Jubelnde Menschen empfangen "Eisernen Gustav" in Hamm

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Vor genau 90 Jahren, am 26. April 1928, berichtete der Westfälische Anzeiger über den Zwischenstopp von Gustav Hartmann in Hamm. (Klicken Sie rechts oben in das Bild, um das komplette Motiv zu sehen.)

Hamm - Vor 90 Jahren machte der „eiserne Gustav“ auf seiner Fahrt per Pferdedroschke von Berlin nach Paris Station in Hamm. Sein persönlicher Protest gegen den „Schnelligkeitstaumel“. Ein irgendwie heute wieder sehr aktuelles Statement.

Etwas mehr als 1000 Kilometer sind es von Berlin nach Paris. Elf Stunden veranschlagt ein Routenplaner für die Autofahrt, achteinhalb Stunden sind es per Bahn und weniger als zwei Stunden mit dem Flugzeug. Gustav Hartmann hat zwei Monate gebraucht. Der Berliner Fuhrunternehmer war 1928 mit der Pferdekutsche unterwegs und ging als „eiserner Gustav“ in die Geschichte ein. Vor 90 Jahren machte er Station in Hamm.

Die Droschke war bereits 1928 als Fortbewegungsmittel auf dem Rückzug, Europa befand sich mit Autos, Schnellzügen und den ersten Linienflügen im Geschwindigkeitsrausch. Gustav Hartmann (1859-1938) betrieb in Berlin ein traditionsreiches Fuhrunternehmen, die Wannsee-Droschken. Spätabends stand er am Bahnhof Wannsee und fuhr die heimkehrenden Nachtschwärmer nach Hause. Den Ehrennamen „Eiserner Gustav“ bekam er von Kollegen.

Ausspannen im Hotel Kroch am Marktplatz

Der 68-Jährige hatte bereits Autos im Fuhrpark. Für den Pferdebetrieb sollte es eine Art Abschiedsfahrt geben: nach Paris. Die Idee hatte er sich von der Französin Rachel Dorange abgeschaut, die im Vorjahr von Paris nach Bukarest geritten und ihm in Wannsee begegnet war. Hartmann erwies sich dabei als Medienprofi: Seine Paris-Tour ließ er sich vom Ullstein-Verlag sponsern, Reporter Hans Hermann Theobald fuhr die ganze Strecke mit.

Der Schauspieler Walter Plathe posiert in der Rolle des eisernen Gustavs 2012.

Anfangs schlug Hartmann Skepsis entgegen: Dass der alte Mann und sein immerhin 13 Jahre alter Fuchswallach Grasmus überhaupt bis Magdeburg kommen würden, sei nicht ausgemacht, merkte der Anzeiger damals an. Doch am 25. April 1928 zog der „eiserne Gustav“ – von Beckum kommend – in Hamm ein. Jubelnde Menschen umringten ihn, als er um 16.30 Uhr vor dem Hotel Koch am Marktplatz ausspannte. Der Aprilregen tropfte vom grauen Vollbart, hieß es damals im WA. Das Ganze sei sein „rührender Protest gegen den Schnelligkeitstaumel“.

Frankreich - "ein merkwürdiges Land"

Am folgenden Vormittag ging es für Hartmann weiter, in Dortmund sollen 150.000 bis 200.000 Menschen auf ihn gewartet haben. Es folgten Köln und Koblenz, und schließlich die französische Grenze. Hartmanns Fahrt hatte über die Schlachtfelder des Weltkriegs hatte völkerverbindenden Charakter – das Kriegsende lag keine zehn Jahre zurück, beide Länder versuchten sich gerade in einer vorsichtigen Annäherung, die nicht von Dauer sein sollte.

„Ein merkwürdiges Land“, soll der „eiserne Gustav“ gesagt haben. Schon die Kinder sprächen Französisch. Auch wenn er noch so klar spreche, verstehe ihn niemand. Aber alle seien nett und grüßten höflich. Der Empfang in Paris am 4. Juni war Hartmanns Triumph; auch bei der Rückkehr in Berlin jubelten ihm am 12. September Tausende zu.

Auf der Rückreise nochmals durch Hamm

Am 10. August hatte Hartmann auf seiner Rückreise nochmal Station in Hamm gemacht. Seine Frankreich-Reise war da bereits keine Sensationsgeschichte mehr, ein Eisenbahnunglück in Bayern und die Olympischen Spiele in Amsterdam waren den Zeitgenossen wichtiger. Unvergessen ist der „Eiserne“ trotzdem geblieben: Hans Fallada schrieb den gleichnamigen Roman, Heinz Rühmann und Gustav Knuth haben ihn im Film verkörpert.

Nicht nur die Pferdedroschken sind seit den Tagen des „eisernen Gustav“ verschwunden. Auch das Hotel Koch, in dem er am Marktplatz einkehrte, gibt es längst nicht mehr. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört; heute werden an gleicher Stelle Burger verkauft.

Gunnar Müller-Waldeck: Der eiserne Gustav. Die Geschichte des legendären Droschkenkutschers Gustav Hartmann. Verlag „Das Neue“, 272 Seiten, 32,67 Euro.

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