Künstler kreiert „Cellograff“ an Mahnmal - Dann schreitet die Stadt ein

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Unerwünschte Darstellung: Das Werk auf Folie wurde nach kurzer Zeit wieder entfernt.

Kaum waren die drei großformatigen Graffiti-Kunstwerke an der Gedenkstätte Alte Synagoge entstanden, waren sie auch schon wieder weg. Die Stadt hatte sie entfernen lassen, weil es sich um die nicht genehmigte Aktion eines Künstlers handelte, der seine Werke mit „Daniel Roar“ signiert.

Hamm – Hinter dem Pseudonym „Daniel Roar“ steckt der Berliner Künstler Daniel Ihrke, der mit seinen „Cellograffs“, wie er seine Arbeiten nennt, landauf, landab für Aufmerksamkeit sorgt. Ihrke besucht jemand Bekanntes in Hamm, vorher hatte er noch keinen Bezug zu Nordrhein-Westfalen. Sein „Arbeitsmaterial“ hat er immer im Gepäck: professionelle Stretchfolie und Sprühdosen. Für ein temporäres Kunstwerk sucht sich der 32-Jährige dann zwei stabile Endpunkte, um die er die Folie wickeln kann – das können Schilderpfosten sein, in Hamm waren es die Baumstämme am Santa-Monica-Platz.

„Ich lasse den historischen Kontext außen vor“, sagt Ihrke. Dass es sich an dem jetzt von ihm gewählten Ort um ein Mahnmal handelt, sei ihm nicht bewusst gewesen. Die um die Bäume gespannte Folie nutzte er als Leinwand, „gemalt“ wurden die gegenstandslosen Motive in Schwarz, Weiß und Rot mit Sprühdosen. Statt mit der Dose könne er auch mit dem Pinsel arbeiten. Die Ergebnisse nennt er „Cellograffs“ – eine Symbiose aus „Cellophan“ (als Synonym für die Folie) und „Graffiti“.

Die Folie als Untergrund hat laut Ihrke Vorteile gegenüber Wänden, auf denen legal gesprüht werden darf: Er müsse nichts grundieren und er könne sich die Umgebung für seine Kunstwerke selbst aussuchen. Dass sie temporär sind, ist dem Berliner durchaus bewusst; darum dokumentiert er sie auch direkt nach Fertigstellung – bevor sie von den Kommunen entfernt werden. Das kalkuliert er ein. Was Ihrke allerdings mächtig stört, ist Vandalismus: Schon eine Stunde, nachdem er das erste von drei Cellograffs am Synagogen-Mahnmal fertiggestellt hatte, sei es mehrfach mit einem Messer eingeritzt worden. „Das tut weh. Das ist, als wenn man darauf spuckt“, sagt der Künstler.

Kunst zwischen zwei Bäumen: Daniel Ihrke hat die Folie gespannt und besprüht. (Ein Klick recht oben in das Bild zeigt das komplette Motiv.)

Selbst mit Antrag wäre es nicht genehmigt worden

Seit neun Jahren ist der ausgebildete Gestalter quer durchs Land unterwegs, um Auftragsarbeiten zu erledigen oder Workshops zu geben. Mittlerweile hat er angefangen, Kommunikationsdesign zu studieren. Dominierten in seinen Arbeiten früher Buchstaben, sind es mittlerweile meist ästhetische Kompositionen ohne gegenständliches Motiv.

Wie bei den drei Cellograffs am Mahnmal. Die fand Stadtsprecher Tom Herberg vom Prinzip her „gar nicht mal schlecht“. Aber an einer derart exponierten Stelle seien sie „nicht angebracht“ gewesen und deshalb schnell entfernt worden. „Selbst mit einem Antrag wären die Kunstwerke an dieser Stelle nicht genehmigt worden“, stellt Herberg klar.

Ansonsten werde die Stadt den Fall aber nicht weiterverfolgen, schließlich sei nichts beschädigt worden und die Motive seien nicht rassistisch oder diskriminierend gewesen.

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