Nach viel diskutierten Segnungsfeiern

„Jeder Gottesdienst ist auch Protest“ - Pfarrer Mönkebüscher im Interview

Bernd Mönkebüscher am Ende des Gottesdienstes.
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Im Namen des Vaters: Bernd Mönkebüscher am Ende des Gottesdienstes.

„Liebe ist niemals Sünde“, sagt Pfarrer Bernd Mönkebüscher aus Hamm und beruft sich dabei auf die Bibel. In einer ungewöhnlichen Zeremonie segnete er deshalb am Montag auch homosexuelle Paare.

Hamm - Als Zeichen der Solidarität mit von der katholischen Kirche diskriminierten Paaren veranstalteten viele Gemeinden am Sonntag und Montag bundesweit Segnungsfeiern für „alle Liebenden“. Damit stellten sie sich gegen das vom Vatikan ausgesprochene Segnungsverbot. Auch der Hammer Pfarrer Bernd Mönkebüscher gehört zu diesem Kreis. Sein Gottesdienst wurde sogar online übertragen und fand so das Interesse vieler tausend Zuschauer. Andreas Wartala sprach mit ihm.

Am Montag haben Sie im Rahmen der Aktion #liebegewinnt Paare gesegnet. Der besondere Gottesdienst richtete sich auch an homosexuelle Paare, sie waren ausdrücklich eingeladen. Der Vatikan hat aber genau diese Segnung verboten. „Sünde darf nicht gesegnet werden“ hat es aus Rom geheißen. Kann denn Liebe Sünde sein
Liebe ist niemals Sünde. Die Bibel sagt sogar: „Gott ist die Liebe“. Menschen, die sich lieben, erfahren die Partnerin, den Partner als einen Segen des Himmels. Etwas Wesentliches beschreibt der sogenannte Schöpfungsbericht: der von der Erde genommene Mensch braucht ein Gegenüber für seine Liebe. Das Entdecken dieses Gegenüber erscheint in der Bibel wie im Leben überhaupt als ein Erwachen aus einem Tiefschlaf, und das Gegenüber wie von Gott zugeführt. Sich gegen die Liebe wehren, den Segen der Liebe nicht annehmen oder verweigern, schlägt die Chance aus, die Gott dem Menschen anbietet und schenkt. Dass der Vatikan einen Segen für gleichgeschlechtlich liebende Menschen als unerlaubt ansieht, hat letztlich mit dem (auch kirchlich) überholten Blick auf Ehe zu tun, der Sexualität einzig zur Erzeugung von Nachkommenschaft sieht.
Die Kirche will den göttlichen Segen mit ihrer Haltung also nur bestimmten Menschen spenden. Lässt sich Segen überhaupt kanalisieren?
Jeder Segen kommt von oben – nicht von einer Kathedra, nicht durch eine Weihe, sondern aus dem Himmel. Wir glauben Gott als die Quelle allen Segens. Menschen bitten um Segen für Menschen, die ihnen ein Segen sind. Das Brot wird gesegnet, weil es unser Leben bedeutet. Was dem Leben dient, der Liebe, ist schon in sich segensreich, und wir stellen es unter Gottes Schutz. Wir bringen es in der Segensbitte mit Gott in Verbindung, wir sehen Gott darin am Werk. Die Bitte um Segen ist darum eigentlich immer schon Ausdruck des Dankes an ihn.
Im Katechismus, dem Werk, das die grundlegenden Elemente der katholischen Lehre vermittelt – heißt es, dass homosexuellen Personen mit „Achtung, Mitleid und Takt“ zu begegnen seien. Ihre Veranlagung könne ihnen nicht zum Vorwurf gemacht werden, sie auszuleben sei aber schwere Sünde. Ist dieses Menschenbild dahinter noch zeitgemäß?
Man muss dazu wissen, dass diese Lehre zurückgeht auf ein Bibelverständnis, dass die meisten Bibelwissenschaftler nicht mehr teilen, übrigens selbst Rom nicht. Die Bibelverse, in denen homosexuelle Handlungen anklingen, haben eigentlich Gewalt im Blick, eine sexuelle Praxis, die keine Nachkommenschaft bringt und Demütigung; die Bibel kennt keine homosexuelle Partnerschaft, wie wir sie heute kennen. Selbst der Vatikan argumentiert in dieser Frage darum nicht mehr biblisch und anerkennt sogar, dass jede Zeile der Bibel historisch kritisch zu betrachten ist. Auch naturrechtlich lässt sich nicht mehr argumentieren, denn Homosexualität ist nicht erworben, sie sucht sich niemand aus, sie ist angeboren, liegt in der Natur und damit in der Schöpfung und ist also auch Werk des Schöpfers. Darum reden wir hier gar nicht von zeitgemäß, sondern von Erkenntnisgewinnen und Entwicklungen, wie es in vielen anderen Themen ja auch geschieht und völlig normal ist.
Glaube ist also nichts Statisches.
Auch die Glaubenslehre nicht. Sie korrespondiert mit dem, was Menschen unabhängig von Glaube und Religion wissenschaftlich entdecken. Die Unterscheidung zwischen mitgegebener Veranlagung, die ja keinen Schaden anrichtet und kein Schaden ist, und diese Veranlagung nicht ausleben dürfen versteht kaum jemand. Im Gegenteil: auch hier handelt es sich um ein Gut, um eine Eigenschaft, die entfaltet werden darf, im Gleichnis von den anvertrauten sogar entfaltet werden muss.
Also entsprechen gleichgeschlechtliche Partnerschaften auch dem dem göttlichen Willen?
Ich (und nicht nur ich) glaube ja. Und in ihnen kann genauso Liebe gelebt werden, wie in heterosexuellen Partnerschaften. Und nur die Liebe zählt.

Segnungsgottesdienst in der St.-Agnes-Kirche Hamm

Segnungsgottesdienst in der St.-Agnes-Kirche Hamm am Montag, 10. Mai 2021.
Segnungsgottesdienst in der St.-Agnes-Kirche Hamm am Montag, 10. Mai 2021.
Segnungsgottesdienst in der St.-Agnes-Kirche Hamm am Montag, 10. Mai 2021.
Segnungsgottesdienst in der St.-Agnes-Kirche Hamm am Montag, 10. Mai 2021.
Segnungsgottesdienst in der St.-Agnes-Kirche Hamm
Gleichwohl gibt es aber auch Gläubige, die mit der gelebten Homosexualität ein Problem haben. Was sagen Sie denen?
Tatsächlich: Es gibt auch innerhalb der Kirche Menschen, die Homosexualität als Krankheit betrachten. Niemand sucht sich seine sexuelle Orientierung oder sein Geschlecht aus. Ich frage, was genau das Problem ist. Leider lehrt die Kirche in dieser Frage derzeit nicht eindeutig. Sie spricht von Achtung und Takt, wie Sie eben erwähnt haben. Wie wichtig wären diese Eigenschaften zu leben und einzufordern, auch gerade in den Ländern, in denen gleichgeschlechtlich Liebende sich verstecken müssen und verfolgt werden. Dann steht da Mitleid und dies suggeriert, als sei Homosexualität ein Makel. Berührt hat mich ein Statement von Kardinal Christoph Schönborn im März dieses Jahres, in dem er warmherzig von einem schwulen Freund erzählt, der 60 Jahre lang in einer Beziehung gelebt hat. Wörtlich sagte er: „Da muss ich auch meiner lieben Mutter Kirche sagen: ist das nicht ein Wert? Ist das nicht etwas, wovor ich mich auch verneige? Bitte redet weniger über Sexualität als über Liebe“. Das bringt es auf den Punkt.
Ist Sexualität denn nicht auch ein Geschenk Gottes?
Alles im Leben ist Geschenk, als Glaubende sagen wir: Geschenk Gottes. Und also auch die Sexualität, die Lust und Freude, alle Bestätigung, die sie vermittelt. Menschen berühren sich durch ihre Sexualität tief, sie zeigen sich verwundbar, sie vertrauen sich, sie tragen einander.
Bischof Georg Bätzing, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz lehnt die Segnungsgottesdienste ab. Sie seien kein hilfreiches Zeichen und bewertet sie als Protest. Sind die Gottesdienste Protest?
Jeder Gottesdienst ist auch Protest. Als Christen protestieren wir gegen den Tod, gegen den Hass, gegen die Lieblosigkeit. Protest bedeutet die Stimme erheben gegen Unrecht und Gewalt. Damit instrumentalisieren wir Gottesdienst nicht, aber er wird zum Bekenntnis.

Alles im Leben ist Geschenk, als Glaubende sagen wir: Geschenk Gottes. Und also auch die Sexualität.

Bernd Mönkebüscher
Ein Bekenntnis zur Liebe
Ja. Die Segnungsgottesdienste waren und sind sehr wohl ein hilfreiches Zeichen für alle, die ihre Liebe unter den Schutz Gottes stellen, die das Kostbarste, was sie in ihrem Leben haben, das, was ihnen segensreich ist, die Partnerin, den Partner, ihre Beziehung Gott verdanken als dem Geber alles Guten. Bischof Bätzing – wie andere Bischöfe auch – hat mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass sich die kirchliche Sexualmoral verändern muss durch all die Erkenntnisgewinne, die wir schon seit Langem haben. Vielleicht hatte er im Blick, dass die Segensfeiern „kirchenpolitisch“ derzeit in den Beratungen im Synodalen Weg in dieser Form „zu früh“ kommen.
Aber die Bischöfe haben lange geschwiegen.
In der Tat. Sie müssen sich auch fragen lassen, was sie denn in den letzten Jahrzehnten an hilfreichen Zeichen etwa homosexuellen Menschen entgegengebracht haben. Ich wüsste nichts, was sich nach wirklichen Austausch und Begegnung anhört, geschweige denn nach Hilfe. Ich weiß nur von Bischof Overbeck in Essen, dass er bewusst in einen Dialog getreten ist.
Die Debatte um die Segnungsgottesdienste zeigt einmal mehr, wie sehr sich die die „Amtskirche“ vom Kirchenvolk entfernt hat. Wie können sie sich wieder annähern? Einem Zeitgeist zu folgen wäre zu einfach…
Wir beten jedes Jahr zu Weihnachten, dass sich Jesus „den Gesetzen der Zeit unterworfen“ hat. Zeitgeist ist doch nicht zwingend etwas Negatives. Er atmet das Heute. Glaubende leben im Heute. Und Kirche hat sich immer verändert, sicherlich auch dem angepasst, was Wissenschaft und Forschung herausfinden. Die Entfernungen in der Kirche können nur durch echte Gespräche mit den Menschen und nicht durch Reden über sie überwunden werden. Wenn ich sehe, wie berührt am Montag all die Paare und einzelne waren, die um einen Segen gebeten haben, dann glaube ich, dass es Nähe gibt, wo Menschen sich so wie sie sind vorbehaltlos annehmen. Genauso glaube ich Gott: jeden Menschen vorbehaltlos annehmend und dass aus dieser segnenden Kraft Gottes Gutes wächst.

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