Hammer Chefarzt: Krankentötungen sind keine Einzelfälle

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Hamm - Karl H. Beine, Chefarzt am St.-Marienhospital Hamm und Professor für Psychiatrie und Psychotherapie an der Universität Witten/Herdecke, sorgt in diesen Tagen bundesweit für Schlagzeilen.

„Tatort Krankenhaus“ hat er sein neues Buch benannt. Untertitel: „Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert“. Am Mittwoch wurde das Werk im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin präsentiert. Kritische Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten.

„Haben Sie selbst schon einmal das Leiden von Patienten beendet?“, lautete eine der entscheidenden Fragen, die Beine und ein vierköpfiges Forscherteam der Universität Witten/Herdecke im Herbst 2015 in einem ganzen Fragebogenpaket an deutsche Ärzte und Pfleger in Krankenhäusern und Pflegeheimen stellten. Rund 5 000 der anonym in der Studie Befragten antworteten hierauf. Mehr als 3 Prozent der Ärzte und 2 Prozent der Alten- und Krankenpfleger kreuzten ein „Ja“ an. Angewendet auf den gesamten Berufsstand würde dies möglicherweise bedeuten, dass in jedem Jahr bis zu 21.000 Menschen durch diejenigen sterben, die sie eigentlich kurieren sollten.

Karl H. Beine

 Karl H. Beine geht nicht soweit, die astronomisch hohe Zahl 1:1 mit unentdeckten Tötungsdelikten gleichzusetzen. „Die Zahlen sind nicht repräsentativ. Es handelt sich nicht um eine Hochrechnung, sondern um eine Schätzung“, erklärt der Mediziner im Gespräch mit unserer Zeitung. Durchaus möglich sei, dass ein Teil der Befragten sein Handeln während einer legalen passiven Sterbehilfe – etwa durch das Abschalten von Beatmungsgeräten – heute kritisch hinterfrage. Trotzdem stehe für ihn fest: Tötungsserien wie sie in den letzten Jahren etwa in Delmenhorst durch den Krankenpfleger Nils H. begangen wurden, seien eines eben nicht: Einzelfälle.

Erste Untersuchung dieser Art

„Die Ausmaße dieser Tötungen hängen zusammen mit den Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern und Heimen. Es ist das erste Mal, dass im Rahmen einer Pilotstudie das Thema Krankentötungen empirisch untersucht wurde“, sagt Beine, der seit mehr als zwei Jahrzehnten als Experte auf diesem Gebiet aktiv ist. „Jetzt muss die Forschung weitergehen, jetzt muss sie wirklich beginnen“, lautet seine Forderung.

Rund 50 Journalisten und mehrere Fernsehsender kamen am Mittwoch zur Pressekonferenz nach Berlin. Beine präsentierte das Buch an der Seite von Co-Autorin Jeanne Turczynski, einer Medizin-Redakteurin vom Bayerischen Rundfunk. Ebenfalls anwesend war der Gesundheitspolitiker Prof. Karl Lauterbach (SPD). Statt der avisierten 90 Minuten stand der Mediziner den Journalisten gut zwei Stunden Rede und Antwort. Fast alle großen Zeitungen und TV-Sender berichten seitdem über das Buch-Projekt.

Scharfe Kritik an den Thesen

Der Präsident der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft, Thomas Reumann, reagiert mit scharfer Kritik auf Beines Thesen. „Ich halte es für geradezu empörend und verletzend, dass eine ganze Berufsgruppe unter den Generalverdacht gestellt wird, sie würde vorsätzlich und aus niederen Beweggründen handeln.“ Der Chefarzt aus Hamm nimmt dies gelassen hin. „Es war nicht davon auszugehen, dass mir ausgerechnet die Repräsentanten dieses Systems auf die Schultern klopfen würden. Aber sprechen Sie einmal vertraulich mit Krankenschwestern, Pflegern und Ärzten.“

Der Fall des 2015 wegen zweifachen Mordes verurteilten Krankenpfleger Nils H. aus Delmenhorst habe ihm das Hauptmotiv für das Verfassen des Buches geliefert, sagt Beine. Schon bei dessen früheren Arbeitgeber in Oldenburg sei Nils H. auffällig geworden und zu einer Kündigung gedrängt worden. Versüßt wurde ihm der Weggang damals durch ein positives Zeugnis von der Klinikleitung. „Solch ein Verhalten ist nicht untypisch“, sagt Beine. Statt vor dem Pfleger zu warnen, wurde weggeschaut. „Der offene Umgang mit Fehlern ist in diesem System ein Wettbewerbsnachteil“, ist der Buchautor überzeugt. Nils H. begann im nächsten Krankenhaus weiter zu töten – möglicherweise Dutzende Male. Die Ermittlungen dauern bis heute an.

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