Eskalation bei Einsatz in Hamm

Klimapilger machen Polizei schwere Vorwürfe: „Nie solche Aggression erlebt“

Verletzt: Eine Frau wurde zu Boden gestoßen, die Polizei erklärt, sie habe Hilfe angeboten – die Pilger sagen, die Polizei habe Hilfe verwehrt.
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Verletzt: Eine Frau wurde zu Boden gestoßen, die Polizei erklärt, sie habe Hilfe angeboten – die Pilger sagen, die Polizei habe Hilfe verwehrt.

20 Pilger sind in Hamm mit der Polizei aneinandergeraten. Mehrere Pilger sollen verletzt worden sein, die Polizei zeigt Pilger an. Wie kam es zu der Eskalation?

Hamm – Seit gut 20 Tagen pilgern etwa zwei Dutzend zumeist ältere Menschen mit einem großen, gelben Kreuz von Gorleben nach Garzweiler. Mit dem „Kreuzweg für die Schöpfung“ wollen sie ein Zeichen setzen gegen Klimawandel und Ausbeutung der Natur, aus religiöser Überzeugung heraus, wie Teilnehmer sagen. Am Kernkraftwerk Grohnde feiern sie einen Gottesdienst, am Schlachthof von Tönnies halten sie eine Andacht. Immer wieder schauen Polizisten vorbei. Die Treffen verlaufen friedlich. Bis auf das in Hamm.

Nahe Schloss Oberwerries eskaliert die Begegnung von Polizisten und Pilgern so, dass Pilger verletzt werden und der Präses der evangelischen Kirche im Rheinland NRW-Innenminister Herbert Reul einschaltet. Die Polizei wiederum zeigt Pilger an.

Pilger nach Polizeieinsatz: „Der Schock sitzt tief“

Anruf bei Negen Jansen, Anfang 60, aus Mechernich im Kreis Euskirchen. Sie gehört zu den Organisatoren des Kreuzwegs und engagiert sich seit Jahren gegen den Braunkohletagebau. „Der Schock sitzt tief“, sagt sie. Jansen schildert – übereinstimmend mit anderen Teilnehmern – dass die Gruppe am Freitag gegen 13 Uhr mit der Fähre über die Lippe setzt. Auf der anderen Seite warten ein Fahrer mit einem VW-Bus als Versorgungsfahrzeug der Pilger und zwei Polizisten. Fahrer und Polizisten diskutieren, ob die Veranstaltung politisch oder religiös sei.

Unterwegs von Gorleben bis Garzweiler: Die Pilger sind seit dem 4. Juli unterwegs. Eine Eskalation wie in Hamm habe es an keiner Station gegeben, sagen sie.

Als religiöse Pilger könnten die Klimaschützer ohne Ankündigung durchs Land laufen. Eine politische Versammlung dagegen müssten sie anmelden. „Wir müssten zwei Tage vorher Bescheid sagen, wenn wir eine Andacht halten wollen“, sagt Jansen.

Pilger: „Natürlich hat unser Handeln einen politischen Aspekt“

Die Gruppe hat Transparente dabei, „Stoppt Braunkohle“ und „Atomkraft – nein danke“ steht darauf – letzteres verwenden sie als Tischdecke. Aufgrund der Transparente habe man die Gruppe als politisch eingestuft, erklärt die Polizei am Montag. Man habe den Pilgern angeboten, einen Versammlungsleiter zu benennen und weiterzulaufen. Die Gruppe lehnt ab.

„Natürlich hat unser Handeln einen politischen Aspekt – aber das geschieht aus einer religiösen Überzeugung heraus“, sagt Jansen. „Wo kommen wir hin, wenn man als Christ nicht mehr politisch sein darf?“ Polizei und Pilger können sich nicht einigen. Jansen hält schließlich eine Andacht. Dazu bilden die Pilger einen Kreis, Jansen predigt, die Pilger stimmen Gesänge an. „Ich wollte deeskalieren“, sagt Jansen. „Ich glaube, das hat das Gegenteil bewirkt.“

20 Pilger treffen auf bis zu 12 Polizisten

Die Polizisten rufen Verstärkung, bald sind zwölf Beamte vor Ort. Die Polizisten fotografieren Gruppe und Transparente, ein 26-jähriger Pilger zückt sein Handy. Den Pilgern zufolge macht er Fotos, die Polizei nimmt an, er filme. Das werten die Beamten als „Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes“ und wollen dem Mann das Handy abnehmen. Er wehrt sich, steigt in den Versorgungs-VW. Weitere Pilger setzen sich vor das Fahrzeug, darunter Jansen und Michael Zobel.

Zobel ist als Umweltschützer bekannt, seit Jahren bietet er Führungen durch den Hambacher Forst an, organisiert Protestaktionen. „Ich hatte plötzlich die Arme sehr schmerzhaft am Rücken verdreht und Handschellen an“, sagt Zobel. „Ich kam mir vor wie im falschen Film.“ Er sei bei vielen Protestkundgebungen gewesen und habe nie Derartiges erlebt. Auch der Hammer Diakon Martin Güttner ist am Freitag am Schloss. Er habe schon vor der Deutschen Bank in Frankfurt demonstriert und sich beim G-8-Gipfel in Rostock vor den Kontrollpunkt gesetzt. „Ich habe nie eine solche Aggression bei der Polizei erlebt“, sagt er. Lesen Sie hier mehr zu Vorfall.

Polizei: Man musste vier Personen zur Seite stoßen

Die Polizei gibt in einer Pressemitteilung vom Montag an, man habe vier Personen zur Seite stoßen müssen, die den Weg zum VW-Bus versperrten. Zwei seien gestürzt. Laut Polizei habe man sie vorher gewarnt und anschließend Hilfe angeboten, die Pilgern bestreiten beides. Ihnen zufolge habe man einer Gestürzten Hilfe verwehrt, die sich am Kopf verletzt habe und benommen gewesen sei.

Die Lage beruhigt sich, als zwei Geistliche aus Beckum dazukommen und mit den Polizisten sprechen. Die Pilger dürfen weitergehen. Die Polizisten schreiben Anzeigen: wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Gefangenenbefreiung, dem Verstoß gegen das Versammlungsgesetz. Einen 26-Jährigen behalten sie im Gewahrsam und lassen ihn später frei. Ein Handy ist am Montag weiter beschlagnahmt.

Polizeieinsatz in Hamm: Präses im Rheinland schaltet Innenminister ein

Den Pilgern zufolge wurde der 26-Jährige im Polizeigewahrsam verletzt. Die Polizei erklärt, dazu sei nichts bekannt.

Die Pilgergruppe hat ein Protokoll der Ereignisse auf ihre Homepage gestellt, inzwischen berichteten überregionale Medien. Der rheinische Präses Thorsten Latzel hat Innenminister Herbert Reul um Klärung gebeten. Aus dem Innenministerium hieß es am Montag, man überlasse die Klärung der Polizei in Hamm.

Hammer stellvertretender Bürgermeister: „Das waren nette, ältere Herrschaften“

Am Freitagabend hat Hamms stellvertretender Bürgermeister Karsten Weymann (Grüne) die Pilger beim Forum für Umwelt und gerechte Entwicklung (Fuge) getroffen. „Das waren nette, ältere Herrschaften, eine Umweltgruppe aus ihrem christlichen Selbstverständnis heraus“, sagt er. Sie seien traumatisiert gewesen, hätten geweint.

Inzwischen haben Weymann und die Fuge der Hammer Polizei geschrieben. Sie fordern Regierungsdirektorin Adriane Klostermann auf, die Vorfälle aufzuklären. Klostermann führt die Hammer Polizei, bis ein Nachfolger für den pensionierten Polizeipräsidenten ernannt ist. Einen offenen Brief schrieb auch der Drensteinfurter Klimaaktivist Jürgen Blümer an Oberbürgermeister Marc Herter. Aus dem Rathaus hieß es am Montag, man werde sich damit befassen.

Klimapilger: „Wir wollen niemanden anzeigen“

„Wir wollen niemanden anschwärzen und keinen anzeigen“, sagt Klimapilgerin Jansen. „Wir wollen aber, dass die Vorwürfe gegen uns fallen gelassen werden.“

Davon war am Montag auf Seiten der Polizei keine Rede. In der Pressemitteilung wiederholte die Polizei, dass Anzeigen geschrieben wurden, und erklärte, man werde den Einsatz intern nachbereiten.

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