Plakat "Wir schließen"

Kaufhof in Hamm endgültig vor dem Aus: Viel Kritik an Kommunikation des Handelsriesen

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Werbung für den Ausverkauf: Im Schaufenster weist der Kaufhof auf die anstehende Filialschließung hin.

[Update] Hamm - Was sich lange angekündigt hat, scheint nun offenbar Gewissheit: Der Kaufhof schließt seinen Standort in Hamm. Seit Dienstagmorgen hängen knallbunte Plakate im Schaufenster. Eines davon spricht eine eindeutige Sprache: „Wir schließen diese Filiale.“

Eine offizielle Bestätigung aus der Konzernzentrale gab es dazu bis zum Abend nicht, die Filialleiterin durfte sich gemäß Unternehmenspolitik nicht äußern und der Betriebsrat verfügte nach eigener Aussage über keinerlei Informationen. Daran, dass es so kommt wie auf der im Juni veröffentlichten Streichliste von Filialen, dürfte nun kein Zweifel mehr bestehen. Oder doch? Hat man vielleicht einfach die falschen Plakate aufgehängt? Es fällt schwer, das zu glauben.

Ein „Kaufhof-Gipfel“ in der vergangenen Woche im Rathaus brachte Eigentümer und Konzernleitung, IHK, Gewerkschaften, Betriebsrat und Vertreter der Großen Koalition zu einem Rettungsversuch zusammen. Mit Blick auf die Plakatierung sind die angekündigten weiteren Gespräche zwischen Eigentümer und Konzern wohl erfolglos verlaufen.

Brückenbauer offenbar gescheitert

Schon damals herrschten nach WA-Informationen große Zweifel daran, dass die Filiale wirtschaftlich haltbar und über eventuelle Mietnachlässe zu retten wäre. Auch im Rathaus gab es am Dienstag keinerlei Informationen aus der Konzernspitze.

Vertreter der Großen Koalition und der Stadtspitze hatten sich mit dem „Kaufhof-Gipfel“ als Brückenbauer verstanden, um den letzten Funken Hoffnung zu wahren, dass Hamm doch noch von der Streichliste verschwindet. Zum Rettungspaket hätten zügige Hilfen für einen eventuellen Umbau oder auch eine Verkleinerung der Ladenfläche für anderweitige Nutzungen gehört. Doch all das war hinter Konzerntüren womöglich längst kein Thema mehr, die Schließung beschlossene Sache.

Entsprechend verschnupft reagierte man im Rathaus. Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann kritisierte scharf die Kommunikationspolitik des Unternehmens, vor allem auch gegenüber den Mitarbeitern. „Plakate ins Fenster zu hängen und keine weiteren Informationen zu liefern, ist ganz schlechter Stil“, so der OB. Er ist überzeugt davon, dass in Hamm nicht zu spät gehandelt worden sei. „Hamm ist nicht vergleichbar mit den Standorten in anderen Städten“, sagte er.

„Zynisch und unverfroren“

Marc Herter, SPD-Landtagsabgeordneter, Kreisverbandsvorsitzender und OB-Kandidat, äußerte sich nicht zu einem möglichen „Ja“ oder „Nein“ zur Schließung, wohl aber zum Unternehmensstil. „Uns war es ebenso wenig möglich, mit Kaufhof in Kontakt zu treten“, so Herter. „Zur Kommunikation, vor allem auch mit den Mitarbeitern sage ich aber: Das Gebaren eines Unternehmens, das hier lange Jahre gute Gewinne gemacht hat, ist zynisch und unverfroren.“

Reiner Kajewski, ver.di-Gewerkschaftssekretär und zuständig für Handel, glaubt, dass trotz der eindeutigen Plakate „noch nicht alle Karten gelegt“ sind. Sie hingen in allen Filialen der Streichliste. Zwar sei am 9. Juli der Schließungsbeschluss erfolgt, doch auch danach seien noch Häuser von der Streichliste genommen worden. „Entscheidend ist erst letztlich die Gläubigerversammlung Anfang September“, sagt er. Ein Abverkauf bedeute nicht, dass für einzelne Häuser nicht doch noch eine Rettung erfolgen könnte. „Daher muss man auch mit einer Aussage zu Hamm vorsichtig sein“, sagt er.

Auch Mitarbeiter wissen nicht, woran sie sind

Rund 40 Mitarbeiter wären von der Schließung in Hamm betroffen, viele davon sind lange Jahre im Unternehmen tätig. Wie ihre Zukunft aussehe, sei zurzeit vollkommen offen, sagte Betriebsratsvorsitzende Marion Schöning gegenüber unserer Zeitung. Von der Konzernspitze gebe es dazu ihres Wissens nach bisher keine Informationen.

Dass Kaufhof-Standorte allein über Mietnachlässe nicht zu retten sind, sondern vielmehr die Umsatzerwartungen und der weitere Kostenapparat eine entscheidende Rolle spielen dürften, ist an anderen Standorten wie beispielsweise Iserlohn ablesbar: Die Stadt als Immobilieneigentümerin hat das Objekt mietfrei angeboten, und der Konzern zieht sich allem Anschein nach dennoch zurück.

Wie jetzt bekannt wurde, endet der Mietvertrag mit Kaufhof in Hamm doch nicht zum 31. Dezember 2020 (wie ursprünglich berichtet), sondern zu einem deutlich späteren Zeitpunkt.

Jahrelanger Leerstand wäre "Supergau"

Sollte es so kommen, wie es sich jetzt nach außen darstellt, gelte es schnell zu überlegen, wie es an dieser Stelle weitergehen könne, sagte Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann. Das sei in erster Linie Sache des Eigentümers. „Ein jahrelanger Leerstand wäre der Supergau“, so der OB. „Wir dürfen die Chance auf den Wandel hier nicht verpassen.“

Mit dem Kaufhof schließt nach Horten, C&A, der Kaufhalle, Ter Veen und Herlitz nun der letzte große Einzelhandelsstandort in der Bahnhofstraße. Seit 1972 existierte der Kaufhof an Ort und Stelle als Nachfolger des Kaufhauses Müller-Hamm.

Eine schriftliche Anfrage zur aktuellen Situation in Hamm ließ die Kaufhof-Unternehmenskommunikation unbeantwortet.

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