Vor 25 Jahren wurde der OB-Dienstwagen geklaut - in Polen

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Arg ramponiert war der Dienstwagen der Oberbürgermeisterin, als er im August 1991 zurück nach Hamm gebracht wurde. HAM-2000 wurde gegen Höchstgebot verkauft. Heute gibt es auch das Kennzeichen nicht mehr: Der OB ist im HAM OB1 unterwegs.

Hamm/Kalisz - Vor 25 Jahren wurde die Dienst-Limousine von Hamms Oberbürgermeisterin Sabine Zech in Kalisz gestohlen. Das Auto tauchte wieder auf, die Amtskette nicht. Ein Rückblick aus heutiger Sicht.

Der Wagen war nur ein paar Minuten unbewacht, und da war er auch schon weg. Während die Oberbürgermeisterin sich in der Altstadt von Hamms neuer Partnerstadt Kalisz eine Kirche anschauen wollte und der Fahrer sich kurz die Beine vertrat, schlugen Autodiebe zu und brausten mit dem OB-Dienstwagen davon. Im Kofferraum des taubenblauen Mercedes 230E lag die goldene Amtskette des Stadtoberhauptes. 25 Jahre ist das jetzt her.

Nach dem Fall der Mauer hatte man im Rathaus Kontakte nach Osten geknüpft. Einer Partnerschaft mit dem brandenburgischen Oranienburg folgte Kalisz, eine 100,000-Einwohner-Stadt zwischen Breslau und Posen. Im Juni 1991 sollte die Freundschaft in Polen besiegelt werden.

Erste Dienstreise von Chauffeur Herbert Jung

Die Hammer Delegation reiste im Bus an – bis auf Oberbürgermeisterin Sabine Zech, die von Kalisz aus direkt zu einem Treffen des Deutschen Städtebundes in Bremen weiterreisen wollte. Das Stadtoberhaupt fuhr deshalb im Dienst-Mercedes, Erstzulassung August 1986, 130.000 gefahrene Kilometer. Am Steuer saß Herbert Jung, der noch heute den Oberbürgermeister fährt. Für ihn war es die erste dienstliche Auslandsreise.

Für den repräsentativen Anlass hatte Zech die Amtskette dabei. „Ein Schmuckstück“, sagt sie heute. Zwar sei die Kette für sie recht groß gewesen – geschaffen wurde sie 1959 für ihren Amtsvorgänger Werner Figgen. Doch die Gleichmäßigkeit der Glieder und das Stadtwappen hätten der Goldschmiedearbeit eine besondere Eleganz verliehen.

Axel Ronig war letzter Amtskettenträger

Am Abend des 11. Juni 1991 erlebte die Amtskette, die 1959 zur Rathauseinweihung gestiftet worden war, ihren letzten amtlichen Einsatz. Zech trug sie zum Festakt, bei dem die Partnerschaftsurkunde unterzeichnet wurde. In Sachen Amtskette habe sie ein ungutes Gefühl gehabt, sagt sie – nämlich, „dass alle auf die Kette starren.“ Für den Weg zurück zum Hotel habe sie das gute Stück Jugendamtsleiter Axel Ronig gegeben, der habe es unter dem Jacket versteckt transportiert. Ronig, sagt Zech, sei also praktisch der letzte Amtskettenträger.

Oberbürgermeisterin Zech bei der Eintragung ihres Amtskollegen Krzysztof Walczak ins Goldene Buch der Stadt Hamm auf Schloss Oberwerries im Februar 1991

Das Schmuckstück kam am nächsten Morgen dorthin, wo es vermeintlich sicher war: in den Koffer der oberbürgermeisterlichen Dienstlimousine. Mit der sollte es am folgenden 12. Juni zurück nach Deutschland gehen. Ein letzter Stopp in Kalisz war an einem anderen Hotel vorgesehen, in dem ein Großteil der Hammer Delegation untergebracht war. Als Zech vorfuhr, war man dort aber noch nicht mit dem Frühstück fertig. Es sei sehr unruhig gewesen, erinnert sich Zech. Fahrer Jung habe den Mercedes abgestellt und sich die Beine vertreten, sie selbst sei mit Manfred Witkowski losgezogen, um eine kulturgeschichtlich bedeutsame Kirche zu besichtigen. Der Geschäftsführer des Evangelischen Krankenhauses sollte mit im Dienst-Mercedes Richtung Heimat fahren.

Neben der Kette fehlte auch das Gepäck

Die Kirche, so erinnert sich die Alt-Oberbürgermeisterin, sei verschlossen gewesen, so dass sie sofort den Rückweg Richtung Auto angetreten hätten. Jung sei ihnen aufgeregt entgegen gelaufen – „der Wagen ist weg“. Unbekannte hatten die wenigen Minuten genutzt, die Scheiben eingeschlagen, das Lenkradschloss aufgebrochen und waren davongebraust.

Sehr unangenehm sei der Diebstahl gewesen, sagt Zech heute. Nicht nur die Amtskette sei gestohlen worden, auch ihr gesamtes Gepäck. Wegen der Städtepartnerschaft und der anschließenden Städtetagsveranstaltung habe sie damals eine Menge schicker Sachen dabeigehabt. „Und dann“, so Zech, „hatte ich auf einmal nichts mehr.“

Den Weg zurück absolvierte Zech dann mit Hilfe eines niederländischen Amtskollegen, der ebenfalls Kontakte nach Kalisz geknüpft hatte. Beim Städtetag in Bremen gab es dann gleich das passende Gesprächsthema: Der Mülheimer Oberbürgermeisterin Eleonore Güllenstern war der Dienstwagen ein halbes Jahr zuvor beim Besuch in der Partnerstadt Oppeln entwendet worden.

HAM-2000 tauchte ramponiert in Warschau auf

HAM-2000 tauchte zwei Wochen später arg ramponiert in Warschau wieder auf. Sichtbar waren nicht nur die Spuren des Aufbruchs, sondern auch eines Verkehrsunfalls, in den die Täter verwickelt gewesen sein müssen. Im August stand der Wagen wieder in Hamm, um zusammen mit zwei betriebsunfähigen Friedhofsbaggern versteigert zu werden. Den Verlust bekam die Stadt vom kommunalen Schadensausgleich ersetzt.

Die Amtskette allerdings bleibt bis heute verschwunden. Erst der heutige Oberbürgermeister Thomas Hunsteger-Petermann ließ eine neue anfertigen – die, wenn man Zech folgt, mit dem Original aber nicht mithalten könne. In Kalisz sei sie seit jenen Tagen nicht mehr gewesen, sagt Zech heute. Dort habe sie nach den unangenehmen Erlebnissen erstmal nichts hingezogen. Doch vielleicht sei es ja irgendwann mal so weit.

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