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Ein Jahr nach dem Flut-Chaos: Helfer Jäschke fährt noch immer ins Ahrtal

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Von: Gisbert Sander

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Frank Jäschke ist ein Mann der ersten Stunde: Vor einem Jahr war der Logistik-Unternehmer aus Hamm als einer der Ersten mit einer Hilfslieferung im überfluteten Ahrtal. Bis heute versorgt er die Region mit Material – nicht nur wegen der Freundschaften, die entstanden sind.

Hamm – Sehr lebendig ist Frank Jäschkes Erinnerung an die Wassermassen, die in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag Häuser, Brücken und Straßen wegrissen, die Menschenleben kosteten. „Da muss man was unternehmen“, dachte er sofort. Gesagt, getan: Das Ausmaß der Zerstörungen und die Not der Menschen wurde am Donnerstag, 15. Juli 2021, erkennbar. Am Freitag um 9.30 Uhr rief er dazu auf, Spenden zu seiner Spedition an der Hafenstraße zu bringen.

Bedenken von Mitarbeitern, es könne womöglich nicht genug Hilfsmaterial zusammenkommen, zerstreute er sofort: „Wenn ich mein Netzwerk starte, kriegst du Panik, was dann alles kommt“, zeigte sich Jäschke optimistisch. Es sollte noch „schlimmer“ kommen: Hatte der 45-Jährige gehofft, dass die Spenden der Bürger reichen würden, um einen Lkw zu füllen, musste er am Ende sieben Sattelschlepper einsetzen. „Das müssen an die 4000 Pkw gewesen sein“, erinnert sich Jäschke daran, dass die Straßen um seine Spedition an der Hafenstraße herum verstopft waren, dass Mitarbeiter den Verkehr regeln mussten.

Allein 150 Tonnen Wasser gehörten zur ersten Lieferung, das wurde am dringendsten benötigt, weil im Ahrtal die gesamte Infrastruktur zerstört war. Auch die Straßen. Obwohl ungewiss war, ob sie durchkommen würden, fuhren Jäschke und Mitarbeiter am Freitagabend um 19 Uhr los.

Spediteur Frank Jäschke aus Hamm hat sein fröhliches Gemüt nicht verloren.
Ein Jahr danach: Frank Jäschke hat sein fröhliches Gemüt nicht verloren. Bei der Erinnerung an die ersten Hilfstouren ins Ahrtal muss er allerdings ein ums andere Mal schlucken. © Andreas Rother

Viele weitere Berichte

Weitere Berichte und Erinnerungen an die aufopferungsvolle Hilfe im Ahrtal aus Hamm und der Region lesen Sie in der Donnerstagsausgabe (14. Juli) des WA.

Konvoi mit Applaus und Tränen begrüßt

Als sie ankamen, hatten Bundeswehr und Technisches Hilfswerk erste Schneisen in den Schutt geschlagen und so den Lkw einen Weg gebahnt. Unvergesslich bleibt Jäschke, wie der Konvoi von den Menschen begrüßt wurde: mit Applaus und Tränen in den Augen.

Es folgten viele weitere Hilfstransporte. Firmen haben sich direkt an ihn gewandt: Unvergesslich ist für ihn, als Markthändler Peter Viertmann seine wöchentliche Obstlieferung zu Jäschkes Firma brachte und sagte, er habe auch noch eine Palette Eier mitgebracht. „Schön, dann können wir in unserer Betriebsküche heute Mittag Rührei machen“, habe er an eine Palette mit 30 Stück gedacht. Von wegen: Auf einer Euro-Palette warteten 5000 Eier darauf, im Ahrtal verteilt zu werden. Natürlich habe er seine Ansprechpartner dort „vorgewarnt“.

Kühlschränke, Dosen-Essen, Burger-Brötchen

Eine Firma aus Münster bot ihm 480 Mini-Kühlschränke an, die reißenden Absatz fanden – auch, weil darin Medikamente gekühlt werden konnten. Erasco in Lübeck stellte 33 Paletten mit Dosen-Essen bereit, die „nur“ abgeholt werden mussten. „Kein Problem für mich, wir fahren sowieso jeden Tag Hamburg an“, so Jäschke, der damit zwei Sattelschlepper füllte. Aus Bönen kamen 15 Paletten Burger-Brötchen, die Schreinerei Möller, die vor einigen Monaten geschlossen hat, versorgte die Flutopfer mit jeder Menge Türen.

Es fehlt auch nicht an dramatischen Situationen, die der 45-Jährige gemeistert hat. Ausgerechnet als ihn sein damals neunjähriger Sohn Darian begleitete, hievte die Feuerwehr per Kran einen Pkw aus der Ahr, in dem drei Tote lagen – gerade einmal 20 Meter von ihnen entfernt. Geistesgegenwärtig drehte Frank Jäschke den Kopf des Jungen in die andere Richtung und zeigte auf ein Haus mit Wasserlinie: „Schau mal, so hoch hat das Wasser hier gestanden“, versuchte er ihn abzulenken.

Rote Eimer warnten vor Leichen in Ruinen

Und dann war da die Sache mit den 200 roten Eimern, von denen Jäschke dachte, die Feuerwehr in Ahrweiler könne sie für den Wassertransport gebrauchen. Schließlich hatte er gesehen, dass die vor vielen Hausruinen rote Eimer postierte oder auch rote Fahnen anbrachte. Es stellte sich heraus, dass das ein Zeichen dafür war, dass noch Leichen in den Häusern waren. Losgeworden ist Jäschke die roten Eimer dann in Erftstadt, wo es dieses „System“ nicht gab.

Der Transport per Sattelschlepper an die Ahr war das eine, die Verteilung vor Ort eine andere. Um in teils entlegene Ortschaften zu kommen, wurde das Material auf Bullis umgeladen. An einer Stelle aber war die Straße unterspült und überflutet, der Einheimische traute sich nicht, dadurch zu fahren. Nun ist Jäschke eher ein Mensch, der anpackt, macht und vielleicht etwas mutiger ist als andere. Also nahm er die Sache in die Hand, prüfte zu Fuß und mit einem Stock, wie hoch das Wasser stand und entschied: „Das passt.“ Ans Lenkrad setzte er sich aber vorsorglich selbst – und die Spenden kamen gut an.

„Ehrensache“ für das Kolpingmitglied

Was jetzt am meisten fehlt, ist laut Jäschke Baumaterial. Damit war er gerade noch vor drei Wochen an der Ahr. Geholfen hat er auch beim Aufbau des Kolpinghauses in Ahrweiler – Ehrensache für den 45-Jährigen, denn er ist seit 35 Jahren selbst in der Kolpingfamilie Westtünnen aktiv. Und die hat dazu noch 3000 Euro gespendet.

Die Motivation zu helfen ist für Jäschke christlich begründet – da spielt es für ihn keine Rolle, dass er selbst für Personal, Diesel und Mautgebühren mittlerweile rund 25.000 Euro beigesteuert hat. „Es macht Spaß zu helfen, und man bekommt so viel Dankbarkeit zurück“, sagt er. Mehr noch: Mit Klaus Kniel, dem Ortsvorsteher des Ahrweiler Ortsteils Heppingen, verbindet ihn mittlerweile eine Freundschaft. Er hat ihn für nächsten Freitag eingeladen, an einer Gedenkfeier teilzunehmen – erst werden an der Ahr Kerzen für die Opfer angezündet, danach aber auch ein wenig gefeiert: Es ist Frank Jäschkes 46. Geburtstag.

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