Zwischen Alptraum und Traumjob

Schwester Friederike kommt gleich: Pflege-Alltag in Hamm

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Schwester Friederike misst den Blutdruck eines Patienten. Es macht sie zufrieden, wenn sie sich Zeit nehmen kann.

Hamm - Trotz ungünstiger Arbeitszeiten und eng getaktetem Zeitplan gibt es Pflegekräfte wie Friederike Bäcker, die ihren Beruf gerne ausüben. Bäcker ist seit sieben Jahren Pflegekraft auf der Station 11 des Evangelischen Krankenhauses (EVK) in Hamm.

Steht unser Pflegesystem vor dem Kollaps? Fachkräfte fehlen, stehen unter Zeitdruck, sind überlastet. Viele sagen, dass der Beruf immer unattraktiver werde. Auch Friederike Bäcker ist in ihren sieben Berufsjahren oft an ihre Grenzen gestoßen. „Man gibt hier viel, kriegt aber auch sehr viel wieder.“ Wir haben sie bei der Arbeit begleitet.

Frühstück, Visite, Medikamente: Friederike Bäcker hat einen eng getakteten Zeitplan. In den Zimmern der Patienten muss sie sich auf ihr Zeitgefühl verlassen, hier hängen keine Uhren. (Oben rechts in das Foto klicken, um das komplette Motiv zu sehen.)

„Das ist ein Bilderbuch-Blutzucker, Herr Meyer (*).“ Friederike Bäcker, die von allen auf der Station nur Schwester Friederike genannt wird, steht neben dem Bett und beugt sich vor. Sie erklärt dem älteren Herren den Wert auf dem Messgerät in ihrer Hand. Es ist an diesem Morgen bereits der dritte Besuch von Schwester Friederike an seinem Bett – und es wird in dieser Schicht nicht der letzte gewesen sein. Drei examinierte Pflegekräfte und drei Schüler kümmern sich an diesem Morgen um 26 Patienten. Am Abend werden es zwei Pflegekräfte sein, in der Nacht eine.

Die Station 11 ist eine Gastroenterologie-Station. Hier liegen Patienten mit Magen- und Darmerkrankungen, aber auch mit anderen Erkrankungen wie beispielsweise einer Lungenentzündung.

Um sechs Uhr morgens stand für Schwester Friederike die Übergabe des Nachtdienstes an. Dann muss die 31-Jährige planen und sich die Zeit einteilen. Frühstück, Visite, Medikamente, Messung der Vitalzeichen. „Der Tag gestaltet sich immer danach, was die Patienten benötigen“, sagt Schwester Friederike. Auf die Patienten eingehen und dafür sorgen, dass es ihnen gut geht, ist ihre tägliche Aufgabe – manchmal mit, manchmal ohne Zeitdruck.

Ein gutes Team gehört zu den wichtigsten Voraussetzungen für eine gute Arbeit, findet Friederike Bäcker.

Herr Meyers Blutdruck ist zu hoch, er klagt über Schwindel. Mit schnellem Schritt macht sich Schwester Friederike auf den Weg zum Patientenzimmer. Sie nimmt sich einen Moment Zeit, kniet wieder an seinem Bett und bespricht mit ihm, wann er seine Tabletten nehmen soll. Wie viel Zeit sie dafür hat, muss sie im Gefühl haben: In den Zimmern hängen keine Uhren. Aus hygienischen Gründen darf das Krankenhauspersonal auch keine tragen. Es gibt Tage, an denen Schwester Friederike zeitlich gut klarkommt, aber auch andere Tage. „Manchmal gehe ich hier nicht zufrieden raus, wenn ich weiß, dass ich für den Patienten nicht die Zeit hatte, die er vielleicht gebraucht hätte“, sagt die 31-Jährige.

Ob die Station mehr Pflegepersonal benötige? „Es könnte immer mehr sein.“ Aber die gute Zusammenarbeit in ihrem Team fange die zeitlichen Probleme auf. „Das ist das A und O in der Pflege: Das Team muss stimmen.“ Dann käme man auch über Tage hinweg, an denen die Kräfte erschöpft sind. An solchen Tage gelte es auch, Distanz zu wahren, erklärt sie. „Mit dem Zuschlagen der Autotür sollte Schluss sein.“

Um halb elf macht Schwester Friederike ihre Pause. Sie holt sich ein Croissant und setzt sich in die Cafeteria. Eine Patientin kommt vorbei. Sie hat Fragen an die Schwester. Trotz ihrer Pause nimmt sie sich Zeit. Wegen solcher Situationen arbeitet sie gerne in der Pflege. „Es ist schön zu sehen, wie Gespräche und medizinische Maßnahmen wirken.“

Trotzdem verstehe sie, dass manche ihrer Kollegen unzufrieden in diesem Beruf seien – und auch, dass der Nachwuchs fehle. „Der Beruf ist nicht attraktiv. Man hat ungünstige Arbeitszeiten, muss an Wochenenden und auch mal nachts arbeiten. Da gibt es genügend andere Berufe mit günstigeren Arbeitszeiten und mehr Gehalt.“ Auch die Vorstellung vieler Menschen, Pflegekräfte würden lediglich die Patienten waschen, sei ein Irrglaube. „Wir arbeiten auf Augenhöhe mit den Ärzten und denken beispielsweise bei der Diagnose mit“, sagt die 31-Jährige.

Nach ihrer Pause muss sie sich bei den Kollegen erkundigen, was in der letzten halben Stunde vorgefallen ist. Der Austausch untereinander scheint neben der Pflege der Patienten den größten Teil der Arbeit auszumachen. „Man muss immer wissen, was der andere macht.“ Sie steht auf und geht los, zu ihren Patienten.

(* Name von der Redaktion geändert)

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