Mitmach-Serie: Was braucht Pelkum?

Keine Nachfolger in Sicht: Gibt es in Pelkum auch künftig noch genug Hausärzte?

Druck durch den Onlinehandel: Daria Böger hat die Glückauf-Apotheke 2018 von ihrem Vater Eugen übernommen. Weil sie die Konkurrenz durch große Online-Apotheken spürt, will sie das Geschäft im Internet verstärken. 	Foto: Mroß
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Druck durch den Onlinehandel: Daria Böger hat die Glückauf-Apotheke 2018 von ihrem Vater Eugen übernommen. Weil sie die Konkurrenz durch große Online-Apotheken spürt, will sie das Geschäft im Internet verstärken.

Das aktuelle Hausarztmodell hat in Pelkum keine Zukunft, glaubt ein alteingesessener Mediziner. Schließlich gelingt es Hausärzten in Pelkum nicht, Nachfolger zu finden. Wie ließe sich die medizinische Versorgung verbessern? Diskutieren Sie mit (Formular im Artikel)!

Pelkum – Es ist eines der, wenn nicht sogar das wichtigste Thema der kommenden Jahre – ein Thema, das alle rund 19.400 Einwohner des Stadtbezirks Pelkum in Hamm etwas angeht: die gesundheitliche Versorgung.

StadtbezirkPelkum
StadtteileWiescherhöfen und Daberg, Lohauserholz, Selmigerheide und Weetfeld, Zechensiedlung, Harringholz, Pelkum Ortskern, Westerheide, Lerche
Einwohner19.416 (Stand: 31. Dezember 2020)
BezirksbürgermeisterAxel Püttner (SPD)

Ärztemangel in Pelkum: Stadtweit auf dem letzten Platz

Und die ist hier vor allem mit Blick auf Haus- und Fachärzte alles andere als optimal und beschert Pelkum den letzten Platz im stadtweiten Ranking. Zahlreiche Fachleute blicken mit Sorge in die Zukunft: Dr. Matthias Bohle, Sprecher der Hammer Ärzte, der Apotheker Eugen Böger und seine Tochter Daria sowie Dr. Ernst-Jürgen Hardt, der am Pelkumer Platz eine Hausarztpraxis betreibt. Sie sind sich einig: Die Situation wird sich mit dem Renteneintritt weiterer Ärzte weiter verschlechtern. Nachfolger sind vielfach nicht in Sicht, zumindest noch nicht. Dazu kommt der Umstand, dass die Menschen im älter werden. Sie sehen nur eine Chance, einen Ärztemangel zu verhindern: indem man jetzt gegensteuert.

Die aktuellen Zahlen sprechen für sich. Laut der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) sind im gesamten Stadtbezirk sechs Hausärzte registriert. Das bedeutet, dass rein rechnerisch auf einen Hausarzt 3250 Patienten kommen – so viele wie in keinem anderen Stadtbezirk in Hamm. Zum Vergleich: Im städtischen Durchschnitt kommen auf einen Hausarzt etwa 2100 Bürger.

Ärztemangel in Pelkum: Es gibt weder Haut-, Augen- noch Kinderarzt

Nicht viel besser sieht es bei den Fachärzten aus. Laut KVWL sucht man im Stadtbezirk Pelkum beispielsweise einen Augenarzt, einen Kinderarzt, einen Hautarzt, einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt oder einen Gynäkologen vergeblich. „Um versorgt zu werden, müssen die Pelkumer ihren Stadtbezirk verlassen“, sagt Bohle. Er betreibt seine Hausarzt-Praxis in Hamm-Mitte und erzählt, dass er mittlerweile mehrere Patienten aus Pelkum hat.

Für einen Facharzt-Besuch verlassen viele Einwohner des Stadtbezirks auch die Hammer Stadtgrenzen. „Sie fahren nach Bönen, Kamen oder Unna“, sagt Eugen Böger. Er hat das in vielen Gesprächen erfahren. Ähnliche Beobachtungen hat Dr. Ernst-Jürgen Hardt gemacht, der hinsichtlich der hausärztlichen Versorgung ein düsteres Bild zeichnet. Er selbst habe, wenn er eines Tages in den Ruhestand gehe, noch keinen Nachfolger gefunden. „Auf 100 Praxen, die abgegeben werden, kommen oft nur ein bis zwei Bewerber.“

Fachmann ist sicher: Hausarztmodell hat keine Zukunft

Doch was tun? Der Allgemeinmediziner glaubt nicht, dass das Hausarztmodell, wie wir es kennen, eine Zukunft hat. Um die ärztliche Versorgung müssten sich die Menschen allerdings nicht fürchten. Er gehe davon aus, dass zentrale Notdienste oder Medizinische Versorgungszentren die Aufgaben der Hausärzte mit ihren Praxen vor Ort übernehmen werden – auch in Pelkum. Vorteile für die Ärzte seien unter anderem, dass sie, anders als bei einer Hausarztpraxis, keine großen Investitionen tätigen müssten. Auch der Verwaltungsaufwand falle weg.

Dass der Stadtbezirk Pelkum bei den Haus- und vor allem den Fachärzten vergleichsweise schlecht aufgestellt ist, ist allerdings nicht neu. „Das Problem gibt es schon seit vielen Jahren. Als Mitte der 1980er-Jahre in Herringen das Ärztehaus eröffnet wurde, hatten wir praktisch keine Chance mehr“, berichtet Böger. Was die Versorgung mit Apotheken angeht, sei der Bezirk dagegen ganz gut aufgestellt. Bögers Vater hatte vor 70 Jahren die Glückauf-Apotheke an der Kamener Straße eröffnet, seit 2018 wird sie von seiner Tochter Daria geführt. Aktuell gibt es in Pelkum drei Apotheken, an der Kamener Straße, der Großen Werlstraße und der Wiescherhöfener Straße. Insgesamt gehe der Trend aber auch hier nach unten. „Zu Hochzeiten gab es in Hamm 52 Apotheken.“ Mittlerweile seien es nur noch knapp 40. Immerhin: „Was zumindest uns angeht, so halten uns viele Kunden die Treue, auch wenn sie in einer anderen Stadt und einem anderen Bezirk zum Arzt gehen.“ Auch in anderen Stadtteilen suchten Ärzte vergeblich nach Nachfolgern.

Apotheken: Große Konkurrenz durch Online-Handel

Zu schaffen machen auch den Hammer Apotheken die Online-Apotheken. Sie mögen zwar etwas günstiger sein, dafür aber könnten sie nicht persönlich beraten, keinen Notdienst anbieten und keine individuellen Cremes herstellen, sagt Böger. „Und wir haben den Überblick, welche Medikamente unsere Kunden von verschiedenen Ärzten verschrieben bekommen haben. Und die vertragen sich nicht immer miteinander.“ Als Apotheke vor Ort könne man gegensteuern.

Dennoch: Aufgrund der Internet-Konkurrenz will auch Daria Böger die Online-Aktivitäten verstärken und optimieren. Einen Lieferdienst gibt es längst, vor allem für Ältere. „Wir holen die Rezepte bei ihrem Arzt ab und bringen die Medikamente dann zu ihnen“, berichtet Böger.

Ihr Vater und sie hoffen, dem zunehmenden Druck durch den reinen Online-Handel widerstehen zu können. Was die Zukunft des Stadtbezirks und die ärztliche Versorgung angeht, so setzt Böger auch auf das CreativRevier. Eine gute Zusammenarbeit sei wichtig. Ein Gesundheitszentrum oder eine Medizinisches Versorgungszentrum würden dem Stadtbezirk einen Schub verleihen und ihn attraktiver machen. Böger weiß: „Viele Menschen möchten im Grünen wohnen und gleichzeitig den Anschluss an eine Großstadt haben.“

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Dieser Beitrag gehört zu unserer Serie „Was braucht Pelkum?“ Mehr zum Thema lesen Sie in der Print-Ausgabe des Westfälischen Anzeigers vom 6. April. In unserem ersten Schwerpunkt ging es um die Zukunft des Einzelhandels. Der nächste Schwerpunkt unserer Serie „Was braucht Pelkum?“ erscheint am 20. April im Print und Online. Dann geht es um Verkehr.

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