Unsere Serie „Was braucht Pelkum?“

Islamische Gemeinden träumen von „richtiger“ Moschee in Pelkum

Treten für den christlich-islamischen Dialog ein: Arif Köser (Vorbeter Fatih-Moschee, von links), Nurbay Dize (Milli Görüs), Bahattin Paydar (1. Vorsitzender Fatih-Moschee) und Ismail Erkul (Vorsitzender Integrationsrat).
+
Treten für den christlich-islamischen Dialog ein: Arif Köser (Vorbeter Fatih-Moschee, von links), Nurbay Dize (Milli Görüs), Bahattin Paydar (1. Vorsitzender Fatih-Moschee) und Ismail Erkul (Vorsitzender Integrationsrat).

Die Gesellschaft ist im Wandel, das gilt in Hamm und speziell im Stadtbezirk Pelkum auch für die Größenverhältnisse der Religionsgemeinschaften. Die islamischen und die christlichen Gemeinden stehen hier in den kommenden Jahren vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen.

Pelkum – Rund ein Drittel der Einwohner im Stadtbezirk Pelkum hat einen Migrationshintergrund, vornehmlich einen türkischstämmigen. Die Tendenz ist steigend und stellt auch die drei islamischen Gemeinden vor neue Herausforderungen. Denn auf Dauer dürften ihre jetzigen Standorte zu klein sein. Und so gibt es sowohl in der Fatih-Moschee an der Robertstraße als auch in der Eyüp-Sultan-Moschee (Milli Görüs) an der Großen Werlstraße den Wunsch, sich zu vergrößern und eine „richtige“ Moschee nach Herringer Vorbild zu bauen. „Allerdings mit mehr Sozialräumen“, so der Vorsitzende der Fatih-Moschee, Bahattin Paydar.

Doch das ist alles Zukunftsmusik, zumal die Gemeinden auch erst einmal ein Grundstück haben müssen, um überhaupt einen Neubau in Angriff nehmen zu können. Dass man den stemmen kann, da sind sich Paydar und Nurbay Dize vom Vorstand der Moschee an der Großen Werlstraße sicher.

Corona hat das Gemeindeleben erschwert

Aber zurzeit haben sie noch ganz andere Sorgen. Zunächst einmal geht es vor allem darum, die Folgen der Pandemie zu bewältigen. Denn die hat auch sie, dritte im Bunde ist die marokkanische Ar-Rahman Moschee an der Kamener Straße, mit voller Wucht getroffen. Freitagsgebete, der Fastenmonat Ramadan im letzten und in diesem Jahr sowie sonstige Treffen: Das alles war während der vergangenen Monate – wenn überhaupt – nur eingeschränkt möglich. „Während des Fastenmonats hatten wir vor Corona oft 200 Menschen beim abendlichen Fastenbrechen hier“, berichtet Paydar, den während der Pandemie ein schwerer Schicksalsschlag ereilte: Er selbst erkrankte, seine Mutter starb an Corona.

Keinen leichten Start in Hamm hatten auch die beiden Vorbeter der Moscheen, Arif Köser (Fatih) und Enes Sirma (Eyüp Sultan): Sie waren erst wenige Monaten hier, da kamen schon die ersten Corona-bedingten Einschränkungen. Beide hatten keine Gelegenheit, die Gemeinden richtig kennenzulernen, und hoffen, dass sie das nach den Ferien nachholen können. Die diversen Einschränkungen haben sich aber auch finanziell ausgewirkt, wie Mohammed Lemsiah vom Vorstand der Ar-Rahman Moschee schreibt: „Finanziell war unsere Gemeinde durch wenige Anwesenheiten der Mitglieder auch negativ betroffen. Die Gemeinde lebt von den Mitgliedsbeiträgen.“ Zum Glück sei allerdings bis heute keiner erkrankt.

Der Wunsch nach intensiverem christlich-islamischen Dialog

Ein großes Interesse haben alle drei Gemeinden weiter am christlich-islamischen Dialog – auch vor dem Hintergrund, dass viele in Hamm dem Islam skeptisch gegenüberstehen. „Es gibt leider noch immer viele Vorurteile – auf beiden Seiten“, so Ismail Erkul, Vorsitzender des Integrationsrates. Und die müsse man abbauen. Erkul ist sich durchaus bewusst, dass das schwierig wird. Moslems auf christlichen Festen sehe man beispielsweise kaum. Andererseits seien aber auch die Christen eingeladen, sich die Moscheen anzuschauen, um etwas über den Islam zu erfahren. Dize: „Jeder, der gute Absichten hat, ist bei uns willkommen.“ Und alle sind sich einig: „Wir leben nicht nebeneinander, sondern miteinander.“

Aber was ist der Schlüssel für ein gemeinsames, friedliches Zusammenleben? Erkul fasst es mit drei Worten zusammen: Respekt, Wertschätzung und Akzeptanz. Und: „Unser Glaube ist für jeden offen“, sagt Erkul. Sein Vorbeter geht noch einen Schritt weiter: „Wer das nicht versteht, hat seinen eigenen Glauben nicht verstanden“, hat er eine klare Botschaft an die Moslems.

Woher kommt die Skepsis gegenüber dem Islam?

Auch Lemsiah hat sich seine Gedanken gemacht. Woher die Skepsis gegenüber dem Islam kommt? „Dazu zählt, dass die Mehrheit auf die Minderheit blickt – besonders wenn es sich um eine Minderheit mit Migrationshintergrund handelt – und das Gefühl hat, dass sie ihr den Lebensunterhalt streitig macht. Und die Katastrophe tritt ein, wenn es politische Parteien gibt, die solche Gedanken gutheißen und sie fördern. Der Islam als Religion und Glaubensüberzeugung kann eigentlich keine Feinde haben, da er im Grunde genommen auf drei Säulen basiert, die allesamt für die Gesellschaften nur Gutes mit sich bringen, unabhängig davon, ob man ihm angehört oder nicht.“

Der größte Bereich im Islam und derjenige, auf den größten Wert gelegt werde, sei die Güte in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Viele machten aber den Islam als Religion zum Sündenbock. „Möglicherweise geschieht dies auch aufgrund des schlechten Verhaltens und fehlerhaften Benehmens einiger Muslime“, so Lemsiah. „Aber auch wirtschaftliche und politische Faktoren spielen eine Rolle, welche die gefährlichsten Ursachen darstellen, vor allem dann, wenn die Religion benutzt wird, um die Stimmen der Mehrheit zu erlangen.“ Dies sei leider Realität, und in dieser Frage sieht er auch die Medien in der Pflicht. „Entweder sind sie professionell und erfüllen ihre Aufgabe, indem sie bilden und aufklären, oder sie hetzen gegen den Islam, was die größte Katastrophe ist.“

Migration in Pelkum: Das Verhältnis in der Politik passt längst nicht mehr

Ein anderes Problem spiegelt sich in der Bezirksvertretung Pelkum wider. Zwar haben etwa 6 500 der knapp 20 000 Einwohner einen Migrationshintergrund. Von den 19 Bezirksvertretern haben den aber nur zwei: Ismail Erkul (SPD) und Farid Bhihi (Pro Hamm). Im Vergleich zur Einwohnerzahl sind Migranten also deutlich unterrepräsentiert. Das wissen auch Erkul und seine Mitstreiter. Daher nehme die Fatih-Moschee an einem Projekt des Goethe-Instituts teil, mit dessen Hilfe bei jungen Leuten das Interesse für Politik geweckt werden soll. „Auch für das, was sich in ihrem direkten Umfeld tut“, so Erkul.

Nachholbedarf gibt es auch an anderer Stelle. „Diesbezüglich muss ich eingestehen, dass es in der Beziehung der religiösen Gemeinschaften – unabhängig von ihrer Religionszugehörigkeit – und ihrer Kooperation untereinander große Nachlässigkeit gibt und sie nahezu nicht vorhanden ist“, sagt Lemsiah auf die Frage, wie der Austausch untereinander funktioniert. „Wir hoffen, dass wir uns diesem Mangel bewusst werden und es in Zukunft besser machen.“

Ein Blick auf die christlichen Gemeinden in Pelkum

Übrigens: 59 Prozent der Pelkumer sind katholisch (27 Prozent) oder evangelisch (32 Prozent). Das geht aus Daten der Stadtverwaltung Hamm zum Stichtag 31. Dezember 2020 hervor. Etwa 40 Prozent der Pelkumer gelten als konfessionslos. Pelkum liegt mit allen drei Zahlen exakt im Durchschnitt von Hamm, wo die Anteile ebenso verteilt sind. Dabei gibt es in der Stadt große Unterschiede: So sind etwa 72 Prozent der Rhyneraner katholisch oder evangelisch, mehr sind es in keinem anderen Bezirk. Am niedrigsten ist der Anteil an Christen in Herringen (50 Prozent). Zuletzt ist der Anteil der Christen gesunken: 2010 lag er in ganz Hamm bei 69 Prozent, 2020 nur noch bei 59 Prozent. 

Während die islamischen Gemeinden in Pelkum vermutlich noch wachsen, wird die evangelische Kirchengemeinde Pelkum-Wiescherhöfen weiter schrumpfen. Statt der aktuell knapp 6 000 wird sie in zehn Jahren nur noch etwa 5.000 Gemeindeglieder haben. Dies, sowie der Umstand, dass es zu wenig Pfarrer gibt, wird das Gesicht der Gemeinde verändern. Die ist mit ihren aktuell 2,3 Pfarrstellen noch gut aufgestellt. Aber wenn die drei Pfarrer Carsten Dietrich, Matthias Eichel und Friedgard Weiß in einigen Jahren in den Ruhestand gehen, wird es nur noch einen hauptamtlichen Pfarrer geben, der durch „Interprofessionelle Teams“ unterstützt werden soll. Das bedeutet, dass neben der theologischen Pfarrstelle andere Berufsgruppen wie Gemeindepädagogen oder Gemeindemanager gleichberechtigt pfarramtliche Aufgaben übernehmen können.

Zu viele Kirchen? Herausforderungen für Protestanten wie Katholiken

Und dann ist da die weiter ungeklärte Gebäudefrage, die die Gemeinde schon seit längerer Zeit beschäftigt. Klar ist nur, dass sie aufgrund der zukünftigen finanziellen und personellen Entwicklung Fläche und Kosten reduzieren muss. Sie hat sich aber das Ziel gesetzt, als Gemeinde an allen drei Standorten präsent zu bleiben – in welchem Umfang und mit welchen Gebäuden, hängt von einer Vielzahl von Fragen ab. Zeitnah sollen die Gemeindeglieder über die anstehenden Entwicklungen informiert werden, eventuell auf einer Gemeindeversammlung. Jedoch müsse man hier die Pandemie im Blick behalten, so Pfarrer Eichel.

Vor großen Herausforderungen steht auch der Pastorale Raum Hamm-Mitte-Westen, zu dem die ehemaligen katholischen Kirchengemeinden St. Liborius und St. Paulus gehören. Mit einem Mangel an Pfarrern hat die katholische Kirche schon seit Jahren zu kämpfen. Aber auch die einzelnen Gemeinden müssten sich jetzt, wie Pfarrer Bernd Mönkebüscher sagt, Gedanken über die künftige Gebäudekonzeption machen. Und daran werde gearbeitet. Aktuell gibt es im PVHMW sechs Kirchen und fünf Pfarrheime.

Jetzt sind Sie gefragt: Sagen Sie uns hier Ihre Meinung!

Bitte schreiben Sie maximal 3 Sätze pro Frage. (Mindestens 50 Zeichen.)

Mit Ausfüllen und Abschicken dieses Formulars erkläre ich mich einverstanden, dass ich mit meinem Statement im Westfälischen Anzeiger namentlich genannt werde.

Zum Thema kommentieren können Sie außer über das Formular auch unter dem passenden Post auf der WA-Facebookseite und per Mail an pelkum@wa.de.

Mehr zum Thema lesen Sie in der Print-Ausgabe des Westfälischen Anzeigers vom 27. Juli. Der nächste Schwerpunkt unserer Serie „Was braucht Pelkum?“ erscheint in zwei Wochen im Print und Online. Dann geht es um Kinder und Jugendliche.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf wa.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare