Arbeit jenseits der Trauer: Jana Nettebrock ist Bestatterin

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Hamm - Ihren ersten Toten sah Jana Nettebrock mit 18 Jahren. Sie zog ihm eine Socke an. Nettebrock wurde in den Beruf Bestatterin hineingeboren, das gleichnamige Bestattungshaus ist das Unternehmen ihrer Familie. 

Nettebrock entschied sich früh, in das Unternehmen einzusteigen. 2009 war sie die jüngste Bestattungsmeisterin von NRW. Aber kann eine junge, fröhliche Frau in diesem Beruf glücklich werden? 

Wer Jana Nettebrocks Büro betritt, hört die Mischlinge Pelua und Lilli bellen. Dann fällt der Blick auf die sorgsam dekorierten Urnen- und Sargmodelle. Manche sind in Erdtönen gehalten, andere zeigen bunte Motive, sind verziert mit Sprüchen und Bildern, die dem Verstorbenen etwas bedeutet haben können. Jana Nettebrocks hat selbst eine Lieblingsurne, sie ist geformt wie ein Herz, darauf prangen goldene Flügel. 

Wenn ein Trauerfall eintritt, kümmert sich die 33-Jährige um alles. Sie berät die Angehörigen und unterstützt sie bei den Entscheidungen, die nun anstehen, organisiert Trauerfeier und Beerdigung, bestellt Blumen. Außerdem führt sie Vorsorgegespräche mit Menschen, die sich um die eigene Beerdigung schon vor ihrem Tod kümmern möchten.

24 Stunden am Tag erreichbar 

 Die Arbeitsbelastung ist immens. 24 Stunden an jedem Tag im Jahr ist sie erreichbar, Urlaub nur selten möglich. Oft muss ihr ein verlängertes Wochenende reichen. „Auch wenn ich gute Mitarbeiter habe, die mich vertreten können: Zwei Wochen Urlaub am Stück sind unmöglich“, sagt sie. 

Trotzdem Nettebrock ist glücklich mit ihrer Wahl. Ihr Beruf sei sehr abwechslungsreich. „Ich kann keinen Tag genau planen. Wenn ein Anruf reinkommt, muss jeder Plan geändert werden.“ 

Seit über zehn Jahren sei sie im Familienunternehmen. Die Eltern wollten, dass sie etwas Vernünftiges lernt, falls sie der emotionalen Belastung nicht gewachsen sei. Nettebrock machte eine Ausbildung zur Bürokauffrau, entschied sich aber, in den Familienbetrieb einzusteigen. 

Das Bestattungshaus ist ein Familienunternehmen

Ihren Meister machte sie in Köln, ihr damaliger Chef leitete als Jeck den Kölner Karnevalszug und übertrug diese Leidenschaft auf Nettebrock. Der Job, er ist auch ihr Hobby, oft fällt es ihr schwer, Freizeit und Arbeit zu trennen. Manchmal sitzt sie noch bis 23 Uhr am Computer. 

Jana Nettebrock pflegt das Familiengrab.

Umso wichtiger ist ihr Mann Torsten Nettebrock-Krings als Ankerpunkt. Es habe lange gedauert, einen Partner zu finden, der den Beruf akzeptiert, sagt sie. Der tägliche Umgang mit Toten schreckt viele ab. Torsten ist seiner Frau zuliebe in den Beruf gewechselt, nahm den Familiennamen im Doppelnamen an. 

Er kümmert sich vor allem um die Überführungen, holt die Verstorbenen also ab und sorgt bereitet die Toten auf die Beerdigung vor. Er hatte schon immer viel Verständnis für den Beruf. Seit er mit im Unternehmen arbeitet, wächst dieses weiter. 

Kunden teilen auch Freude mit der Familie

Und Nettebrock strahlt, als sie davon berichtet, dass viele Kunden zu ihrer Hochzeit kamen. Viele Kunden hatten Verständnis und unterstützten die Bestatterfamilie, als diese selbst einen Trauerfall erlitt. Die Kunden hätten ihnen Halt gegeben. „Der Beruf fordert unheimlich viel, aber er gibt auch viel zurück.“ 

Es bleibt ein emotional anstrengender Beruf. Er sei ein Drahtseilakt, sagt Nettebrock. Es gebe gute und traurige Begebenheiten, aber gerade in der Familie fange man sich gegenseitig auf. Heinrich und Gabriele Nettebrock haben die Führung des Bestattungsinstituts 2017 offiziell an die Tochter übergeben, im gleichen Jahr folgte die Trennung zwischen Institut und der bis dahin zugehörigen Schreinerei. Diese führt Heinrich mit seinem Sohn weiter. 

Betriebsinhaber von Bestattungen Nettebrock sind Jana Nettebrock und ihr Mann Torsten Nettebrock-Krings. Auch Gabriele arbeitet noch in dem Betrieb. „Sie steht weiterhin an meiner Seite und ist für die Kunden da“, sagt Jana Nettebrock. Das Familienunternehmen geht in die vierte Generation. 

Mit der Tochter kommen Investionen und Erneuerungen

Die Tochter investiert und erneuert die Firma. Die Trauerhalle am Am Hülsenbusch hat sie um einen neuen Veranstaltungsraum erweitert, das Trauercafé Südstern. Dort bietet sie das traditionelle Kaffeetrinken nach Beerdigungen an, aber auch Weinproben, Fahrradtouren und Grillabende. Sie sollen eine schöne Abwechslung bieten, wieder Freude ins Leben der Trauernden bringen. „Warum soll man immer etwas Trauriges machen? Das Café soll ein neutraler Ort sein, an dem wieder gelacht werden kann“, hofft sie. 

Ähnlich wie das Bestattungshaus Makiol, in dem Kulturveranstaltungen besucht werden können, versucht die Bestatterin, ihr Unternehmen für die Lebenden zu öffnen. Wie genau sie das Haus ausrichten möchte, entscheidet sie in den kommenden Monaten und Jahren. „Ich möchte immer alles auf einmal, aber es geht leider nicht“, sagt Nettebrock.

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