Kaum noch Covid-19-Patienten

Bereit für zweite Welle: Hammer Kliniken bleiben im Corona-Modus

Auf Abruf bereit: Im EVK „schlummert“ die Corona-Intensivstation derzeit. Das Personal um Pflegerin Nicole Wawrosch und Pfleger David Stork sind allerdings jederzeit in der Lage, neue Covid-19-Patienten zu versorgen.
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Auf Abruf bereit: Im EVK „schlummert“ die Corona-Intensivstation derzeit. Das Personal um Pflegerin Nicole Wawrosch und Pfleger David Stork sind allerdings jederzeit in der Lage, neue Covid-19-Patienten zu versorgen.

Geringe Infektionszahlen, kaum noch Patienten im Krankenhaus: Wer auf die nüchternen Zahlen schaut, könnte zu dem Schluss kommen, die Hammer Krankenhäuser könnten schon bald gänzlich zum Alltagsgeschäft der Zeit vor der Coronapandemie zurückkehren. Das ist ein Trugschluss, betonen führende Mediziner.

Hamm – Nach wie vor ist in den Hammer Krankenhäusern alles dem Infektionsschutz untergeordnet. Ganz offensichtlich wird das an den Eingängen. Patienten und Besucher müssen teilweise deutlich länger auf Einlass warten und kommen auch wirklich nur dann herein, wenn sie dazu berechtigt sind.

„Die Situation ist weiter für alle Mitarbeiter belastend. Es müssen deutlich mehr Abstriche genommen und Fieber gemessen werden. Das ist ein enormer Mehraufwand“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Kamin, Ärztlicher Direktor im Evangelischen Krankenhaus (EVK). Drei Stellen zusätzlich wurden geschaffen, um die Eingänge zu kontrollieren und sicherzustellen, dass kein Besucher an den engmaschigen Kontrollen vorbei schlüpft.

Einlass und Besuche

Im EVK und auch an der St.-Barbara-Klinik in Heessen hielten sich nach holprigem Start inzwischen fast alle Patienten und Angehörigen an die strengen Besuchsregeln (siehe Infokasten). Das betonen Kamin und sein Kollege Dr. Markus Unnewehr, Chefarzt in der Barbaraklinik. Großen Ärger oder gar Krawalle wie in anderen Kommunen habe es bislang nicht gegeben.

Die Hoffnung, dass die Besuchsregeln bald gelockert werden, wollen Unnewehr und Kamin aber gar nicht erst aufkommen lassen: „Das Virus ist noch da. Wir müssen wachsam sein“, so Unnewehr. Kamin: „Wenn die Verbreitung mit steigenden Fallzahlen erst einmal wieder ins Rollen gerät, dann kann es auch bei uns ganz eng werden.“

Beiden Ärzten ist indes klar, dass die strengen Vorkehrungen immer wieder überprüft werden müssen – zumindest solange sich weiter eine Entspannung einzustellen scheint. Unnewehr: „Man muss auch ganz klar sagen, dass diese Maßnahmen eine Zumutung sind. Die Notwendigkeit dieser Einschnitte müssen wir fortwährend diskutieren. Noch ist sie aber da.“

Viele freie Betten

Zu Beginn der Ausbreitung des Coronavirus in Hamm war im EVK in kürzester Zeit eine zweite Intensivstation für Covid-19-Patienten eingerichtet worden. Baulich strikt getrennt vom Rest des Krankenhauses. „Diese zusätzliche Station mit acht Beatmungsplätzen schlummert jetzt. Innerhalb weniger Tage können wir aber wieder voll hochfahren. Wir sind auf das Extremste vorbereitet“, so Kamin.

Dass die hochgefahrenen Corona-Schutzmaßnahmen auch eine wirtschaftliche Gratwanderung sind, verdeutlicht der Umstand, dass längst noch nicht wieder alle Betten belegt werden. In der Konsequenz stehen im EVK von 450 Betten nach wie vor 150 nicht zur Verfügung. „Wenn das mal alles vorbei ist, erinnert sich die Politik hoffentlich daran, in welche Vorleistungen wir gehen und welche Kosten das derzeitige Procedere generiert. Das wird ja sehr schnell vergessen, wenn das nächste Thema aufploppt“, so Kamin.

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Kein Operations-Stau

In den ersten Wochen der Pandemie war die Unsicherheit bei vielen Menschen groß. Kranke mieden die Kliniken aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus und gingen nicht zum Arzt. Inzwischen haben die meisten Menschen aber einen guten Umgang mit dem Virus gefunden, erklärt Unnewehr. „Hochrisikopatienten sind sehr diszipliniert und schützen sich gut“, sagt der Chefarzt.

Auch aufgeschobene, nicht akute Operationen seien mittlerweile weitestgehend abgearbeitet. Einen Operations-Stau gebe es demnach nicht. Trotzdem: Welche langfristigen gesundheitlichen Folgen die verschobenen OPs für Betroffene haben, sei schwer zu sagen. „Was das am Ende für die Bevölkerung bedeutet, kann man erst nach einer bundesweiten Auswertung einschätzen“, so Unnewehr.

Die Corona-Lehren

An der Einschätzung der Gefährlichkeit des Virus hat sich durch die Arbeit mit den Patienten für Kamin nichts verändert. „Jeder kann daran Schaden nehmen, bis hin zum Tod. Jeder 20. Infizierte stirbt“, warnt der Mediziner. Mittlerweile wisse man aber besser, wie Infizierte bestmöglich zu behandeln sind – wann etwa die Beatmung lebensrettend wirkt. Einzig: Die Komplikationsrate verringere das nur kaum. Für Unnewehr ist besonders ein Aspekt entscheidend: „Bei der Influenza gibt es auch Betroffene die sterben oder sehr krank werden. Bei Corona haben wir aber eine andere Dynamik mit einer potenziellen Überlastung des Gesundheitssystems. Das ist gefährlich.“

Wie sich Menschen infizieren, sei mittlerweile klarer. Kamin: „Das Virus ist höchst infektiös, aber eher ein Indoor-Virus. Urlaub und Freizeit verbringt man am besten im Freien. Dort muss man sich schon frontal von einem Infizierten anniesen lassen, um angesteckt zu werden.“

Beide Ärzte betonten, dass es immerhin eine positive Entwicklung gibt. Die Zusammenarbeit zwischen den Häusern auf medizinischer Ebene klappe nun besser. „Wir sind enger zusammengerückt“, sagt Unnewehr. Ein weiterer angenehmer Nebeneffekt der Abstandsregeln: „Die Menschen werden weniger krank. Es gibt kaum Erkältungspatienten. Das entlastet.“

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