Dominik Kirchhoff feiert mit 24 seinen zehnten „Geburtstag“

352 Knochenbrüche! Wie ein Hammer bei einem gefährlichen Trend fast das Leben verlor

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Am Ort des Unglücks, zehn Jahre danach: Gemeinsam mit Freunden sprang Dominik Kirchhoff am 1. Juli 2010 als Jugendlicher von der Heideweg-Brücke in Uentrop. Er verletzte sich schwer, die Ärzte zählten 352 Knochenbrüche.

Ein heißer Sommertag, Baden am Kanal, ein Sprung von der Brücke. Und plötzlich ist das Leben des Mannes ein anderes. Denn er hat sich die Knochen gebrochen - 352 mal. 

  • Mann aus Hamm überlebt Sprung von einer Brücke.
  • Dabei hat er sich 352 Knochen gebrochen.
  • Nach Knochenbrüchen versucht der Mann aus NRW ein gutes Vorbild zu sein. 
Hamm – Es grenzt an ein Wunder, dass Dominik Kirchhoff vor einem Jahrzehnt nicht sein Leben verloren hat – und auch die folgenden drei Jahre mit insgesamt 32 Operationen „gut“ überstanden hat. Am 1. Juli feierte der Hammer quasi seinen zehnten Geburtstag. So lange ist es her, dass Kirchhoff beim Brückenspringen am Kanal schwer verunglückte. Dass seine Knochen an 352 Stellen brachen. Heute kann er sogar einem festen Job als Lagerlogistiker nachgehen. Und immer dann, wenn er an den Unglücksort zurückkehrt, versucht er, der Jugend von heute ein mahnendes Beispiel zu sein.

Es war ein heißer Sommertag. Das Thermometer zeigte in jener Woche stets auf Werte jenseits der 30-Grad-Marke. Dominik Kirchhoff war mit seinen Freunden dort, wo sie bei solchem Wetter häufig anzutreffen waren: an der Kanalbrücke am Saalkampweg in Uentrop – zum Baden im Kanal und, leider, auch zum Springen von der Brücke. Erlaubt war das schon damals nicht, doch vor zehn Jahren war es nicht anders als heute: Vor allem Jugendliche setzten sich bei Sommerwetter beinahe täglich der Gefahr aus, von einer Kanalbrücke ins kühle Nass zu springen.

„Wir sind damals immer auf den Brückenbogen geklettert, einfach um spektakulär in den Kanal zu springen – nicht als Mutprobe“, erinnert sich der heute 24-Jährige an den Sommer 2010.

Krankenhaus-Odyssee mit 32 Operationen

Am Nachmittag des 1. Juli waren die Jungs wieder dort und planten ihre Sprünge aus etwa sieben, acht Meter Höhe. Zuerst sei ein Freund dabei leicht abgerutscht, dem es aber zum Glück gelungen sei sich abzufangen, erzählt Dominik Kirchhoff. Er selbst habe daraufhin vom Bogen herunterklettern wollen. Doch ein Schnürsenkel verfing sich dabei an der Bogenkonstruktion – der 14-Jährige stürzte. An der Brücke drückte er sich noch ab und schaffte es, nicht in der steinigen Kanalbefestigung aufzuschlagen, sondern ein paar Meter weiter am Fuße einer Böschung neben dem Rad- und Fußweg.

Hier in der Böschung schlug er auf: Dominik Kirchhoff hatte großes Glück, dass es ihm beim Sturz noch gelungen war, sich von der Brücke abzustoßen.

Hierbei von „Glück im Unglück“ zu sprechen, würde dem Ausmaß der Verletzungen nicht gerecht: Die Ärzte zählten 352 Brüche an seinen Knochen, eine wahre Odyssee mit insgesamt 32 Operationen folgte.

Schon bei der ersten Krankenhaus-Einlieferung wurde Dominik Kirchhoff umfangreich operier t. Gehirnblutungen, die Brüche – alles musste über Stunden versorgt werden. Drei Jahre lang saß er weitgehend im Rollstuhl. Für das Lernen in der Schule war das eine riesige Erschwernis, für sportliche Aktitvitäten – wie zuvor als Fußballer in Uentrop – der K.o.

Unfallfolgen veränderten nicht nur eigenes Leben

Es folgte Operation auf Operation. „Mal wurde das Knie gerichtet, dann wurde Haut verpflanzt. Und auch Komplikationen traten auf“, denkt der heute 24-Jährige an diese schlimme Zeit zurück. Einmal habe sich ein Schienbein-Knochen so sehr entzündet, „dass die Ärzte neun Zentimeter herausnehmen mussten“. Nüchtern ergänzt er: „Im schlimmsten Fall hätte mir das Bein bis zum Knie abgenommen werden müssen.“ Es folgten wieder Monate im Ringfixateur.

Dass er heute wieder gehen kann, sei nicht immer abzusehen gewesen. Für den Betroffenen grenzt das an ein Wunder. Und doch: Einschränkungen bleiben bis heute. So wurden seine Sprunggelenke mit Schrauben im 90-Grad-Winkel fixiert, steile Treppen kann er nur rückwärts gehen. Zahlreiche Bandscheibenvorfälle seien die Vorboten, dass er eine neue Hüfte benötigen wird, „wahrscheinlich noch bevor ich 30 bin“. Beim Radfahren ist meist nach zwei, drei Kilometern Schluss – „dann brauche ich eine Pause“.

Die Folgen des Unfalls hätten sein Leben verändert – aber auch das seiner Freunde und Familie. Gerade die Unterstützung, die er durch seine Familie erfahren habe, könne er gar nicht hoch genug bewerten: „Hätten sie mir nicht in all den Jahren zur Seite gestanden, wäre ich nicht mehr hier“, ist der junge Mann überzeugt.

Jedes Jahr kehrt er zurück und mahnt Jugendliche

Umso mehr freue er sich, heute einen ganz normalen Beruf ausüben und in einer eigenen Wohnung leben zu können. Nach dem Hauptschulabschluss nach Klasse 9 hatte er sich in verschiedenen Jobs versucht, war aber immer wieder körperlich gescheitert. Schließlich begann er mit 21 Jahren die Ausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik, die er kürzlich abgeschlossen hat.

Jeden Sommer kehrt er am Jahrestag zurück an die Heideweg-Brücke, hört Musik und lässt die Gedanken kreisen. Daraus schöpft er die Kraft, um Jahr für Jahr immer wieder Jugendliche anzusprechen, um sie vom leichtsinnigen Brückenspringen abzuhalten. „Wer kann sie besser auf die Gefahren hinweisen als ich?“, sagt Kirchhoff. Selbst wenn man nicht abstürze, so könne doch niemand wissen, was sich im trüben Wasser verberge. Ein weggeworfenes Fahrrad genüge bei den Höhen ja schon, um sich schwer zu verletzen.

Leider, berichtet er von seinen Gesprächen, zeigten sich die Jugendlichen nur selten einsichtig. Oft erhalte er auch patzige Antworten. Worte wie „selbst schuld“ oder „zu blöd gewesen“. Dominik Kirchhoff muss das akzeptieren. Und dennoch freut er sich jedes Mal, wenn es ihm gelingt, die Jugendlichen umzustimmen und das leichtsinnige Vorhaben sein zu lassen.

Polizei warnt vor Springen und Baden an Brücken

Die Polizei in Hamm weist darauf hin, dass das Springen von Brücken ebenso wie das Baden im Bereich einer Brücke verboten ist – das gilt für künstliche Wasserstraßen wie den Datteln-Hamm-Kanal ebenso wie die Lippe. Innerhalb der vergangenen zwölf Monate habe die Polizei, so ein Sprecher, dort rund 20 Einsätze im Zusammenhang mit Brückenspringern gehabt, zumeist hätten sich als solche Jugendliche oder junge Erwachsene vergnügt. Das Springen von Brücken sei lebensgefährlich, warnt die Polizei. Der reine Kletterakt berge ebenso eine Gefahr wie der Aufprall aufs Wasser sowie Gestein oder Gegenstände unter der Wasseroberfläche.

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