„Auf dem Rücken der Kinder“

Hammer Kinderärzte kritisieren: Coronamaßnahmen unverhältnismäßig

In die Praxen von Hammer Kinderärzten wie die von Hendrik Staender kommen aktuell viele Kinder mit schwerwiegenden psychischen und physischen Problemen.
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In Sorge: In die Praxen von Hammer Kinderärzten wie die von Hendrik Staender kommen aktuell viele Kinder mit schwerwiegenden psychischen und physischen Problemen.

Die Hammer Kinder- und Jugendärzte im Netzwerk Päd Regio kritisieren in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Marc Herter die Corona-Maßnahmen. Hendrik Staender, Vorsitzender von Päd Regio, erklärt die Beweggründe.

Hamm - Die Kinderärzte in Hamm fordern eine Rückkehr zum Präsenzbetrieb in Kindertagesstätten und Schulen unter Berücksichtigung des Infektionsschutzes. Die Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche seien gravierend. (News zum Coronavirus in Hamm)
So erklärt und begründet das Hendrik Staender, Kinderarzt am Heessener Markt, im Gespräch mit WA.de:

Die Belastung der Pandemiebekämpfung ist für alle groß. In Ihrem Schreiben nennen Sie sie aber unverhältnismäßig für Kinder und Jugendliche. Warum?
Die Pandemiebekämpfung wird auf dem Rücken der Kinder und Jugendlichen ausgetragen. Große Teile der Wirtschaft sind zu nichts gezwungen. Betriebe müssen Schnelltests anbieten, Angestellte müssen sie aber nicht machen. Sie müssen kein Homeoffice machen, sie dürfen. Und viele machen das nicht. Der Bereich Kinderbetreuung ist für die Politik hingegen einfach zu regulieren. Deshalb wird er als Erstes rangenommen. Alle anderen dürfen weiterwurschteln.
Argumentiert wird oft, dass sich das Virus in Schulen und Kitas verbreitet.
Wir wissen, dass sich Kinder anstecken und das Virus als asymptomatische Träger verbreiten. Man kann Schulen nicht ohne irgendwelche Maßnahmen aufmachen. Aber es gibt eine Leitlinie zu Schulöffnungen, an die man sich halten kann.
Viele Coronamaßnahmen basieren nicht auf lokalen Entscheidungen. Sie haben Ihr Schreiben an den Oberbürgermeister geschickt. Wieso?
Uns ist bewusst, dass Hamm neben Schule und Kita mehr reguliert hat als andere Städte. Und uns ist klar, dass der Oberbürgermeister die Betriebe nicht per Allgemeinverfügung ins Homeoffice zwingen kann. Aber es ist viel Zeit vertan worden. Das Virus ist seit über einem Jahr bekannt. Seitdem hätte man Konzepte entwickeln können, wie man einen sicheren Schulbetrieb gestaltet. Wir wollen, dass das bis zum nächsten Schuljahr nachgeholt wird: Wie kann man in Hamm mit den Bedingungen vor Ort den Schulalltag so gestalten, dass die Schüler möglichst viel Präsenzunterricht haben? Und das auch, wenn ein neues Infektionsgeschehen kommt, vielleicht eine neue Welle durch eine Variante.
Was erleben Sie in den Praxen – wie geht es den Kindern?
Das ist ein buntes Bild. Einige Kinder werden mit körperlichen Beschwerden vorgestellt, für die man keine organische Ursache findet. Sie haben Kopf- oder Bauchschmerzen, die Beschwerden stuft man dann als psychosomatisch ein. Einige Kinder kommen mit gedrückter Stimmung oder Schlafproblemen. Andere haben Verhaltensprobleme zu Hause, weil sie ihre Emotionen nicht mehr reguliert bekommen.

Zur Person

Hendrik Staender ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Er hat eine Praxis am Heessener Markt. Zugleich ist er der 1. Sprecher des Vereins Päd Regio, der das Schreiben an den Oberbürgermeister verfasst hat: In diesem Verein sind Kinder- und Jugendmediziner in Hamm organisiert. Sie verfolgen das Ziel, die ärztliche Versorgung von Kindern und Jugendlichen zu verbessern.

Welche Kinder sind besonders betroffen?
Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien. Das geht mit der Wohnsituation los. Wenn ich eine Wohnung ohne Balkon habe, habe ich es schwerer als Familien mit Einfamilienhaus und Garten. Einige Familien haben vier Kinder und zwei Endgeräte sowie einen Internetanschluss, dessen Bandbreite nicht für zwei Videokonferenzen zugleich reicht. Dazu kommt oft eine Sprachbarriere, sodass Eltern die Kinder nicht unterstützen können.
Was fällt noch auf?
Frappierend ist die Zunahme des Gewichts. Viele Kinder und Jugendliche bewegen sich nicht mehr. Die, die ohnehin zu dick sind, werden noch dicker, und die, die an der Grenze waren, rutschen ins Übergewicht.
Die Bundesnotbremse erlaubt bei Inzidenzen über 100 kontaktfreien Sport von Kindern bis 14 Jahren in Fünfergruppen im Freien. In Hamm ist das verboten. Ist das sinnvoll?
Nein. Gerade draußen sehe ich kein Problem. Aber man muss Fantasie entwickeln: Man kann zum Beispiel festlegen, dass konstante Gruppen draußen gemeinsam Sport machen. Das ist aus meiner Sicht infektionsepidemiologisch kein Problem und könnte Kindern und Jugendlichen einen Ausgleich bieten.
Es ist auch eine Entscheidung der Stadt Hamm, Tier- und Maxipark nicht mit Testpflicht zu öffnen.
Man muss diskutieren, ob die Öffnung mit Schnelltest sinnvoll ist. Schnelltests sind geeignet, Infektionen in festen Gruppen zu ermitteln. Wenn Sie eine Schulklasse zweimal pro Woche testen, werden Sie ermitteln, wenn ein Cluster entsteht. Sie werden aber den einen oder anderen Fall übersehen, weil die Tests nicht wirklich gut darin sind, asymptomatische Infektionen zu ermitteln. Was also nicht gut funktioniert, ist zu sagen: Wenn ich vor der Eingangstür des Maxiparks einen negativen Schnelltest habe, darf ich rein und stecke keinen an.
Also sollte man den Park doch zulassen.
Nein, man sollte überlegen, wie man die Wahrscheinlichkeit einer Infektionsübertragung verringern, aber trotzdem öffnen kann – vielleicht durch Einbahnstraßen, fest markierte Bereiche für Gruppen auf Spielplätzen, sodass sie sich dort nicht mischen, und Möglichkeiten zum Abstandhalten. Für Familien wäre der Park ein Ausgleich und die Möglichkeit, etwas anderes zu erleben als die eigenen vier Wände und einen Computer. Wir Kinderärzte beteiligen uns gerne mit unserem Wissen daran, Konzepte zu entwickeln.
Sie haben in dem Schreiben formuliert, dass eine ganze Generation verloren zu gehen droht. Ist es so dramatisch?
Das ist vielleicht ein bisschen zu heftig formuliert. Aber aktuell macht der zweite Jahrgang unter sehr schweren Bedingungen seinen Abschluss. Man muss die Frage stellen, ob die Absolventen mit den gleichen Startbedingungen ins Leben starten wie die Generationen davor und hoffentlich danach. Und die Grundschüler: Die meisten Kinder, die vergangenes Jahr eingeschult wurden, können nicht richtig lesen. Das ist sonst am Ende der ersten Klasse der Fall.

Frappierend ist die Zunahme des Gewichts. Viele Kinder und Jugendliche bewegen sich nicht mehr.

Hendrik Staender
Gibt es Konzepte, mit den Lernrückständen umzugehen?
Der Bund will Schulen mit einem Milliardenprogramm unterstützen, Aber reicht das? Und wie viel kommt in Hamm an? Man muss auch hier vor Ort Konzepte entwickeln.
Einige Eltern fürchten eine Infektion ihrer Kinder. Kommen Kinder mit Long Covid in die Praxen?
Bisher habe ich kein Kind mit Long Covid gesehen. Ich habe Patienten, die eine Corona-Infektion überstanden haben. Das waren Verläufe mit wenigen Symptomen, die ohne größere Maßnahmen überwunden wurden. Problematisch kann das pädiatrische inflammatorische Multisystem-Syndrom – kurz PIMS – sein. Vier bis sechs Wochen nach der Infektion treten Fieber und Organentzündungen zum Beispiel der Nieren oder des Herzens auf. Das kommt wohl mit einer Häufigkeit von eins zu 1000 bis eins zu 5000 vor, auch bei asymptomatischen Infektionen. Da wird es also vermutlich Fälle geben. Grundsätzlich muss man sich um die Kinder, was die Coronafolgen selber betrifft, keine großen Sorgen machen – und auch das ist unverhältnismäßig. Die Patienten, die einen kleines Risiko für einen Schaden haben, leisten einen großen Beitrag zum Schutz der Allgemeinheit.
Das Amtsgericht Weimar hat Anfang April einer Schule die Maskenpflicht verboten, da Masken den Kindern schadeten, aber ihnen wenig nützten. Danach begann die Staatsanwaltschaft Medienberichten zufolge, gegen den Richter zu ermitteln, die Maskenpflicht blieb. Aber es gab Beifall für das Urteil, vor allem aus der Querdenker-Szene.
Es ist immer die Gefahr, dass man von der falschen Seite Beifall bekommt, wenn man etwas gegen Coronamaßnahmen sagt. Das möchten wir unbedingt vermeiden. Es ist klar, dass wir etwas tun müssen, um die Pandemie in die Schranken zu verweisen. Die Frage ist nur: Was macht man sinnvollerweise? Und wie verteilt man die Last gerecht? Hier ist der Punkt erreicht, wo wir Kinderärzte sagen, dass für Kinder und Jugendliche eine Perspektive kommen muss. Es kann nicht so weitergemacht werden wie bisher, dass man sagt: Ach, die Inzidenz ist hoch, die Intensivstationen sind voll – dann machen wir mal die Schulen zu.

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