Neues Konzept

Kälbchen Rosi darf nicht der Star sein: Auf dem Erlebnisbauernhof Binkhoff fehlen die Kinder

Zuneigung gibt’s zwar nicht von Besuchern, dafür aber immerhin von Landwirtin Doreen Binkhoff: Kälbchen Rosi verpasst das Leben auf dem Erlebnisbauernhof Hamm der Familie Binkhoff in Herringen.
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Zuneigung gibt’s zwar nicht von Besuchern, dafür aber immerhin von Landwirtin Doreen Binkhoff: Kälbchen Rosi verpasst das Leben auf dem Erlebnisbauernhof Hamm der Familie Binkhoff in Herringen.

Die Neugier blitzt in den dunklen Augen. Vorsichtig streckt Rosi ihren Kopf durch die Gitterstäbe und lässt sich kraulen. Normalerweise wäre das Kälbchen wohl der Star auf dem Erlebnisbauernhof Hamm. Normal ist dort aktuell allerdings nicht viel.

Herringen – Der landwirtschaftliche Betrieb auf dem Erlebnisbauernhof Hamm läuft wie immer – der Erlebnisbauernhof der Familie Binkhoff dagegen liegt wegen Corona seit Monaten brach.

Seit guten 20 Jahren führt Claus Binkhoff den Familienbetrieb im Herringer Westen, vor etwa acht Jahren entschieden er und seine Frau, den Hof an der Johannes-Rau-Straße zu einem Paradies für Kinder zu machen. „Ich habe damals damit angefangen, Geburtstagsfeiern zu organisieren“, erzählt Doreen Binkhoff. Nach knapp einem Jahr erweiterte sie das Angebot um verschiedene Kurse, die sie seitdem als von der Landwirtschaftskammer zertifizierte Bauernhofpädagogin leitet.

Kinder helfen auf Erlebnisbauernhof mit

Bis zum Beginn der Corona-Pandemie war Kinderbesuch demnach an der Tagesordnung in dem Mutterkuhbetrieb mit Bullenmast und Ackerbau. Rund 100 Tiere leben dort, die Kälbchen bleiben bei ihren Müttern – und lassen schon die Augen der Kleinsten immer wieder aufs Neue leuchte.

Viele der Jungen und Mädchen begleitet Binkhoff schon über Jahre, da sie mit Schulen und Kindergärten zusammenarbeitet. „Wir bieten Kurse für Kinder bis zwölf Jahren an“, erzählt sie. So tummeln sich in Herringen normalerweise die Hofwichtel (ein bis drei Jahre), die Minibauern (drei bis fünf/sechs Jahre) und die Juniorbauern (fünf/sechs bis zwölf Jahre). Während die Kleinsten ihre ersten Tierbegegnungen machen, geht es bei den Älteren handfester zu.

Sie setzen Kartoffeln, lernen melken und schauen bei einer Schweinegeburt zu. „Wir bleiben mit den Kindern nicht nur bei uns auf dem Bauernhof, sondern besuchen auch andere Betriebe wie beispielsweise einen Kartoffelbauern eine Schweinemast.“ So lernen die Kinder nicht nur, wie Lebensmittel produziert werden. Doreen Binkhoff: „Sie bekommen auch einen Einblick in verschiedene Haltungsformen und können später selbst entscheiden, wie die Tiere leben sollen, die sie möglicherweise essen möchten.“

Guten Appetit: Lasse Binkhoff, 12, bei der Fütterung.

Not macht erfinderisch: Corona bremst Hof-Betrieb aus

So vielfältig das Angebot des Erlebnisbauernhofs auch ist – aktuell liegt alles brach. Statt pro Monat etwa 200 Kinder zu Besuch zu haben, kümmert Binkhoff sich in einem Seniorenheim um die Besucherregulierung. „Durch die Pandemie war vom einen auf den anderen Tag alles anders“, bedauert sie. Seit dem vergangenen Herbst gab es keine Kurse oder Kinderbesuche mehr. Die Einnahmen aus dem Erlebnisbauernhof fehlen, staatliche Hilfen gibt es nicht. Darum habe sie sofort zugesagt, als sich die Möglichkeit geboten habe, den Verlust auf diese Weise etwas abzufedern.

Ganz los kommt sie von „ihren“ Kurskindern aber nicht. Zuerst hat sie kleine Videos gedreht, die sie per WhatsApp verschickte, damit die Kinder ihre Besuche auf dem Hof nicht zu sehr vermissen. Auch ein Kursprogramm für daheim hat sie sich einfallen lassen. Viele Kinder bemalten zum Beispiel Zaunlatten, die der Familie jetzt als „Durchhaltelatten“ gelten. Und einige der kleinen Naturfreunde bringen durch Binkhoffs Engagement etwas Abwechslung in das Leben der Senioren. „Ich habe Brieffreundschaften zwischen den Heimbewohnern und den Kurskindern initiiert“, erzählt Binkhoff.

Parallel überlegen sie und ihre Familie, wie es mit dem Erlebnisbauernhof weitergehen soll. Binkhoff nutzt die Zwangspause, um ein neues Konzept zu erarbeiten. „Wir wollen unser Programm ein bisschen umstellen.“ Gerade auch für den Neustart. „Wir könnten uns da zum Beispiel offene Hoftage vorstellen“, erzählt sie. Familien könnten als geschlossene Gruppen kommen, Tiere füttern und den Hof erkunden. Allerdings erst, wenn es wieder so etwas wie Planungssicherheit gibt. Damit sie nicht ihren Job im Pflegeheim aufgibt und es auf dem Hof dann doch nicht weitergehen kann. „Und weitergehen soll es auf jeden Fall.

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