Mediziner kritisieren Schnellschuss der Politik

Kaum ein Arzt in Hamm macht kostenfreie Corona-Tests

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Kostenloser Corona-Test? Viele Hammer Hausärzte haben ein Problem damit.

Auch Hausärzte sollen kostenfreie Corona-Tests durchführen. So will es die Politik. Das kommt bei den Medizinern allerdings gar nicht gut an. Viele zu viele Fragen seien ungeklärt, ergab eine Abfrage in Hamm.

Hamm – Landesweit und auch in Hamm gibt es massive Irritationen darüber, wie und von wem Reiserückkehrer, Kita-Personal und Lehrer auf das Coronavirus getestet werden sollen. Der Gesetzgeber hat Ende der vergangenen Woche Fakten geschaffen und kostenfreie Tests auch für Heimreisende aus Nicht-Risikogebieten – etwa Holland oder Dänemark – ermöglicht. Durchführen will die nur offenbar so gut wie kein Hausarzt.

Auf WA-Anfrage erklärte eine Sprecherin der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), dass nicht klar sei, welcher Hammer Arzt bereit dazu ist, entsprechende Corona-Tests vorzunehmen. Das liege in erster Linie daran, dass noch viele praktische Fragen – etwa zur Abrechnung – ungeklärt sind. Auch Dr. Matthias Bohle, Sprecher des Hammer Ärztevereins, kann dazu nichts sagen. „Ich weiß es schlicht nicht“, erklärt er. „Etliche testen aber nicht.“

Das habe mehrere Gründe. Zum einen sei nicht klar, wie ein solcher Test überhaupt verbucht werden muss. „Da haben wir dann einen hohen Aufwand, wenn das geklärt worden ist und müssen alles über Wochen nebenbei nacharbeiten“, erklärt Bohle. „Das ist bei so vielen Tests kaum zu leisten.“ Bei der Stadt geht man davon aus, dass allein bei Erzieherinnen und Lehrern pro Woche etwa 1250 Probenentnahmen anfallen. Sie können sich alle 14 Tage kostenlos testen lassen. Dazu kommen Urlaubsrückkehrer und andere mutmaßlich Infizierte.

Praxis coronagerecht einrichten ist schwierig

Vielfach sei es weiterhin schwierig, die eigene Praxis coronagerecht einzurichten – also mit separaten Zugängen und Laufwegen für Testpersonen und andere Patienten. Über Wochen sei Bohle deshalb praktisch die einzige Infektionspraxis in Hamm gewesen. Er selbst war bereits mit dem Coronavirus infiziert und trägt deshalb entsprechende Antikörper in sich – und hat allein dadurch wohl auch eine höhere Bereitschaft, potenziell Infizierten zu begegnen.

"Die Politik hat sich auf unsere Kosten einen schlanken Fuß gemacht und sich als Problemlöser hingestellt", sagt Dr. Matthias Bohle als Sprecher der Hammer Ärzteschaft.

Auch die Angst vor einer zweiwöchigen Zwangspause nach Kontakt zu einem Corona-Infizierten, der ungeschützt in der Praxis war, spiele eine Rolle. „Der Verdienstausfall geht dann schnell in die Tausende. Sich das Geld zurückzuholen, ist langwierig.“ Bohle spricht aus Erfahrung: Seine Praxis war wegen seiner Erkrankung für 14 Tage geschlossen. „Nach vier Monaten gibt es dafür immer noch keine Entschädigungsregelung. Die Bearbeitung beim LWL wird wegen vieler ähnlicher Fälle wahrscheinlich noch Monate dauern“, ärgert sich der Mediziner.

Test-Honorar für Hausärzte zu unattraktiv

Im Verhältnis zu all diesen Unwägbarkeiten sei das Honorar von 15 Euro, die ein Hausarzt für einen solchen Corona-Test noch bekommt, schlicht zu unattraktiv. „Das deckt alles in allem nur wenig mehr als die unmittelbaren Kosten, die wir für den Test selbst haben“, so Bohle.

Die Politik kritisiert der Mediziner deshalb scharf: „Da wurde etwas über unseren Kopf hinweg als beschlossen verkündet, was in der Praxis nicht haltbar ist. Die Politik hat sich auf unsere Kosten einen schlanken Fuß gemacht und sich als Problemlöser hingestellt.“

Behandlungszentrum der KVWL bleibt geschlossen

Aktuell geschlossen: Das Behandlungszentrum der KVWL an der St.-Barbara-Klinik in Heessen.

Für Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann liegt jetzt den Ball bei der Landespolitik. Es müsse klare Regelungen geben. „Wir sind da in Gesprächen mit der Bezirksregierung und der KVWL. Die wollen und müssen nachbessern“, so Hunsteger. „Das Behandlungszentrum an der St.-Barbara-Klinik sollte wieder in Betrieb genommen werden, um die Hausärzte zu entlasten.“ Auch die Ärzte wollen das. „Die meisten wünschen sich das sicherlich“, so Bohle. Nach Angaben der KVWL-Sprecherin sei aktuell allerdings nicht geplant, das Behandlungszentrum wieder zu öffnen, eine spätere Öffnung sei aber immerhin nicht ausgeschlossen.

Sollte es keine tragfähigen Lösungen geben und die Ärzte irgendwann gezwungen sein, Tests durchzuführen, sieht Bohle noch eine andere Schwierigkeit. „30 Prozent der Hausärzte in Hamm sind nah am Rentenalter. Wenn man denen mit Zwangsmaßnahmen kommt, winken sie ab und schließen im Zweifel lieber ihre Praxis. Dann bekommen wir auch abseits von Corona ein Riesenproblem.“

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