Kegler und Gastronomen genervt

Kegeln gilt als Kontaktsport - also ruhen die Kugeln weiter

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Kegeln verboten, Vorhang zu! Ziki Kicin muss sich gedulden, bis er seine Kegelbahn im Gasthaus „Zum Stefan“ wieder betreiben darf.

Der bisher letzte Eintrag auf der Homepage der „Prallen Pumper“ ist auf den 8. Mai datiert: „Hallo Pumper, hoffe auf ein baldiges Kegeln...“, heißt es da. Den Lesern – in erster Linie Mitglieder des amtierenden Hammer Kegel-Stadtmeisters – fehlte offensichtlich die Fantasie, sich den Begriff „bald“ in Zahlen auszumalen.

Hamm – Seit 33 Jahren kegeln die "Prallen Pumper" regelmäßig zusammen – seit 2014 im Gasthaus Drees. Doch auch dort geht seit dem Lockdown im März nichts mehr. „Wir dürfen die Bahn weiterhin nicht betreiben“, lautet die frustrierende Auskunft, die Andreas Heitbaum, dessen Lebensgefährtin Agnes Drees das Lokal betreibt, jetzt vom Ordnungsamt der Stadt erhalten hat. Was Stadtsprecher Lukas Huster bestätigt: „Kegeln ist verboten.“ Weil Indoor-Kontaktsportart.

Dabei war zu Beginn der Woche die Verunsicherung der Gastwirte groß. Dürfen die Bahnen geöffnet werden? Und mit welchen Beschränkungen? Für Ziki Kicin wird das Kegeln im Heessener Gasthof „Zum Stefan“ erst wieder ein Thema, wenn es möglich ist, die Kegler zu bewirten. „Sonst hieße es für uns, die Bahn freistellen für die Klubs, ohne etwas verdienen zu dürfen“, sagt der Gastronom. Bei den geringen Gebühren von 7,50 Euro in der Stunde seien da die Betriebskosten höher als die Einnahmen. „Dazu kommen die Reinigungs- und Hygienekosten. Die Situation ist schwierig für die komplette Gastronomie.“

Dass der Samstagabend für seine „Pegelbrüder“ kegelfreie Zone bleibt, ist für Marco Brokinkel mittlerweile Alltag geworden – gewöhnen möchte er sich daran nicht. „Wir treffen uns mal privat mit zwei, drei Mann zum Bier“, sagt der Heessener. „Aber wir würden uns gerne wieder mit allen 13 Clubmitgliedern treffen. Doch selbst zu unserem festen Termin, zu dem alle Zeit hätten, sind viele vorsichtig, weil sie Kinder haben oder die Eltern mit im Haus wohnen.“ Im Januar haben sich die „Pegelbrüder zum bisher letzten Mal auf der Bahn getroffen. „Gesellig sein, reden, essen – mit kegeln ist das schöner“, sagt Brokinkel, der hofft, dass spätestens Ende August die Kugeln wieder rollen werden.

„Scharfe Luder“ essen bald nur noch

Warten müssen auch Uschi Müller und ihre „Scharfen Luder“. Seit 1984 sind die zehn Frauen, deren Clubname beim Firmennamen des ehemaligen Arbeitgebers einiger Mitglieder entliehen ist, als Frauen-Kegelclub unterwegs. „Zurzeit sind wir nur über unsere WhatsApp-Gruppe verbunden“, sagt die Rentnerin, die mit ihrer Gruppe im Deutschen Haus in Bockum-Hövel aktiv ist. „In der kommenden Woche treffen wir uns zum Essen, damit die Regelmäßigkeit wieder eingestielt wird.“

Knobeln statt kegeln: Fußball-Trainer Steven Degelmann vermisst sein (zweites) Hobby.

Trotz anders lautendem Club-Namen („Wir lassen nix stehen“) ist es genau das, was Steven Degelmann und seine Kollegen derzeit machen müssen. Auch der Kegelclub um den Trainer des Fußball-Oberligisten Hammer SpVg muss seit März Verzicht üben. Das erste Treffen seit Corona, bei dem die Truppe, die sich aus den ehemaligen HSV-Spielern Andre Brösch, Mark Bördeling, Thorsten Heinze, Steven Degelmann, Daniel Bremser, Sven Heinze, Florian Klein und Sakib Malovcic zusammensetzt, ist am Freitag geplant. „Dann sehen wir uns im HSV-Casino, wo wir sonst kegeln“, sagt der Polizeibeamte Degelmann. „Nur dieses Mal werden wir mit acht Leuten würfeln.“

Treffen per Zoom-Telefonkonferenz

Corona kann nicht trennen, was der Fußball zusammengeschweißt hat. So hat sich die Truppe zu Zeiten der Kontaktsperre per Zoom-Telefonkonferenz zusammengeschaltet. „Da haben wir uns online drei Stunden lang Blödsinn erzählt“, erinnert sich Degelmann, dem das Kegeln zwar fehlt, der gesellige Teil der Treffen aber wichtiger ist. „Wir haben da nicht so einen sportlichen Ehrgeiz entwickelt wie beim Fußball, können es jetzt aber zumindest besser als vor zwölf Jahren.“

Was beim Fußball ein wenig anders aussieht, wie der ehemalige Regionalliga-Kicker augenzwinkernd einräumt. „Da sind wir ein bisschen ruhiger und langsamer geworden.“ Kegeln wollen sie aber auch nach Corona.

Nur Uschi und ihre Luder ohne Sorge

Bei vielen anderen Clubs sehen die Gastronomen das eher skeptisch. „Ich denke, viele ältere Clubs werden sich auflösen, weil die Angst im Kopf bleibt und sie sich scheuen, im engen Raum zu schwitzen oder Kugeln in die Hand zu nehmen“, sagt Kicin. Und Heitbaum glaubt: „Viele werden nicht wiederkommen. Das läuft alles derzeit in keine gute Richtung.“

Um Uschi Müller und ihre „Luder“ müssen sie sich nicht sorgen. Aufhören ist für die Bockum-Hövelerin keine Option. „Der positiver Trend, dass wir das in Deutschland hinkriegen, ist da“, sagt sie. „Ich habe keine Angst vor Ansteckungen. Und falls wir mal nicht mehr kegeln können, werden wir uns weiter treffen – dazu sind wir viel zu sehr zusammen geschweißt.“

Übrigens: Der Kegelsport lebt in Hamm trotz aller Unkenrufe. Das zeigte Anfang 2018 eine große Umfrage nach dem besten Namen unter den Hammer Kegelclubs.

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