Serie: Was braucht Heessen? - Welche Erfahrungen machen Sie?

Kuscheln mit Wildfremden: Im Bus wird‘s oft zu eng

So geht Bus: Hildegard Mandel und ihre Enkelin Selina sind sehr viel mit dem Bus unterwegs. Im Großen und Ganzen sind sie zufrieden mit dem Angebot – aber Verbesserungsvorschläge und Kritik haben sie auch.
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So geht Bus: Hildegard Mandel und ihre Enkelin Selina sind sehr viel mit dem Bus unterwegs. Im Großen und Ganzen sind sie zufrieden mit dem Angebot – aber Verbesserungsvorschläge und Kritik haben sie auch.

Selina Mandel und ihre Oma Hildegard sind auf den kennen den Nahverkehr aus dem Effeff, sie sind auf den Bus angewiesen. Vieles finden sie gut, einiges verbesserungswürdig. Welche Erfahrungen machen Sie? Diskutieren Sie mit! (Formular im Artikel)

Heessen – Wenn Selina Mandel irgendwo hin will, hat sie die Wahl zwischen zwei Bushaltestellen und zwei Buslinien, den Linien 11 und 12. Das führt dazu, dass sie jede Viertelstunde in einen Bus steigen kann, der Richtung Hauptbahnhof Hamm fährt, der eine über die Münsterstraße, der andere durch das Heessener Dorf. „Da bin ich ganz schön privilegiert“, sagt die 28-Jährige, und ihre Oma, die wie die Enkelin in Dasbeck lebt, genießt das Privileg der zwei Buslinien.

StadtbezirkHeessen
Einwohner23.944 (Stand: 31.12.2020)
Verkehr auf der Münsterstraße, pro Tag28.000 Fahrzeuge (Quelle: Verkehrsbericht Hamm 2018)
Anteil der Fußgänger21 Prozent (Quelle: Verkehrsbericht Hamm 2018)

Immer mit dem Bus in Heessen unterwegs: Hildegard und Selina Mandel

Hildegard Mandel ist 88 Jahre alt und immer mit dem Bus gefahren. Sie hatte nie einen Führerschein. Ihre Enkelin auch nicht, die 28-Jährige hat eine Gehbehinderung und ihr Gleichgewicht ist beeinträchtigt, und deswegen kann sie nicht lange stehen. Sie hat einen Schwerbehindertenausweis. Ihre Behinderung fällt vielen Menschen nicht auf – das spielt an einem anderen Punkt eine Rolle. Beide schildern ihre Erfahrungen mit dem Busfahren in Heessen

Hildegard Mandels Ziele liegen nicht weit entfernt, meistens fährt sie zum Heessener Markt, zum Arzt und zuweilen zu einer Freundin in Berge. Seit kurzem hat sie einen Rollator. „Manchmal gehe ich zum Heessener Markt, das dauert eine halbe Stunde“, sagt sie, „jeder Schritt tut mir ja gut.“ Dann aber beklagt sie den Zustand vieler Bürgersteige. „Rubbelig“ seien die häufig, geflickt oder hätten eine Oberfläche, die dem Gehen mit Rollator nicht entgegen käme. Beständiges Problem sind die Absenkungen vor den Grundstücksauffahrten. „Ich verstehe ja, dass die sein müssen, die Leute müssen ja raus mit ihrem Auto“, sagt sie, „aber dann zieht es meinen Rollator immer so nach links.“

Wege mit dem Bus: Es ist einfach, in die Innenstadt zu kommen

Die Ziele, die ihre Enkelin mit dem Bus ansteuert, liegen etwas weiter entfernt. Sie steuert die Hammer City an, um Freunde zu treffen oder Therapietermine wahrzunehmen. Ihr Hausarzt praktiziert in Herringen, ihr Opa wohnt in Pelkum – und das bedeutet: umsteigen am Bahnhof.

„Wenn ich nur in die Innenstadt will, finde ich die Verbindungen gut“, sagt Selina Mandel, „aber wenn ich umsteigen muss, kann die Fahrt insgesamt ganz schön lange dauern.“ Das müsse sich ändern. Ob die Ringbuslinie hilft?

Busverkehr in Stoßzeiten: Weshalb nicht mehr Busse, wenn Schüler unterwegs sind?

Probleme sehen beide eher in den Begleiterscheinungen des Busfahren. „Ein großer, großer Punkt ist der Schülerverkehr“, sagt Selina, „ich plane meinen Tag danach, den Schülern auszuweichen.“ Es geht um den Geräuschpegel, die Schwierigkeit, einen Sitz zu finden und die drangvolle Enge: „Ich will nicht kuscheln mit wildfremden Leuten“, sagt sie, „das ist für alle Beteiligten nicht schön“. Sie komme zu manchen Zeiten nicht von A nach B, ohne einem Nervenzusammenbruch nahe zu sein. Ihre Frage: „Kann man da nicht mehr Busse einsetzen?“

Und: „Schwierigkeiten bekomme ich oft, wenn ich den Gehstock nicht mitnehme“, sagt Selina. Ohne Gehstock sei sie nicht sofort als Mensch mit Behinderung zu erkennen. Dann regierten Fahrer schon mal ungeduldig, wenn sie länger brauche, starteten zu früh. „Dann fliege ich manchmal fast durch den Bus, aber bislang haben nich andere Gäste immer festgehalten.“

Busfahren am Wochenende: Fahrplan ist ausgedünnt

Ihr letzter Kritikpunkt: Am Wochenende ist der Fahrplan ausgedünnt. Samstags ab 18 Uhr fahren die Busse nur stündlic. Ja, sagt Selina, die Busse seien leer, sie verstünde, dass weniger Fahrten angeboten würden. Dennoch sei es eine Einschränkung, wenn sich anderswo nicht zwei Buslinien kreuzten und nur ein Bus pro Stunde fährt.

Ihre Oma Hildegard würdigt ebenfalls die doppelte Linie praktisch vor der Haustür. Sie fühlt sich sicher im Bus – wie ihre Enkelin. Und sie ist mit dem Zustand der Busse genauso wie diese zufrieden. Bei ihr nehmen die Fahrer in aller Regel Rücksicht und warten, bis sie sitzt. Ein Problem hat sie erst seit kurzem, seit sie wegen Schwindelanfällen mit dem Rollator unterwegs ist.

Schwierigkeit beim Busfahren: Nicht alle Gehsteige sind abgesenkt

„Ich steige meist im Meisenhag ein“, sagt Hildegard Mandel, „und da ist der Bordstein noch wie früher.“ Dann halte der Bus zwar nah am Bürgersteig, aber es gibt noch immer diese Lücke zwischen dem nicht baulich angehobenen Bordstein und dem Bus. „Die Lücke ist zu klein für den Rollator – und dann muss ich den Rollator aus dem Bus in einer einzigen Drehung auf den Bürgersteig stellen“, sagt Hildegard, „und das fällt mir sehr schwer.“ An der Haltestelle Sonnenknapp sei es genauso, und zur bereits verbesserten Haltestelle an der Familienoase ist es ihr meist zu weit. Und: Nicht immer senken die Fahrer den Bus ab, damit die Stufe zum Einsteigen nicht so hoch ist, hat Selina beobachtet.

Wenn sie jetzt einkauft, ist sie zufrieden mit der Verbindung. „Ich fahre zur Kleinen Amtsstraße, und da habe ich alles, was ich brauche“, sagt sie. Und der Heessener Markt mit den Ärzten ist auch nicht weit weg.

Seniorin: Selbst mit acht Kindern zu Fuß, mit dem Rad oder per Bus beim einkaufen

Hildegard ist schon ihr ganzes 88-jähriges Leben zu Fuß, mit dem Rad oder dem Bus unterwegs – und das bei acht Kindern. Früher machte sie den Großeinkauf bei Reschko am Dasbecker Weg, begleitet von Eltern oder Schwiegereltern sowie ihrem Mann. „Mein Fahrrad haben wir so voll geladen, dass ich es nach Hause geschoben habe“, sagt sie, „und wer mich begleitet hatte, trug noch Taschen dazu.“

Ihr Vater war Straßenbahnfahrer, 50 Jahre lang auf der Schiene in Hamm unterwegs, und er hat die letzte Bahn im Hammer Süden gefahren. Und so ist es nicht erstaunlich, dass Hildegard dieses Verkehrsmittel am besten gefällt – und findet: „Schade, dass die abgeschafft wurde.“

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