Hammer Apotheker im Interview

Ein Jahr Cannabis auf Rezept: "Nach wie vor nicht harmlos"

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Hanfpflanzen

Hamm - Seit einem Jahr können Schwerkranke Cannabis auf Rezept bekommen. Die Nachfrage ist seitdem deutlich gestiegen. WA-Mitarbeiterin Svenja Jesse hat darüber mit Dr. Werner Cobet, Sprecher der Hammer Apotheker, gesprochen.

Bei welchen Krankheiten kann Cannabis eingesetzt werden?

Dr. Werner Cobet: Cannabis wird bei Krankheiten eingesetzt, die mit Schmerzen einhergehen, die mit herkömmlichen Therapien nicht ausreichend in den Griff zu bekommen sind. Auch zur Behandlung von Spastiken, also Krämpfen, wie sie beispielsweise bei multipler Sklerose auftreten können, zur Appetitanregung oder gegen Übelkeit und Erbrechen kann Cannabis zur Symptomlinderung eingesetzt werden, beispielsweise als Begleitmedikation während einer Chemotherapie. 

Ab wann gilt man als schwer krank?

Cobet: Die Entscheidung, ab wann eine Erkrankung bei einem bestimmten Patienten als so schwerwiegend einzustufen ist, dass der Einsatz von Cannabis eine Verbesserung des Beschwerdebildes erwarten lässt, obliegt dem behandelnden Arzt. Herkömmliche Therapiemöglichkeiten sollten zuvor ausgeschöpft worden sein. 

Wie gut wirkt es und wie lange kann es eingesetzt werden? 

Cobet: Bisher liegen keine ausreichenden, wissenschaftlich zuverlässigen Daten über die therapeutische Wirksamkeit von Cannabis vor. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ist mit der Erforschung beauftragt. Cannabis kann, beispielsweise in der Schmerztherapie, längerfristig eingesetzt werden, vorausgesetzt, die Wirkung rechtfertigt dies im Einzelfall.

Bei einigen Krankenkassen wird etwa jeder zweite Antrag abgelehnt. Woran liegt das? 

Cobet: Nach meinem Kenntnisstand werden etwa zwei Drittel der Anträge auf Kostenerstattung genehmigt. Die Ablehnung eines Kostenerstattungsantrages kann sehr unterschiedliche Gründe haben. Es reichen auch formale Fehler oder Unvollständigkeiten im Antrag. Die Therapie mit Cannabis muss eine Besserung des Krankheitsbildes oder der Symptome erwarten lassen. Die Genehmigungsquoten sollten sich mit der Zeit aber angleichen.

Betonen möchte ich, dass auch schon vor der Gesetzesänderung im vergangenen Jahr die Möglichkeit bestand, Cannabis therapeutisch einzusetzen. Das Gesetz hat die Kostenerstattung aber nun erleichtert und die weitere Erforschung sinnvoller medizinisch/pharmazeutischer Anwendungen in den Fokus gerückt. Cannabis ist nach wie vor nicht als harmlos anzusehen. Die Hinweise, dass durch Cannabis möglicherweise Schizophrenie ausgelöst werden kann, sind ernst zu nehmen.

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