Ahlener Ärztin hegt Pläne

Kein Hautarzt mehr im größten Hammer Bezirk - Und nun?

Nur ein Hautarzt kann bestimmen, welche Hautveränderungen gutartig bzw. bösartig sind.
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Wer in Hamm einen Termin beim Hautarzt braucht, muss bisweilen viel Geduld haben. (Symbolbild)

In einer Hammer Hautarztpraxis zeitnah einen Termin zu bekommen, ist so gut wie unmöglich. Bis vor kurzem hatten die Menschen in Bockum-Hövel zumindest noch etwas bessere Chancen.

Hamm – Bis Ende September war an der Hammer Straße in Bockum-Hövel die Praxis der Hautärztin Dr. Ilona Frille ansässig. Im September ging sie jedoch in den Ruhestand. Ihre Patienten haben die Wahl: Entweder sie fahren zu einer kooperierenden Praxis in Ahlen oder zu einer der verbleibenden vier Hautarztpraxen in Hamm.

Aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe ist das vollkommen hinnehmbar, für Hamms Ärztesprecher Dr. Matthias Bohle langfristig eine Unzumutbarkeit. Doch es gibt gute Aussichten für den Stadtbezirk: Im Frühjahr 2021 möchte sich eine neue Hautärztin in Bockum-Hövel niederlassen: eben jene Dermatologin, die Frilles Patienten aktuell von Ahlen aus betreut.

Dr. Natalia Straub, die schon zwei Praxen im Umkreis von Hamm besitzt (darunter auch Behandlungsräume in Ennigerloh), plant nach WA-Informationen weiter zu expandieren. Das ist auch einem Aushang am ehemaligen Praxisstandort von Ilona Frille zu entnehmen.

Dort heißt es, dass das Datum und der Ort der Praxiseröffnung noch nicht feststehen würden. Vor Februar 2021 könne Dr. Straub keine weiteren Details nennen, hieß es auf unsere Nachfrage von der Ärztin. Damit müssen die Menschen in Bockum-Hövel – mit rund 35.000 Einwohnern nach wie vor Hamms Stadtbezirk mit den meisten Einwohnern – mindestens noch für einige Monate eine längere Anfahrt in Kauf nehmen.

Weniger Hautärzte in Hamm: Hausärzte entspannt, Ärztesprecher besorgt

Viele der örtlichen Hausärzte sehen diese Situation WA-Recherchen zufolge relativ entspannt. Immerhin seien die Betroffenen frühzeitig informiert und auf Wunsch ohne Probleme durch Frau Dr. Straub übernommen worden. Der Sprecher des Hammer Ärztevereins, Dr. Matthias Bohle, ist kritischer – insbesondere, wenn er ganz Hamm in den Blick nimmt.

Der Weg zur Praxis ist noch ausgeschildert, am Eingang findet sich jedoch der Hinweis auf die Schließung der dermatologischen Praxis von Hautärztin Dr. Ilona Frille. Eine Nachfolgeregelung ist zwar in Planung, aktuell aber müssen Patienten aus Bockum-Hövel einen längeren Weg in Kauf nehmen.

„Als zuweisender Hausarzt kann ich sagen: Meine Kollegen und ich müssen immer mehr Dermatologie-Patienten mitversorgen.“ Wenn das nicht gehe, überweise er mittlerweile eher in umliegende Großstädte wie zum Beispiel Dortmund, als es bei den örtlichen Praxen zu versuchen. Bohles anschauliche Beschreibung der hautärztlichen Kapazitäten: „Man muss sich das so vorstellen wie auf der Autobahn: Wenn da eine Spur wegfällt, merken Sie das. Genauso ist es seit dem Weggang von Frau Frille.“

Weniger Hautärzte in Hamm: Statistisch hoher Versorgungsgrad

Etwas anders bewertet die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) die Situation: Der dermatologische Versorgungsgrad in Hamm liege – Stand Mai 2020 – bei 116,3 Prozent, hieß es auf unsere Anfrage von der Körperschaft. Und auch, nachdem die Praxis von Frille weggefallen ist, seien die Menschen per Definition nicht unterversorgt – selbst, wenn es die Kooperation mit besagter Ahlener Praxis nicht gäbe.

Denn der Versorgungsgrad orientiert sich an einem Ideal, das in der KVWL-Bedarfsplanung festgelegt wurde. Es besagt, wie viele Hautärzte in Hamm gleichzeitig behandeln dürfen beziehungsweise sollen, damit alle Bürger medizinisch ausreichend betreut sind. Laut Bedarfsplan-Richtlinie von 2019 liegt dieser Wert derzeit bei rund 35.000 Einwohnern pro praktizierendem Hautarzt (nicht pro Praxis). In welchem Stadtbezirk sich diese Ärzte niederlassen, hat dabei keine Bedeutung.

Weniger Hautärzte in Hamm: Freude über neue Perspektive

„Das alles stellt uns vor zwei Probleme: Erstens ist dieser Wert meiner Ansicht nach vollkommen willkürlich gewählt und entspricht nicht der medizinischen Realität“, sagt Bohle. „Und zweitens ist Hamm nun einmal eine Flächenstadt: Aus Bockum-Hövel ins Zentrum zu kommen, ist gerade für Senioren oft nicht mal so eben machbar.“ Deswegen freue ihn die Perspektive auf eine neue Hautarztpraxis in Bockum-Hövel umso mehr. „Die Menschen werden immer älter, Hautkrebs deswegen immer häufiger – genau wie altersunabhängige Allergien. Daher könnten sich aus meiner Sicht auch gern noch zwei, drei oder vier weitere Hautärzte hier niederlassen.“

Ein Problem, das sowohl Bohle als auch die KVWL für sich erkannt haben, ist der Altersdurchschnitt praktizierender (Haut-)Ärzte in Hamm. Knapp ein Drittel von ihnen ist schon älter als 60 Jahre – bei den Hausärzten sind es sogar noch einige Prozent mehr. Nachwuchs ist jedoch kaum in Aussicht: „Deshalb wird es Zeit, Hamm für junge Mediziner attraktiv zu machen. Aktuell lockt sie ein Leben in der ,Provinz’ kaum – sie bleiben lieber in den Universitätsstädten“, meint Bohle. Ein Konflikt, den die Hammer Ampelkoalition aus SPD, FDP und den Grünen in den kommenden Jahren angehen möchte. So steht es jedenfalls im Koalitionsvertrag.

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