Mitarbeiter müssen "gefühlt 1000 Mal" nachfragen

Kampf für den Erhalt war aussichtslos: Kaufhof-Personal zwischen Wut und Trauer

Hamm gehört nicht zu den zwölf der ursprünglich 80 zur Schließung anstehenden Filialen, die im Insolvenzverfahren doch erhalten werden sollen.
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Hamm gehört nicht zu den zwölf der ursprünglich 80 zur Schließung anstehenden Filialen, die im Insolvenzverfahren doch erhalten werden sollen.

Die Zeichen waren überdeutlich, die Plakate zur Schließung lagen schon lange im Keller, bevor die Galeria Karstadt Kaufhof GmbH den Mitarbeitern und der Stadt reinen Wein einschenkte. Erst jetzt erhielt die Stadt offiziell ein Schreiben, dass der Kaufhof in Hamm zumacht.

Hamm – Bis Freitag müssen Kündigungen zugestellt worden sein, damit sie zum 31.Oktober wirksam werden können. Nach WA-Informationen ist auch die Immobilie inzwischen gekündigt worden.

Hamm gehört demnach nicht zu den zwölf der ursprünglich 80 zur Schließung anstehenden Filialen, die im Insolvenzverfahren doch erhalten werden sollen. In Hamm sei es nicht gelungen, die „Parameter so wesentlich zu verändern, dass eine Fortführung möglich ist“, heißt in dem Schreiben. Als Parameter sind unter anderem das wirtschaftliche Leistungsvermögen, Miete, Struktur der Zielgruppe und Standortverteilung in der Region genannt. Zudem blieben die Umsätze generell „erheblich unter den Werten“ vor Corona. Was genau letztlich in Hamm den Ausschlag gegeben hat, bleibt offen.

Zwischen Wut und Trauer

Das Stimmungsspektrum in der rund 40-köpfigen Belegschaft reiche „von wütend bis traurig“, sagte Betriebsratsvorsitzende Marion Schöning gegenüber unserer Zeitung. Erfahren hätten die Mitarbeiter die Entscheidung aus eigener Initiative in der vergangenen Woche. „Erst nachdem gefühlt 1000 Mal nachgefragt worden war“, so Schöning. „Richtig verstanden und verinnerlicht haben den Schritt viele aber wohl noch nicht. Wir waren hier immer eine kleine Familie.“ Ihrer Einschätzung nach haben viele Mitarbeiter den Schritt in die Transfergesellschaft gewählt.

Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann kritisierte scharf die Linie des Unternehmens: „Man hätte von vornherein klar sagen müssen, dass der Kampf um den Standort aussichtslos ist. Das ist nicht zuletzt eine Frage des Anstands gegenüber den Mitarbeitern. Wir müssen nun sehen, welche Hilfen es für sie gibt.“

Kaufhof-Schließung trifft Hamm schwer

SPD-Kreistagsvorsitzender, Landtagsabgeordneter und OB-Kandidat Marc Herter will sich ebenfalls für die Mitarbeiter einsetzen. Die Schließung sei ein schwerer Schlag. „Mit über 8 Millionen Euro Umsatz hat der Kaufhof selbst zuletzt mehr Kaufkraft in Hamm gebunden als jedes Geschäft außerhalb des Allee-Centers“, so Herter. „Es brechen Sortimente weg, und damit fehlt ein weiterer Grund, in die Innenstadt zu fahren. Es geht um weit mehr als eine Immobilie“, so Herter. Für einen echten Neustart müsse man die gesamte Innenstadt in den Blick nehmen.

Scharfe Kritik gab es nicht nur vom Personal. Auch Verdi äußert sich hier über ein "Pokerspiel auf dem Rücken der Beschäftigten" in Hamm.

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