Hindu-Tempel im Lutherviertel

Kaufverhandlungen für Ex-Kino und Suche nach einem Priester

Gebete via Internet sind für die Gemeindemitglieder keine Option, sagt Sutharsan Satkunandan.
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Gebete via Internet sind für die Gemeindemitglieder keine Option, sagt Sutharsan Satkunandan.

Es ist nicht so, als hätte Sutharsan Satkunandan nichts zu tun im „Sri Venkateswara Perumal Tempel“ an der Nassauerstraße 20. Doch anders als noch vor Corona kümmert sich der Präsident der dortigen hinduistischen Gemeinde aktuell auch viel um das „Drumherum“.

Hamm – „Derzeit kommen nicht mehr so viele Menschen in den Tempel wie früher“, sagt der Hammer, der sich mit einem Lächeln als „Mädchen für alles“ bezeichnet. Denn: Er macht wirklich alles, angefangen bei kleineren Reparaturen über das Saubermachen des Tempels bis hin zu Priesteraufgaben – und das alles im Ehrenamt neben seinem Hauptberuf.

Die Situation sei aktuell schwierig, findet der 38-Jährige. Was er meint, zeigt sich bei einem Rundgang durch den Tempel, der seit rund sechs Jahren im 1999 geschlossenen Kino „Atrium-Filmpalast“ beheimatet ist. Denn an diesem Tag ist nur eine Familie vor Ort, die im Tempel betet und sich auf eine spirituelle Reise begibt. „Manchmal kommen nur zwei Besucher am Tag, statt wie vorher 20 oder 30, denn viele haben wegen Corona Angst, zu kommen“, erklärt Satkunandan.

Spirituelles Erlebnis statt Internet-Gottesdienst

„Oft kommen die Leute in den Tempel, wenn es ihnen schlecht geht“, sagt der Gemeindepräsident. Dass Corona-bedingt zuletzt aber weniger Gläubige den Weg dorthin finden, kann sich daher durchaus auf das Seelenleben auswirken. Im Tempel selbst sind Figuren verschiedener Gottheiten des hinduistischen Glaubens, an denen die Menschen beten und mitunter Obst als Opfergabe hinlegen. Das spirituelle Erlebnis vor Ort ist Teil des Glaubens, weshalb es auch keine Internet-Gottesdienste gibt.

Was es darüber hinaus für die Gemeinde mit rund 100 Mitgliedern aus Deutschland sowie dem nahen Ausland schwer macht: Weil weniger Menschen in den Tempel kommen, fallen auch die Spenden geringer aus. Dabei ist die Hindu-Gemeinde darauf angewiesen. Daher ist ungewiss, wie es weitergeht. Dabei hat die Gemeinde viel vor. Der wohl wichtigste Aspekt: der Kauf des ehemaligen Kinos, das vor dem Einzug der Hindus lange Jahre leer stand. Die Verhandlungen mit dem Eigentümer laufen. Und dann?

„Wir möchten dem Tempel ein Gesicht geben“

Neben Arbeiten im Inneren würde man auch den kleinen Vorhof in eine Art Park verwandeln wollen und damit einen besonderen Akzent im ohnehin bunten Martin-Luther-Viertel setzen. Untätig sind der 38-Jährige und die anderen Ehrenamtlichen aber auch jetzt nicht. So haben sie gerade erst ein Vordach vor dem Haupteingang gebaut. „Wir möchten dem Tempel ein Gesicht geben“, sagt der gebürtig aus Sri Lanka stammende Satkunandan.

Dabei gibt es derzeit noch eine Baustelle, allerdings eher im übertragenen Sinne. Denn noch einen großen Wunsch hat die Gemeinde: „Wir brauchen einen Priester“, erklärt Sutharsan Satkunandan. Der müsse aber aus Sri Lanka kommen, denn: „Wir sind der einzige Tempel in Deutschland und Europa für diese Gottheit“, sagt der Hammer Heißt: Auch im Hindu-Glauben gibt es Unterschiede – „so, wie zwischen Protestanten und Katholiken.“ Corona-bedingt ist es aber gar nicht so leicht, derzeit einen Priester aus Sri Lanka für Hamm zu bekommen. Denn der muss nachweisen, dass er Deutsch kann oder hier lernen wird – was angesichts des Pandemieausbruchs in dem asiatischen Land zurzeit nicht geht.

Friedlich, freundlich und weltoffen

Helfen möchte deshalb Werner Reumke vom benachbarten Förderverein des Martin-Luther-Viertels mit einem entsprechenden Schreiben. Ohnehin ist der Austausch zwischen Reumke und den Hindus intensiv und von Freundschaft geprägt. Das Motto: Man hilft sich gegenseitig, egal ob privat im Alltag oder bei Veranstaltungen. Was Reumke über die Gemeinde, die sich immer friedlich, freundlich und weltoffen präsentiert denkt? „Es ist wie eine Familie“, sagt er und findet, dass der Tempel für jeden ein Besuch Wert ist – egal, ob man gläubig ist oder nicht. Denn: „Hier geht man rein und ist in einer anderen Welt. Es ist wie ein Urlaub – und sehr entspannend“, sagt er mit einem Lächeln. Die Gemeinde sei jedenfalls eine „künstlerische und kulturelle Bereicherung“ des Viertels.

Geplant ist, dass im September wieder der traditionelle Umzug durch das Viertel stattfindet – wenn Corona es denn zulässt. Vergangenes Jahr fiel die Veranstaltung mit bis zu 1000 Besuchern aus.

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