was los ist. Plötzlich war das Militär weg. Da haben die dann geahnt, dass die Taliban wohl da sein müssen. Viele sind draußen hin und her gelaufen, haben ihre Familie gepackt und sind zum Flughafen gelaufen oder zu den Grenzen, aber leider vergebens. Die Grenzen sind zu, der Flughafen ist zu. Da kommt keiner raus oder rein.
Und Ihre Verwandtschaft versucht zu fliehen?
Die haben es nicht versucht. Es ist zu riskant. Mein Onkel hat zwei Söhne, die mit ihm leben und die haben Familien mit kleinen Kindern. Die finden es zu riskant etwas zu unternehmen, denn man weiß ja nicht, wie es weitergeht. Man hört, dass zwei Menschen am Flughafen gestorben sind.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Bilder sehen?
Das ist reine Emotion. Bei mir kommt die Erinnerung hoch. Man ist wütend. Warum ist das so? Nach 20 Jahren sind wir wieder da, wo wir vor 20 Jahren waren. Es hat sich nichts geändert. 20 Jahre wieder zurück. Ich bin wütend und traurig, dass nichts passiert.
Taliban-Kämpfer patrouillieren in Kabul. Ihre Anführer versichern den Menschen, dass sie keine Angst haben müssten.
Was würden Sie sich wünschen?
Dass Ruhe einkehrt. Dass die Menschen Rechte haben. Jetzt bist du Frau, Kind oder Mann und als Mann hast du mehr Rechte als als Frau. Das darf nicht sein. Alle müssen gleich sein. Man muss als Mensch gesehen werden.
Werden Sie versuchen, Ihre Familie nach Deutschland zu holen?
Da ich beim Roten Kreuz arbeite, hatte ich am Montagmorgen einen Termin mit einem Flüchtlingshelfer vom DRK und gefragt, ob Möglichkeiten bestehen, dass man die Familie rüberbringen kann. Er hat mir keine großen Hoffnungen gemacht. Aber ich bleibe am Ball. Ich versuche es weiterhin. Natürlich möchte ich, dass die in Sicherheit sind. Dass sie in Zukunft ein besseres Leben haben. Ich meine, seit ich geboren bin, ist in Afghanistan Krieg. Also ich habe nichts anderes erlebt.
Glauben Sie, Afghanistan ist verloren?
Bis jetzt hatte ich die Hoffnung, in zehn oder 20 Jahren könnte Afghanistan auf eignen Beinen stehen. Aber wenn ich das so sehe, denke ich, dass Afghanistan wieder 50 Jahre zurück ist. Da ist glaube ich alles verloren.
Fürchtet Ihre Familie um ihr Leben?
Ja, die fürchten sich. Die fürchten, was demnächst kommen wird, aber die sind machtlos.
Die Situation in Afghanistan ist auch in Ihrer Familie in Deutschland Thema.
Ja, wir reden ständig darüber. Mit meinen Eltern und auch meinen Kindern. Am Sonntag stand mein Sohn vor mir, er ist 13 Jahre alt, in Deutschland geboren und aufgewachsen. Er fragte mich: Was ist mit dem Onkel in Afghanistan? Wie lebt der? Ich habe ihm gesagt, noch geht es ihm gut; wie es weitergeht, wissen wir nicht. Und dann hat er gesagt: Kann er nicht einfach rüberkommen? Kannst du nicht was machen, dass er kommt? Ich habe gesagt, ich weiß nicht, wie ich das machen soll.
Mit Bundeswehr-Flugzeugen werden Menschen aus Afghanistan ausgeflogen - hier landet ein Airbus in Taschkent/Usbekistan.
Für jeden in Deutschland oder der EU ist das unvorstellbar. Was machen die Menschen da gerade? Ihre Familie zum Beispiel. Alles ist geschlossen, Schule und Arbeit finden auch nicht statt, oder?
Momentan ist alles zu, sogar Lebensmittelgeschäfte. Die sitzen einfach zuhause vor dem Fernseher, gucken die Nachrichten und warten darauf, wie es weitergeht. Was passiert die nächste halbe Stunde oder die nächsten Tage? Man weiß es nicht. Irgendwann werden die Lebensmittel knapp werden, wir können ihnen auch nichts schicken, denn es würde nicht ankommen.
Das ist unvorstellbar.
Ich bin sehr verzweifelt. Als ich gefragt wurde, ob ich das Interview geben möchte, war ich hin und hergerissen. Ich habe mich gefragt, hilft es uns? Die Verzweiflung ist gerade sehr groß. Ich hoffe, dass von europäischer oder amerikanischer Seite irgendeine Hilfe kommen wird. Und wir nicht einfach in Vergessenheit geraten.

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