Fallzahlen von Kindeswohlgefährdung steigen in Hamm

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Hamm - Immer häufiger muss in Hamm das Jugendamt aktiv werden, wenn es um den Verdacht auf Kindeswohlgefährdung geht. 418 Gefährdungseinschätzungen gab es im Jahr 2014, im Jahre 2015 waren es 505. Im laufenden Jahr zählt das Jugendamt bereits 452 Fälle.

Im vergangenen Jahr mussten 299 Kinder vorläufig ihre Familie verlassen, im Jahr davor waren es 174. In diesem Jahr sind es bereits 249. Für die Inobhutnahme musste die Stadt Hamm im Jahr 2014 758.000 Euro bezahlen und im Jahr 2015 980.000 Euro. Hinter all den Zahlen stecken echte Schicksale. Wenn Eltern überfordert sind, dann sind die Kinder die Leidtragenden. 

Oft haben das Raoul Termath und sein Team schon erlebt. Termath ist Leiter des Jugendamtes in Hamm. Mit einem Team aus Sozialarbeitern, Erziehern und Sozialpädagogen geht er unter anderem Hinweisen auf Kindesgefährung nach. Rund um die Uhr sind die Ansprechpartner erreichbar. „Meistens ist es die Polizei, die uns verständigt“, erzählt Termath. Das sei der Klassiker. Nachbarn oder die Ehefrau haben die Polizei gerufen, weil in einer Wohnung randaliert wird. 

Checkliste zur Überprüfung

Treffen die Beamten bei ihrem Einsatz Kinder an, wird sofort das Jugendamt informiert. Anhand einer Checkliste überprüfen die Mitarbeiter, ob das Kindeswohl gefährdet ist. Dazu schauen sich die Jugendamtsmitarbeiter die Lebenswelt der Familie an oder auch das Verhalten der Eltern im Rahmen der Erziehung. Kommen die Jugendamtsmitarbeiter zu dem Schluss, dass für die Kinder eine Gefährdung vorliegt, wird es in Obhut genommen. 

Das bedeutet, dass das Kind aus der Familie genommen wird und in eine Pflegefamilie kommt. Dazu gibt es in Hamm 20 Familien, die geschult sind, Kinder aus desolaten Verhältnissen schnell bei sich aufzunehmen. „Da kommt der Anruf, und eine halbe Stunde später stehen wir mit einem Kind vor der Tür, das vollkommen verängstigt ist“, so Termath. Die Familien würden Großartiges leisten und in vielen kleinen Schritten Vertrauen zu dem Kind aufbauen. Ist das Kind aus der Familie herausgenommen, dann beginnt ein festgelegtes Procedere. 

Das Familiengericht wird eingeschaltet und die leiblichen Eltern des Kindes werden zu einem Gespräch eingeladen. Gemeinsam wird dann überlegt, wie es weitergehen kann. Flüchtlingsfamilien: Fälle häufen sich „Oberste Priorität hat dabei das Kindeswohl“, so Termath. 90 Prozent der Fälle gingen durchaus positiv aus. Mit den Eltern werde ein Plan abgesprochen, und die Familien engmaschig betreut. Die Kinder können dann wieder zurück in ihre Familien. 

Viele Fälle auch in Flüchtlingsfamilien

Die übrigen Kinder würden dauerhaft in Pflegefamilien bleiben oder in Heimen untergebracht. In jüngster Zeit häufen sich zudem die Fälle der Kindeswohlgefährdung in Flüchtlingsfamilien. Termath erinnert sich an einen Fall zu dem er in eine Schule gerufen wurde. Ein junges Mädchen aus Marokko saß mit vielen blauen Flecken im Klassenraum. Die Schule hat das Jugendamt informiert. 

Um die Verletzungen zu dokumentieren ist Termath mit dem Kind in die Gerichtsmedizin gefahren. Und dann sofort in eine Pflegefamilie. Danach hat er Kontakt mit der leiblichen Familie aufgenommen und sich eine Schimpftirade anhören müssen. „Das ist fast immer der Fall“, so der Leiter des Jugendamtes. Am nächsten Tag ist es dann zu einem Treffen im Jugendamt gekommen. „Da trafen Welten aufeinander“, so Termath. Die Familie aus einem anderen Kulturkreis hat vollkommen andere Erziehungsmethoden praktiziert. „Auch körperliche Züchtigung gehörte dazu“, so Termath.

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