Pionierarbeit von LWL-Klinik und Arbeitskreis

Ein Weg zurück ins Leben: 50 Jahre Suchthilfe in Hamm

Blicken gemeinsam auf ein halbes Jahrhundert Suchthilfe zurück (von links): Christian Stadler (Sozialarbeiter), Wolfgang Rometsch (Sozialarbeiter im Ruhestand) und Oberarzt Dr. Moritz Noack.
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Blicken gemeinsam auf ein halbes Jahrhundert Suchthilfe zurück (von links): Christian Stadler (Sozialarbeiter), Wolfgang Rometsch (Sozialarbeiter im Ruhestand) und Oberarzt Dr. Moritz Noack.

Vor 50 Jahren wurde die Suchttherapie für Jugendliche und junge Erwachsene in der LWL-Universitätsklinik gegründet. Junge Menschen sind nicht selten von Suchtkrankheiten betroffen.

Hamm – Seine Ausgabe vom 10.August 1970 machte das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ mit einer achtseitigen Titelgeschichte über Drogenkonsum und -handel in Deutschland auf. Vom ersten jugendlichen Rauschgift-Toten in Köln, von kreisenden Joints in Olpe oder Lüdenscheid und von einem Anstieg der Drogendelikte in NRW um 384 Prozent ist die Rede. Hamm kommt nicht vor, und doch sahen Mediziner und Sozialarbieter hier in etwa zur gleichen Zeit Handlungsbedarf.

Sie legten vor 50 Jahren den Grundstein für eine spezielle Suchttherapie für Jugendliche und junge Erwachsene in der LWL-Universitätsklinik an der Heithofer Allee.

Hamm und ein jugendliches Drogenproblem? Berlin, Frankfurt, München – ja klar. Aber nicht Hamm. Oder doch? Aloys Schepers, 1970 Sozialarbeiter der Jugendgerichtshilfe in Hamm, stellte bei seinem jungen Klientel zunehmend fest, dass auch Hamm keine Ausnahme bei Rauschmitteldelikten machte. Weil es bis dato keine klinischen Hilfeangebote für junge Menschen in Hamm gab, wandte sich Schepers an den Leitenden Arzt der LWL-Uniklinik. Mit Dr. Helmut Hünnekens hatte Schepers genau den richtigen Adressaten gefunden.

Hemmschwellen und Berührungsängste

„Es war 1970 noch keine Selbstverständlichkeit, spezialisierte Suchtbehandlung in einem psychiatrischen Krankenhaus durchzuführen“, erläutert der Oberarzt Dr. Moritz Noack, der heute in der Abteilung für Suchttherapie der Universitätsklinik Hamm tätig ist. „Die ersten Angebote der neuen Suchthilfe organisierten sich zumeist in der Sozialarbeit außerhalb der Kliniken. Hier mussten erst Hemmschwellen und Berührungsängste – sowohl auf Seiten der jugendlichen Patienten als auch der Psychiatrie – überwunden werden.“

Hünnekens war dafür offenbar genau der richtige Mann. Der heutige Hammer SPD-Ratsherr und Sozialarbeiter im Ruhestand, Wolfgang Rometsch, lernte Hünnekens während seines Studiums und eines Praktikums in der LWL-Klinik kennen. Später arbeitete Rometsch selbst dort als Sozialarbeiter, ehe Aufgaben beim Arbeitskreis Jugendhilfe und beim LWL folgten. „Hünnekens hat für alle Altersgruppen eine Ebene gefunden“, erinnert sich Rometsch. „Er war akzeptiert bei Menschen mit einer Suchterkrankung.“

Erste spezialisierte Suchtbehandlung in Klinik

1970 startete das Angebot, das sich „Drug-Out“ nennt, mit neun Betten und war eine der ersten spezialisierten Suchtbehandlungen in einer psychiatrischen Klinik in Deutschland. Heute ist die vernetzte und übergreifende Therapie von der Suchtambulanz bis zu Nachsorge anerkannt. Außer Zweifel steht, dass Hünnekens damals in Hamm Pionierarbeit leistete. „Suchthilfe war damals noch in erster Linie Alkoholhilfe“, sagt Rometsch. „Und Sucht war auch erst seit 1968 als Krankheit anerkannt.“ Zum damaligen Zeitpunkt war der innovative Ansatz als Behandlungsform nicht unumstritten.

In Hamm blieb es nicht bei den neun Betten in der LWL-Klinik. Im Dezember 1970 gründete sich zudem der Arbeitskreis Jugendhilfe (AKJ), der den Fokus auf Vernetzung legte und sowohl Beratung, Therapie als auch Nachsorge in den Blick nahm. Damals war es deutschlandweit die erste Struktur dieser Art.

Ein Weg zurück ins Leben

Während laut Rometsch in den Anfangstagen in der Suchthilfe noch viel nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ gearbeitet wurde, sei sie heute ausdifferenziert, sagt Dr. Moritz Noack. „Suchthilfe will Teilhabe ermöglichen – schulisch, beruflich und familiär. Nicht die Schuldfrage steht im Fokus“, sagt Noack. „Es geht darum, den Betroffenen dabei zu unterstützen, wieder zurück ins Leben zu finden“. In der benachbarten LWL-Schule kann beispielsweise ein Schulabschluss erlangt werden (bis Realschule).

Die LWL-Uniklinik Hamm wurde Vorreiter für ein mehrstufiges Konzept der Suchtbehandlung, das bis heute auf eine vernetzte und übergreifende Therapie setzt. Von insgesamt 20 Kliniken in Deutschland, die Therapieangebote für früh intensiv konsumierende Jugendliche vorhalten, sei Hamm die größte, so Noack.

Im Rahmen der stationären Behandlung durchlaufen die Patienten eine aufeinander aufbauende Reihe von Maßnahmen. Die meisten starten in der Suchtambulanz, in der die Therapieschritte festgelegt werden. Die folgende stationäre Behandlung beginnt oft mit einer dreiwöchigen Entzugsbehandlung. Parallel laufen im „qualifizierten Entzug“ die Fach- und Psychotherapien.

Stationäre Behandlung und Nachsorge-WG

Die Jugendlichen können anschließend auf einer jugendpsychiatrischen Station oder in einer suchtmedizinischen Rehabilitationsabteilung in der Klinik weiterbehandelt werden. Nach der mehrmonatigen Therapiephase kann sich ein Aufenthalt in einer therapeutischen Nachsorge-WG anschließen, in der die Jugendlichen auch über die Therapie hinaus in allen Lebensbereichen unterstützt werden. Hier besteht eine langjährige Kooperation mit den suchtspezifischen Wohngruppen „Auxilium“ der Malteser.

Von früher bis zu 18 Monaten ist die maximale Verweildauer in der Klinik heute im Schnitt auf neun Monate gesunken. Acht Betten stehen mit erhöhtem Personalschlüssel auf der Entzugsstation zur Verfügung, sechs in der psychiatrischen Abteilung (Drogen+-Konzept) und 20 Plätze in der stationären Reha. Die Altersspanne der jungen Patienten reicht von 15 bis 21 Jahren. Die Quote derjenigen, die erfolgreich eine Langzeittherapie durchlaufen, liege bei etwa 50 Prozent, so Noack.

Teilhabe und Leistungssteigerung

So wie sich die Gesellschaft in 50 Jahren verändert hat, sind auch die Drogen andere geworden. „Früher diente der Konsum eher der Gesellschaftsflucht und der Betäubung, heute geht es darum mitzuhalten und eine Leistungssteigerung zu erreichen“, sagt Noack. Zwar sei Cannabis Droge Nummer 1, aber vor allem auch Amphetamine würden von jungen Menschen konsumiert. Die Gruppe der regelmäßig Heroin-Konsumierenden werde dagegen älter.

Eigentlich hätten in diesem Monat anlässlich des 50-jährigen Angebots von Suchttherapie für Jugendliche und junge Erwachsene in Hamm eine Fachtagung im Kurhaus und Workshops stattfinden sollen, doch sie wurden wegen Corona abgesagt. So findet der Rückblick nun intern und eher im Stillen statt. Aber nicht ohne Stolz.

Infos zum Therapiekonzept „Drug-Out“ gibt es im hier auf der Internetseite des LWL.

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