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Klimaagentur endlich am Start: So soll Hamm bis 2035 CO2-neutral werden

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Von: Cedric Sporkert

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Vor allem bei der energetischen Sanierung gibt es erheblichen Nachholbedarf.
Vor allem bei der energetischen Sanierung gibt es erheblichen Nachholbedarf. © Blossey

Wenn Hamm wie im Klimaaktionsplan verankert bis 2035 klimaneutral werden soll, braucht es (auch) massives Engagement der Bürger und der heimischen Wirtschaft. Damit die auch wissen, was sie ganz konkret tun können, ist nun endlich die Klimaschutz- und Energieagentur Hamm an den Start gegangen – rund zwei Jahre nach Verabschiedung des Klimaaktionsplans.

Hamm – „Es hat ein bisschen gedauert“, befand Klimaschutz-Dezernent Volker Burgard am Freitag bei der Vorstellung des gar nicht so leicht zu überblickenden Konstrukts. Die europaweite Ausschreibungen habe für Verzögerungen gesorgt. Umso glücklicher seien die Partner nun, dass mit dem Öko-Zentrum NRW und B.A.U.M. Consult zwei heimische Unternehmen den Zuschlag für die inhaltliche Ausgestaltung der Agentur bekommen haben. Auch die Stadtwerke und die Stadt sind an Bord. Sie alle haben jetzt das Ziel, Netzwerke im Kampf gegen den Klimawandel zu spannen. „Jetzt machen wir Tempo, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen“, sagte Oberbürgermeister Marc Herter.

40.000 Wohnungen in energetisch schlechtem Zustand

Den größten Handlungsbedarf gibt es neben der zwingend notwendigen Dekarbonisierung der lokalen Wirtschaft nach Einschätzung der Experten beim Thema Wohnen. 40.000 Wohnungen in Hamm befänden sich in Gebäuden mit energetisch schlechtem Zustand, erklärte Manfred Rauschen, Geschäftsführer des Öko-Zentrums. „Es wird noch immer überwiegend mit fossilen Energieträgern geheizt.“

Um davon wegzukommen, müssten die Wärmenetze ausgebaut und regenerative Wärmequellen für ganze Quartiere – etwa an Schulen oder öffentlichen Gebäuden – aufgebaut werden. Hier wollen vor allem die Stadtwerke zulegen. „Mit dem bisherigen Netz stoßen wir bald an Grenzen“, sagte Geschäftsführer Reinhard Bartsch.

Die Photovoltaik-Technologie auf Dächern sieht Rauschen als Schlüsselthema, um beim Strom schnelle Effekte zu erzielen. Sie sei verhältnismäßig preisgünstig. „Und das Akzeptanzproblem ist gering. Ich habe jedenfalls noch niemanden gehört, dem so eine Anlage nicht gefällt, wenn sie nicht gerade auf ein Kirchendach gebaut ist.“

Gezielt sollen private Vermieter angesprochen werden

Weil nicht alle Gebäude gleichzeitig saniert werden könnten, sei zuerst wichtig, die Häuser anzugehen, die es am nötigsten hätten und die größten Einsparpotenziale beim CO2 böten, so Rauschen. Sein Pendant bei B.A.U.M. Consult, Johannes Auge, betonte, dass es wichtig sei, die sich bietenden Chancen zu nutzen: „Es gibt bei den Eigentümern immer einen Zeitpunkt für Entscheidungen, die sie dann für Jahrzehnte treffen. Zu diesen sehr individuellen Zeitpunkten müssen wir mit unseren Angeboten da sein.“

Gezielt sollen private Vermieter angesprochen werden. Zu den großen Wohnungsgesellschaften HGB und LEG gebe es schon konkreten Kontakt.

Rauschen: „Wir wollen sozial verträgliche Lösungen finden“

Auf vielen Veranstaltungen und in unterschiedlichen Foren soll wichtige Aufklärungsarbeit geleistet werden. Auch darüber, wie Privatpersonen mit den künftig immer weiter steigenden CO2-Preisen am besten zurechtkommen. „Wir wollen sozial verträgliche Lösungen finden“, so Rauschen. Bei den Förderprogrammen sei viel drin.

Allein effiziente Gebäude würden in diesem Jahr vom Bund mit 18 Milliarden Euro gefördert. „Diese Geldströme müssen nach Hamm geleitet werden.“ Möglichst niedrigschwellig sollen dafür Energiemanager in den Quartieren unterwegs sein und buchstäblich „Klinken putzen“.

Möglichst viele Gruppen mit ins Boot nehmen

In den nun zu spannenden Netzwerken eingeschlossen werden sollen bestehende Angebote wie Energieberatungen, in dem Bereich engagierte Vereine aber auch Wirtschaftsorganisationen wie die IHK, die Handwerkskammer und weitere lokal existierende Multiplikatoren. Architekten, Handwerker und die Bauindustrie sollen mitgenommen werden. „Damit die Leute bei Fragen auch die richtige Antwort bekommen und die Kompetenz auch mit Blick auf den Klimaschutz da ist“, erklärte Rauschen.

„Wir können uns nicht leisten, dass nach einer Sanierung oder gar einem Neubau wieder fossile Energieträger genutzt werden.“ Energieberater sollen dafür sensibilisiert werden, beispielsweise nicht mehr zu empfehlen, eine alte Gas-Heizung gegen eine neue auszutauschen, weil das die vermeintlich einfachste und für den Moment günstigste Lösung ist.

CO2-Bilanz ist Anfang 2022 fertig

Um überhaupt die Wegstrecke überblicken zu können, die bis zur Klimaneutralität noch zu gehen ist, wird aktuell eine CO2-Bilanz erstellt, die im ersten Quartal 2022 vorliegen soll. Und mit konkreten Handlungsempfehlungen verbunden ist. Im Abstand von zwei Jahren sollen die ergriffenen Maßnahmen evaluiert und im Zweifel nachgesteuert werden.

Konkrete Maßnahmenpläne nützten dabei nicht, so Rauschen. „Wir wollen innovations- und technologieoffen bleiben und uns Dinge abgucken, die anderswo gut laufen.“ Es müssten jetzt die ersten großen Schritte gegangen werden. Rauschen: „Wenn wir da so weitermachen wie in den vergangenen zehn Jahren, dann werden wir die Ziele grandios verfehlen.“

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