Martin-Luther-Schule entwickelt sich spektakulär weiter

Revolution? Wie eine Hammer Hauptschule in die Zukunft geht

Die Martin-Luther-Schule entwickelt sich unter der Leitung von Daniel Tümmers in Richtung Inklusion.
+
Hauptschule mit Perspektive: Die Martin-Luther-Schule entwickelt sich unter der Leitung von Daniel Tümmers in Richtung Inklusion.

Die Martin-Luther-Schule in Hamm-Heessen entwickelt sich weiter. Und das, was Schulleiter Daniel Tümmers und sein Kollegium anpacken, könnte zum Teil als Revolution gesehen werden.

Heessen – Die Hauptschule geht in Richtung Inklusion, schafft feste Stundenpläne ab, beseitigt zumindest jahrgangsstufenweise die Noten und will für Schüler und Eltern eine Anlaufstelle und ein Zuhause bieten. Anlass für die Veränderungen ist etwas, das Tümmers als „Teufelskreis“ bezeichnet. Die Schülerschaft ist deutlich heterogener und mit vielfältigen Belastungsrucksäcken ausgestattet.

Die Lehrkräfte melden genau das über die vermeintlich immer weniger leistungsstarke Schülerschaft zurück, was bei Eltern häufig zu Enttäuschungen von ihren Kindern und auch dem System Schule führt. Auch die Ausbildungsbetriebe meldeten nach Schulpraktika zurück, dass die Schüler teilweise einfachere praktische Arbeiten selten sicher und korrekt ausführen können. „Es hat sich eine Art Misstrauen gegenüber der Institution Schule aufgebaut“, heißt es in dem 50-seitigen Konzept.

Und das sieht an vielen Ecken und Enden des Schulalltags Änderungen vor:

Die Fünf ohne Noten

Die Leistungsbewertung kommt in Jahrgang fünf ohne Noten aus. Die Schüler sollen kompetenzorientierte Rasterzeugnisse erhalten, die ihren Fortschritt zeigen, Noten können und sollen erst in den höheren Jahrgängen dazukommen. Das Ziel ist eine Steigerung des Selbstwertgefühls. Die negativen Schulerfahrungen sollen in den Hintergrund treten.

Daniel Tümmers, Schulleiter, sieht einen „Teufelskreis"“

Begrüßung für Neue

Schüler, die nicht regulär in die 5. Klasse eingeschult werden, erfahren eine wertschätzende Begrüßung. Denn viele der Schüler hätten negative Lernerfahrungen gemacht, indem sie von einer anderen Schulform „abgeschult” worden sind, und zugleich hätten sie oft Mobbing-Erfahrungen. Diese Schüler sollen Interesse und Freude am Lernen sowie das Gefühl bekommen, so angenommen zu werden, wie sie sind. Dazu gehören ein Aufnahmegespräch, die Begleitung am ersten Schultag durch eine Sozialarbeiterin und durch einen Paten in der aufnehmen Klasse. Jede zweite Woche im Monat steht eine „Log-In-Woche“ für drei bis fünf Tage an – in dieser Zeit kümmern sich Sozialpädagogen um den neuen Schüler. Auch ein Punkt: Kennenlernen von Schule und dem Bezirk.

Neu zum Schuljahr

Schüler, die ab Klasse 6 zum jeweils kommenden Schuljahr angemeldet werden, bekommen das Angebot, an einem in der letzten kompletten Ferienangebot teilzunehmen. Zusätzlich zu den Angeboten der Log-In-Woche gibt es verschiedene Freizeitangebote wie gemeinsames Kochen, Arbeit mit den i-Pads oder die Erkundung des Geschichtspfads.

Kein Stundenplan mehr

Unterrichtet wird in einem neuen Stundenplanmodell, das sich nach Lernzeiten aufgliedert. Innerhalb der Lernzeiten entscheiden die Lehrkräfte selbst, wie die Anteile der jeweiligen Fächer verteilt werden – klar ist aber auch: Am Ende des Schulhalbjahres wird die gesetzlich vorgegebene Stundenzahl der Fächer erreicht. Dieses Modell erleichtert projektorientiertes Lernen.

Offener Anfang

Der Schultag beginnt offen. In den Jahrgängen fünf bis sieben schaut die Klasse gemeinsam die Kindernachrichtensendung Logo. Das soll den Schüler einen Überblick über die Geschehnisse der Welt vermitteln und zu regelmäßiger Informationsgewinnung motivieren. Sie dürfen hierbei gesund frühstücken. In den Jahrgängen acht bis zehn wird die Tagesschau gemeinsam angesehen, wahlweise im Fach Englisch die BBC- News. Tümmers: „Die Vermittlung von Allgemeinwissen ist eine elementare Aufgabe von Schule.“

Elternsprechtag

Der Elternsprechtag soll sich zu Ziel- und Bilanzgesprächen entwickeln, in denen die Schüler ihre Lernentwicklung in den einzelnen Fächern selbst reflektieren und ihren Eltern präsentieren. Danach werden die gesetzten Ziele bewertet und neue Ziele vereinbart. Diese Art des Elternsprechtages soll zu einer höheren Aktivierung der Schüler führen und sie mit ihren Kompetenzen und Zielen in den Mittelpunkt rücken, anstatt die Noten als wesentlichen Bestandteil der Gespräche zu sehen.

Internationale Klassen

Die Schüler der Internationalen Klassen werden sofort in die Jahrgänge fünf und sechs integriert, sodass sie die Chance haben, im Klassenverband anzudocken und an allen Aktivitäten teilzunehmen. Der Unterricht ist sprachsensibel und textentlastend.

Zwei Lehrkräfte

In den Jahrgangsstufen fünf bis sieben wird die Klasse in acht Stunden von zwei Lehrkräften unterrichtet, einem Lehrer und einer Fachkraft aus dem Kontingent des multiprofessionellen Teams und der Sonderpädagogin. In den höheren Jahrgängen nimmt dies sukzessive ab, da dort zum einen die Anzahl der Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf abnimmt und zum anderen die Selbstständigkeit der Schüler zunehmend gefördert werden soll.

Mit diesen und weiteren Veränderungen regiert die Schule auf die Bedürfnisse ihrer Schüler. Die haben eine besondere Schulbiografie hinter sich, die oft durch Misserfolgserlebnisse geprägt ist. Die Schüler hatten nicht die gleichen Startmöglichkeiten, sei es durch Migration, Flucht, schwierige Verhältnisse, soziale Aspekte oder andere hinderliche Faktoren. Der Wechsel von der Grundschule zur Hauptschule bestätigt oft ihr negatives Selbstbild, da die Hauptschule in ihrer Wahrnehmung die Schule ist, zu der Kinder gehen „müssen“, die es woanders „nicht schaffen“.

Hier will die Martin-Luther-Schule ansetzen und einen Unterschied machen. Sie möchte durch den inklusiven Gedanken und das damit verbundene Menschenbild allen Schüler die Möglichkeit geben, ihre bisherigen Erfahrungen zu verarbeiten und neue, positiv mit Schule konnotierte Erfahrungen zu machen. Die Schüler sollen erfahren, dass sie es können und auf sich vertrauen dürfen – und dass daraus Großes erwachsen kann.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare