Verblüffende Zahlen gegen die Wahrnehmung

Kriminalität: Früher war alles besser in Hamm? Von wegen!

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Hamm - Es wurde geraubt, geschossen und gemordet. Und das mit ziemlicher Regelmäßigkeit. Wer glaubt, dass früher alles besser war, fährt zumindest beim Thema „Kriminalität in Hamm“ auf dem falschen Dampfer.

Das Landeskriminalamt hat auf WA-Anfrage in sein Archiv geblickt und einige Zahlen zu den in vergangenen Tagen in der Stadt begangenen Verbrechen zusammengestellt. Die Ergebnisse sind durchaus verblüffend.

Bankraub-Drama im Hözken 1994

Einer der besonders dramatischen Fälle, die sich 1994 – also vor 25 Jahren – zutrugen, spielte in der Sparkassen-Filiale an der Peterstraße in Lohauserholz. (Heute befindet sich in dem Gebäude eine Physiotherapie-Praxis.) Ein maskierter Mann betrat am Nachmittag jenes 30. März den Schalterraum und bedrohte Angestellte und Kunden mit einer schallgedämpften Pistole. Die Waffe war echt, und der Räuber war offenkundig bereit, über Leichen zu gehen.

Weil es ihm nicht schnell genug ging, dass man ihm das Geld aushändigte, richtete er die Pistole auf den Kopf einer Kundin und drückte ab. Der Schuss ging nicht los, weil die Waffe klemmte.

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Mit 100.000 Mark als Beute lief der Mann schließlich aus der Bank und versteckte sich in der benachbarten Markusstraße in einem Gartenhaus. Ein Zeuge, vermutlich der Besitzer des Häuschens, wurde ihm zum Verhängnis. Weil dieser Mann etwas Verdächtiges beobachtet hatte, war er zum Gartenhaus gegangen und hatte es von außen verschlossen. Eineinhalb Stunden nach dem Überfall saß der Räuber in der Falle und beging eine Verzweiflungstat.

Als gegen 17 Uhr die Polizei eintraf, fand sie darin seine Leiche. Er hatte sich selbst erschossen. Neben ihm lag die gesamte Beute. Unsere Zeitung berichtete zwei Tage später, dass es sich um einen 45-jährigen polnischen Staatsbürger gehandelt hatte, der mit einem Touristenvisum nach Deutschland eingereist war.

Banküberfälle an der Tagesordnung

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Banküberfälle waren zu jener Zeit an der Tagesordnung. Selbst in kleinen Filialen lagerten häufig fünfstellige Geldbeträge. Heute ist das nicht mehr der Fall, und das hat sich auch unter den Kriminellen herumgesprochen. Einen Bankraub hat es in Hamm seit Jahren nicht gegeben.

Tankstellen, Spielhallen und gelegentlich auch Supermärkte sind an die Stelle getreten, wobei in diesen Lokalitäten deutlich weniger Beute zu holen ist.

Smartphones – heute eine der häufigsten Beutestücke bei einem Straßenraub – gab es vor 25 Jahren nicht. Dennoch wurden 1994 mehr Raubdelikte (157) als heute (136) begangen.

14 Morde und Versuche in einem Jahr

Mehr noch als über den Bankraub in Lohauserholz wurde vor einem Vierteljahrhundert in Hamm über die diversen Morde und Mordversuche des Jahres geredet. Zwei vollendete Taten, darunter ein Sexualmord an einem zehnjährigen Mädchen aus Braam-Ostwennemar, hielten die Mordkommission und die Bevölkerung in Atem. Auch hier richtete sich der aus Hamm stammende Täter später selbst.

Hinzu kamen zwölf versuchte Taten, also solche, bei denen die Opfer überlebten.

Besonders krass war hier der Fall eines 17-jährigen Gymnasiasten mit offenbar rechtsradikalem Hintergrund, der am 13. März 1994 im Hammer Osten auf einen wehrlosen 61-jährigen Stadtstreicher eintrat und mit einem Messer einstach und dessen Gesicht komplett entstellte. Wochenlang lag das Opfer damals auf der Intensivstation.

Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr gab es in Hamm zwei vollendete (Prostituiertenmord am Flugplatz, Ziegelstein-Fall an der Hohe Straße; beide Prozesse starten in Kürze) und zwei versuchte Tötungsdelikte.

Dreimal so viele Wohnungseinbrüche

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Die Mauer war gefallen, aber es gab auch noch keine EU-Osterweiterung. Professionelle Einbrecherbanden, die heute häufig aus Osteuropa in Hamm und andernorts invadieren, konnten 1994 folglich noch keine Rolle spielen. Dennoch war die Zahl der Wohnungseinbrüche mit 656 mehr als dreimal so hoch wie heute (207 im Jahr 2018).

Zwei Drittel der Taten wurden damals vollendet, lediglich 79 aufgeklärt. Heute kommen 38 Prozent der Einbrecher nicht zum Ziel, und 29 Prozent der Taten werden aufgeklärt. Auch und gerade hier passt das Empfinden, früher sei alles besser gewesen, nicht mit der Realität überein.

Mehr Körperverletzungs-Fälle

Immerhin in einem Punkt fallen die 2018er Zahlen schlechter aus als vor 25 Jahren. Das betrifft die Summe der bei der Polizei aktenkundig gewordenen Körperverletzungsdelikte. 373 Fälle von gefährlicher und (der sehr seltenen) schweren Körperverletzung sind in der aktuellen Kriminalstatistik gelistet. Vor einem Vierteljahrhundert waren es 277 – also deutlich weniger. Gefährlich bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Täter ein Werkzeug benutzte oder mindestens einen Komplizen an seiner Seite hatte.

Verrohung der Gesellschaft?

Die heute weit verbreitete These, dass die Verrohung der Gesellschaft exponentiell voranschreitet, lässt sich dennoch kaum bis gar nicht halten. Gewalttätige Auseinandersetzungen, die sich innerhalb von Beziehungen im häuslichen beziehungsweise privaten Umfeld ereigneten, wurden 1994 erst gar nicht zur Anzeige gebracht. Heute bilden sie aber eine der zahlenmäßig stärksten Untergruppen in dem Deliktsfeld. Das Gewaltschutzgesetz, in dem häusliche Gewalt (u.a.) geregelt ist, trat erst im Jahr 2002 in Kraft.

2000 Straftaten mehr vor 25 Jahren

Kriminalität in Hamm im Jahr 2018: ausgewählte Grafiken

Mit 15.698 Straftaten wurden vor 25 Jahren deutlich mehr Gesetzesübertretungen als im vergangenen Jahr (13.355) in Hamm registriert. Das vergangene Jahr war in Hamm allerdings auch äußerst „kriminalitätsarm“. Im Mittel der letzten zehn Jahre lag das Aufkommen bei 15.108 Straftaten pro Jahr.

Stichwort Kriminalstatistik

Kriminalstatistiken wie wir sie heute kennen, werden in NRW erst seit dem Jahr 1990 geführt. Zahlen über die Häufigkeit von Mord und Totschlag oder anderen Delikten aus der Zeit davor haben weder die Hammer Polizei noch das Landeskriminalamt parat. Einzig die Gesamtzahl der Delikte ist bekannt und nach dem Mauerfall auch in Hamm rasant gestiegen.

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