Bekannter Psychiater aus Hamm

"Kaputtes System": Prof. Dr. Beine geht in den Ruhestand - und kritisiert das Gesundheitswesen

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Prof. Dr. Karl H. Beine ist seit 1999 Chefarzt im Marienhospital II.

Hamm - Nach 20 Jahren als Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik im Marienhospital an der Knappenstraße geht Prof. Dr. Karl H. Beine zum Jahresende in den Ruhestand – mit 68 Jahren. Zwölfstündige Arbeitstage waren bei ihm üblich, zumal er auch als Hochschullehrer und Sachbuchautor von sich reden machte.

„I.b.M. – Immer bis Mitternacht.“ So beschreibt Prof. Dr. Karl H. Beine halb scherzhaft die Länge seiner Arbeitstage. So gut wie jeder von uns würde über ein solches Arbeitspensum klagen oder daran verzweifeln. Beine tut das nicht. „Es war keine Last, sondern sinnvoll und hat Spaß gemacht“, sagt der Mediziner über sein Wirken als Chefarzt, Hochschullehrer und Sachbuchautor. Mit 68 tritt er nun zum Jahresende von der Krankenhaus- und Universitätsbühne ab. Wirklich ruhig wird es um den Ruheständler aber vermutlich nicht werden.

Psychiater aus Hamm gefragter Experte

Niels Högel: Der Fall des Ex-Krankenpflegers, der in Delmenhorst und Oldenburg reihenweise Patienten zu Tode spritzte und im Juni 2019 wegen 88-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, wird den meisten noch in Erinnerung sein. Für Beine war er Anlass, dass seine Arbeitstage insbesondere in der ersten Jahreshälfte 2019 noch ein bisschen länger ausfielen: Fast jede große deutsche Tageszeitung wollte in jener Zeit ein Interview mit dem Psychiater aus Hamm – und bekam es auch.

Beine, der auch als Experte in den ARD-Tagesthemen oder dem ZDF-Heute-Journal zu Wort kam, hatte sich über 25 Jahre mit dem Thema Patiententötungen in Kliniken und Heimen auseinandersetzt und gilt als Koryphäe auf diesem Gebiet. Seine Habilitationsschrift war 1996 diesem Thema gewidmet, es folgten Buchveröffentlichungen mit Titeln wie „Sehen, Hören, Schweigen – Patiententötungen und aktive Sterbehilfe“ (1998), „Krankentötungen in Kliniken und Heimen – Aufdecken und Verhindern“ (2010) oder 2017 „Tatort Krankenhaus – Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert“.

Beine: "Die Täter sind überdurchschnittlich unsicher"

Beine befragte in einer Studie 5.000 Ärzte und Pfleger in Krankenhäusern und Pflegeheimen und wühlte sich im Lauf der Jahre durch hunderte von Ermittlungsakten. Er arbeitete Gemeinsamkeiten der Krankenhausfälle heraus und erstellte Täterprofile. „Die Ausmaße dieser Tötungen hängen zusammen mit den Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern und Heimen“, lautet eine seiner Thesen, die sich auch schon an den Buchtiteln ablesen lässt.

„Die Täter sind überdurchschnittlich unsicher. Sie reagieren besonders sensibel darauf, wenn Lob ausbleibt, oder wenn sie Kritik einstecken müssen. Vermutlich haben sie den Helferberuf auch deshalb ergriffen, um sich im Glanz seines Sozialprestiges zu sonnen. Sie versprachen sich, dass es ihnen auch selbst dadurch besser geht. Das bleibt natürlich aus“, sagte er im Oktober 2018 in einem „Spiegel“-Interview über das Wesen der Krankenhauskiller.

Beine sieht die fortschreitende Ökonomisierung und Kommerzialisierung im Gesundheitswesen als Auslöser einer fatalen Kausalkette: Unmenschlicher Arbeitsdruck sei die Folge, das wiederum führe zu Überforderung, zu Behandlungsfehlern, Resignation, Aggression und zu einer Unkultur des „Wegsehens“.

"Geld ist der falsche Treiber"

„Geld ist der falsche Treiber“, lautet eine seiner schonungslosen Erkenntnisse über das heutige Gesundheitswesen. „Das Krankenhauswesen von einst ist längst zur Krankenhauswirtschaft geworden. Aber Kliniken dürfen keine Konzerne sein, Gesundheit kein Geschäft.“ Mit solchen Aussagen hat er sich nicht nur Freunde gemacht, sondern ist bei den Repräsentanten des Systems diverse Male angeeckt. Von seinem Kurs ist er dennoch nie abgewichen. „Ich war immer auch ein politischer Arzt“, sagt er. Zuletzt unterstützte er im September 2019 im „Stern“ als einer von 215 Medizinern den Ärzte-Appell „Mensch vor Profit“.

Chefärzte am Marienhospital in den Ruhestand verabschiedet

20 Jahre ist sein Hauptarbeitsplatz im Marienhospital II an der Knappenstraße gewesen. 1999 hatte er hier als Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik die Nachfolge von Dr. Rita Kemmann angetreten. Das Haus stieg damit zur Universitätsklinik auf. Beines Lehrstuhl für Psychiatrie und Psychotherapie, auf den er zwei Jahre zuvor an der Universität Witten/Herdecke berufen worden war, war nämlich an seine Person gebunden. Regelmäßig sind seitdem Medizinstudenten in der Klinik und arbeiten im Ärzte- und Therapeutenteam mit. An sechs bis acht Werktagen im Jahr hält Beine Vorlesungen in Witten.

Etwa 4.000 Patienten im Jahr

123 Pfleger, Ärzte und Therapeuten arbeiten auf den Stationen. „Sehr gute Leute sind das“, sagt Beine über das Team. In all den Jahren sei die Fluktuation gering gewesen. Wer wegging, habe vielfach Karriere gemacht. Etwa 4.000 Patienten werden im Jahr behandelt. „Wir werden heute wesentlich häufiger in Anspruch genommen als dies früher der Fall war“, sagt der Chefarzt.

Die Ursachen dafür seien vielfältig. Beine nennt als Beispiele die größere Offenheit gegenüber psychischen Erkrankungen und deren verbesserte Erkennung, aber auch ein höheres Maß an Vereinsamung. Mehr Druck am Arbeitsplatz, instabilere Bindungsmuster zwischen den modernen Menschen. Diese vermehrte Inanspruchnahme dürfe man aber nicht verwechseln mit einer wirklichen Zunahme von psychischen Erkrankungen. „Die gibt es nämlich nicht“, sagt Beine.

Psychisch Kranke als Teil der Stadtgesellschaft

In der Klinik findet sich kein geschlossener Bereich. Wer dort behandelt wird, kann sich frei bewegen, auch außerhalb des Hauses. Den Ansatz der „offenen Psychiatrie“ hatte schon seine Vorgängerin eingeführt, und er wird bis heute von Beine vehement unterstützt. „Das ist ein wichtiger Beitrag zur Entstigmatisierung. Es geht um Inklusion und Respekt. Psychisch kranke Menschen, die bei uns ihre Heimat haben, müssen Teil der Hammer Stadtgesellschaft sein.“

Der vielleicht wichtigste Meilenstein in seinem Wirken wurde vor fünf Jahren gesetzt. Nach langem Vorlauf gelang es ihm, dass die Klinik zum 1. Januar 2014 Modellklinik wurde. Vom ersten bis zum letzten Tag der Krankenhausbehandlung ist nun gewährleistet, dass die Patienten von einem konstanten Behandlungsteam versorgt werden. Sie müssen nicht mehr immer wieder ihre persönliche Krankengeschichte wechselnden Ärzten und Therapeuten erzählen.

Die Behandlung kann zudem stationär, tagesklinisch oder ambulant erfolgen. Aufsuchende Behandlungen beim Patienten zu Hause sind ebenfalls möglich. Diese Art der integrativen Krankenhausbehandlung wird in Deutschland nur sehr selten angeboten. Beine spricht von „einer wunderbaren Geschichte“ und hofft, dass das Beispiel weiter Schule macht.

Nur eine kurze Handwerksepisode

Karl H. Beine stammt aus Hilbeck und lebt dort auch heute wieder. Eine Karriere als Arzt war dem 68-Jährigen zunächst nicht beschieden. Nach der Schule schloss er eine Lehre als Zentralheizungs- und Lüftungsbauer ab. „Ich sollte den elterlichen Betrieb übernehmen, war dafür aber gänzlich ungeeignet“, sagt er. Nach der Handwerksepisode besuchte er das Abendgymnasium in Dortmund und legte dort 1973 das Abitur ab. Danach studierte er in Münster Sozialwissenschaften. Aber auch das war nicht das Richtige.

Nach der Zwischenprüfung wechselte er ins Medizinerlager, machte 1982 seinen Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, promovierte ein Jahr später und fand mehrere Anstellungen als Arzt in leitenden Funktionen. „In gewisser Weise hat sich also ein Kreis geschlossen, denn ich bin ja ein Seelenklempner geworden“, sagt er und grinst dabei verschmitzt.

Gottgläubig und kurz vor der Fastenkur

Der Blick zurück erfülle ihn mit „tiefer, tiefer Dankbarkeit“. Es sei „eine Gnade, ein Geschenk“ gewesen, in dieser Weise berufliche Erfüllung zu erfahren. „Ich bin nicht meines Glückes Schmied gewesen. Das wurde mir von höherer Stelle in die Wiege gelegt“, sagt er. „Selbstverständlich“ sei er gottgläubig und Mitglied der evangelischen Kirche.

Auf seinen neuen Lebensabschnitt freue er sich. Er freue sich darauf, Ruhe und Zeit zu haben, um zu reisen, zu lesen, zu schreiben und die Kinder zu besuchen. Um sich auf die neue Situation einzustellen, plane er, eine Fastenkur zu machen.

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