"Hier regiert die Angst, nicht die Vernunft"

Das Lächeln trügt: Ein Hammer durchlebt die Krise in São Paulo

Martin Abend mit Frau Maria Eugenia, Moritz (18), Maria Isabel (14), Mariana (10) und Hund Paul (sechs Monate).
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Martin Abend mit Frau Maria Eugenia, Moritz (18), Maria Isabel (14), Mariana (10) und Hund Paul (sechs Monate).

Der Hammer Martin Abend durchlebt die Corona-Krise in der brasilianischen Metropole São Paulo. Er sagt: "Hier regiert die Angst, nicht die Vernunft."

Hamm – Das Foto zeigt eine Familie in Sommerstimmung, glückliche Gesichter aufgenommen in einem aufgeräumten Stadtviertel mit sattem Grün. Doch der Schein trügt. Denn auch das Leben im Stadtteil Interlagos nahe der Formel-1-Rennstrecke im brasilianischen São Paulo ist inzwischen von Angst durchzogen. Das Lächeln ist fürs Foto, denn Corona bestimmt das Geschehen in der Metropole.

2019 zog der gebürtige Hammer Martin Abend (54) mit seiner Frau und den drei Kindern nach São Paulo, weil er dort Englisch und Spanisch an einer von zwei deutschen Schulen unterrichten wollte. Knapp 10.000 Kilometer Luftlinie entfernt von seinen deutschen Wurzeln lief das Leben gut an für die Familie. Ein Haus, sieben Minuten Weg bis zur Schule, ein Job als Oberstufenkoordinator mit Schülern zwischen der 9. Klasse und dem Abitur: Abend hatte alles richtig gemacht mit seiner Bewerbung.

Jetzt hat das Virus das Leben in der Weltstadt mit ihren rund 12 Millionen Einwohnern im Kern und 22 Millionen im Ballungsraum fest im Griff. „Niemand weiß, wie es hier weitergeht“, sagt Abend. „Echte, verlässliche Zahlen über Erkrankungen gibt es nicht. Getestet wird nur in Privatkliniken. Die Krise in den Favelas hat begonnen, und es herrscht die nackte Angst.“

Sozialer Albtraum und Plünderungen befürchtet

Abends Hausarzt hat sich in einer Videobotschaft an Menschen in den politischen Schaltstellen der Gesellschaft gewandt. Er fürchtet einen sozialen Albtraum und Plünderungen, wenn Menschen nicht bald wieder arbeiten gehen können. „Wer nicht arbeitet, kann nichts zu essen kaufen. Es wird zu Angriffen auf Supermärkte kommen. Brasilianer sparen in der Regel nicht für schlechtere Zeiten.“ Seine Lösung: jüngere und ältere Menschen voneinander trennen und die Wirtschaft wieder hochfahren.

Zwar hat Abend keine Sorge um seine persönliche Existenz (das Gehalt kommt aus Deutschland), er fürchtet den Kontrollverlust, wenn sich die Situation weiter zuspitzt. „Wenn sich die Menschen jetzt zum Beispiel beim Einkaufen mit Handschuhen und Mundschutz noch vernünftig verhalten, tun sie das in erste Linie, weil die Angst regiert, nicht die Vernunft.“ Die Krise bedeute den Verlust des sozialen Lebens: Arbeit, Sport, Musik, Fröhlichkeit – alles, was dort sonst so wichtig sei.

„Es ist eine brutale Einschränkung, das aushalten zu müssen. Es ist die Frage, wie lange Menschen das durchhalten können“, sagt Abend. Seine Schule schloss vor zwei Wochen. Zunächst fanden noch Konferenzen des Kollegiums im Schulgebäude statt, nun läuft alles per Video. Für Abend war das weitgehend Neuland. „Ich lerne genauso dazu wie die Schüler“, sagt er und lacht. „Aber es funktioniert ganz gut.“

Das Stadion in Sao Paulo ist ein Lazarett.

"Jetzt macht hier keiner mehr Witze"

Nun sei bekannt geworden, dass der Vater eines Schülers bereits vor neun Tagen positiv getestet worden sei. Damit sei das Virus bedrohlich nah gekommen. Was die Nachricht genau für ihn bedeute, wisse er noch nicht. „Anfangs wurden noch Witze über das Virus und die Erkrankung gemacht. Jetzt macht hier keiner mehr Witze, wenn Menschen sterben und Fußballstadien zu Lazaretten umfunktioniert werden.“

Wie sein Hausarzt auch glaubt Abend, dass es eine radikale Lösung geben muss, damit die Wirtschaft möglichst schnell wieder anläuft. Sein Vertrauen auf schnelle Hilfen durch den Staat ist gering: „Die gibt es bisher nicht. Es dauert ewig, bis etwas die Bürokratie durchlaufen hat.“ Sein Arzt prangert den politischen Disput um Corona zu Lasten der Menschen an.

Wie Millionen andere hofft Abend nun vor allem eines für sich und die Familie: gesund zu bleiben. „Grüß mir die Stein-Schüler“ in Hamm und „Hau rein!“ sagt er zum Abschied.

Das ist Martin Abend:

Martin Abend (54) machte 1984 sein Abitur am Freiherr-vom-Stein-Gymnasium. Seine erste Lehrerstelle trat er in Essen an. Seine besondere Liebe zu Südamerika führte ihn von 2007 bis 2013 an eine deutsche Schule in Mexiko City. Von dort ging es zurück nach Duisburg und 2019 auf eigenen Wunsch nach São Paulo. Seine dortige Schule hat knapp 1000 Kinder, im Alter von zwei Jahren bis zum Abitur. Abend ist verheiratet und hat drei Kinder. Er bezeichnet sich selbst als Weltenbummler.

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