Überzeugung durch klare Ansprache

Kurse bei Kampfsportler „Mao“: Wo aus Hausfrauen „Monster“ werden

Nichts für Mädchen, nur für echte Frauen: Mahmut Comcuoglu, alias Mao, ist nicht zimperlich in seinen Kursstunden.
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Nichts für Mädchen, nur für echte Frauen: Mahmut Comcuoglu, alias Mao, ist nicht zimperlich in seinen Kursstunden.

Nach Feierabend bringt Mahmut Comcuoglu rund 70 Frauen zwischen zwölf und 72 Jahren aus unserer Region auf Touren. „Tagsüber sind viele von ihnen Hausfrauen, aber in meinem Kurs werden sie zu Monstern“, sagt der Mann, der von allen „Mao“ genannt wird.

Hamm/Ahlen – Mahmut Comcuoglu lehrt Kick Bo, eine Zusammenführung verschiedener Kampfsportelemente, bei der vor allem Faustschläge und Kicks, also Trittbewegungen, ausgeführt werden. Und er schreckt auch nicht davor zurück, seine Mädels zu beschimpfen, um sie anzuspornen. „Ich nenne sie beispielsweise ,faule Ratten’ - aber wer sich traut, in meinen Kurs zu kommen, der muss das aushalten können. Ich bin da manchmal recht emotional, dann geht es mit mir durch“, sagt Mao und lacht. Trainiert hat der 45-Jährige in den vielen Jahren, die er bereits als Kampfsportler aktiv ist, sowohl in Hamm als auch in Ahlen.

Tagsüber im Qualitätsmanagement eines Ahlener Unternehmens tätig, stellt er nach Feierabend sein Stativ im „Freiraum“ auf, um auch in Corona-Zeiten Trainingsrunden zu realisieren, die seine Kursteilnehmer mit wenigen Handgriffen auf den heimischen Fernseher umleiten können. Kinder und Frauen boxen sich aktuell also im Wohnzimmer durchs Leben, den Blick auf den Fernseher gerichtet. „Mehr als zwei Quadratmeter brauchen wir nicht“, sagt Mao. Wer sich drehen und kicken kann, kann mitmachen. Damit seine Mädels in Schwung kommen, wählt der Trainer als musikalische Untermalung des Trainings Hardcore-Techno. „Das pusht.“ Gerührt ist er, wenn er sieht, dass sich die Mitglieder seiner Trainingsgruppen auch daheim mit größter Ernsthaftigkeit vorbereiten. Fällt der Startschuss, stehen sie in Trainingsklamotten in ihren Wohnzimmern und haben die Boxbandagen an den Händen.

Wo aus Hausfrauen Monster werden: Selbstmord riss Riesenlücke

Mao wird bei der Trainingsarbeit von seiner Schwester und Co-Trainerin Özlem Dumlu Comcuoglu unterstützt, die auch hinter der Kamera dafür sorgt, dass ihr Bruder bei den Live-Übertragungen in die geschlossene Facebook-Gruppe gut zu sehen ist. Trainiert wird aktuell zwei Mal die Woche; dadurch, dass die Geschwister sich gegenseitig vertreten können, sei stets darauf Verlass, dass das Training stattfinde, erklärt Mao.

Die Geschwister wissen, dass es zwei elementare Dinge gibt, die einen im und am Leben halten: positive Erfahrungen und Herausforderungen, die man meistern will. Seit zwölf Jahren ist Kick Bo wesentlicher Bestandteil ihres Lebens und hat ihnen geholfen, eine schwere Krise zu meistern. Der Selbstmord des gemeinsamen Bruders, eines erfolgreichen Kampfsportlers, riss unvermittelt eine Riesenlücke in beider Leben und stürzte sie in ein tiefes Loch. Mao war es schließlich, der beschloss, dass es so nicht weitergehen könne.

Keine Einheit fällt aus: Zur Not, wie jetzt in Pandemie-Zeiten, gibt es Training am Bildschirm.

Wo aus Hausfrauen Monster werden: Kalorien-Versprechen als Köder

Er begann zu trainieren, begeisterte bald auch seine Schwester für Kick Bo. „Meiner Schwester ging es damals nicht gut – sie wog über 100 Kilo. Heute sind es gerade mal 49, und sie ist glücklich“, erzählt Mao. Krisen sind für ihn ein Mannschaftssport. Begegnet ihm Positives, schnappt er erfreuliche Nachrichten auf, dann teilt er gern und postet, was ihn freut – unter anderem über seinen Facebook-Account.

Nicht zuletzt dafür lieben ihn seine Fans, die in Corona-Zeiten zu ihm halten. Gerne ködert er die Teilnehmerinnen mit dem Versprechen, dass sie in einer Stunde intensiven Trainierens locker 1000 Kalorien verbrennen können. Für einige der Frauen gehören einstige Figurprobleme somit der Vergangenheit an.

Damit es nicht langweilig wird, lässt sich der Trainer immer wieder kleine Überraschungen wie etwa eine Verlosung von Boxbandagen einfallen.

Wo aus Hausfrauen Monster werden: Verlosung für zwischendurch

Der herzliche wie fröhliche Typ mit dem durchtrainieren Körper kann allerdings knallhart sein, wenn es drauf ankommt. Der Träger des 3. Dans im Taekwondo weiß, dass man nichts geschenkt bekommt. Gern erzählt er daher von jener Kurs-Teilnehmerin, die er der Tür verwiesen hat.

„Kick Bo ist nicht für jeden was. Ich hatte ihr ein paar Bewegungen gezeigt, aber es hat einfach nicht funktioniert. Da habe ich ihr empfohlen, sich einen anderen Sport zu suchen. Sie war enttäuscht. Aber nach ein paar Wochen kam sie wieder. Sie hatte geübt und ist ab da dann regelmäßig zum Training gekommen“, erzählt Mao, dem es wichtig ist, dass seine Mädels das Training ernst nehmen und mit Disziplin zu Werke gehen.

Wo aus Hausfrauen Monster werden: Sich im Notfall wehren können

Dass der Sport das Selbstbewusstsein stärkt und gerade auch für Frauen, die sonst nicht aus sich heraus gehen, wichtig ist, weiß er aus zahlreichen Gesprächen. Die Straßen seien nicht sicherer geworden, und für Frauen sei es wichtig, sich im Notfall wehren zu können, weiß der Trainer. Die Frauen gehen innerhalb der 45 Minuten dauernden Trainingseinheiten zwar nicht in den Nahkampf, verinnerlichen aber im Laufe der Zeit Bewegungsabläufe, die zur Selbstverteidigung eingesetzt werden können.

Schmunzeln muss Mao, wenn er an jene Teilnehmerin denkt, die als Angestellte einer Drogeriekette einen Ladendieb mit Fausthieben und hochgezogenem Knie schachmatt setzte. Genau so, wie sie es bei Mao gelernt hat.

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