Brauerei setzt immer noch auf den Standortfaktor

Isenbeck seit 30 Jahren weg, aber immer noch „aus Hamm“: Wie das?

Isenbeck wird längst nicht mehr in Hamm gebraut.
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Isenbeck wird längst nicht mehr in Hamm gebraut – mit der Stadt zu werben, ergibt für die Verantwortlichen aber Sinn. Links im Bild ist das Universa-Hochhaus mit dem riesigen Leucht-Logo (wie es einst an der Brauerei prangte), rechts die Pauluskirche.

Seit 30 Jahren wird in Hamm kein Isenbeck-Pils mehr gebraut. Die Produktion ging nach Paderborn, die Vermarktung nach Warstein. Eingestellt wurde beides jedoch nie. Jetzt macht die Sauerländer Brau-Maschine das Attribut „Hammer Marke“ für die ganze Welt noch sichtbarer als bisher. Ist das nicht unredlich?

Hamm – Wer die frisch renovierte Internetseite der Marke Isenbeck aufruft, blickt erst auf die bekannten weiß-gelben Heißluftballone und dann auf die großgeschriebene Formulierung „AUS HAMM“. Wie das – wo doch bereits im Mai 1990 die riesige Brauanlage dort in Schutt und Asche gelegt wurde, wo heute das Allee-Center thront? „Bewusste Irreführung“ mag darin mancher sehen – in Warstein lächelt man darüber charmant hinweg. Denn einst wie heute sei die Biermarke Isenbeck, deren Ursprung bis ins Jahr 1769 zurückgeht, doch untrennbar mit der Stadt Hamm verbunden.

„Das Engagement in der Region ist die Basis für eine starke Verankerung in der Region – und nicht der Braustandort“, findet Marketingleiter Peter Böhling von der Warsteiner Brauerei. Konkret gemeint sind die langjährigen Partnerschaften etwa mit vielen Schützenvereinen, Fußballvereinen, dem ASV Hamm-Westfalen, den Hammer Eisbären, Eventhallen, den Zentralhallen und die Präsenz „insbesondere bei den Stadtfesten“. Das Unternehmen ermögliche so in der Großregion Hamm „ein attraktives Angebot für Freizeit, Kultur und Brauch“, führt Böhling aus.

Isenbeck in Hamm: Kein Partner wegen Corona fallengelassen

Ohne solche Win-win-Verträge würde heutzutage tatsächlich kaum ein breitenwirksames Angebot mehr funktionieren, beziehungsweise vernünftig finanzierbar sein. Das gilt umso mehr mit Blick auf die vielerorts substanzzehrende Corona-Pandemie. Und obwohl die Absage fast aller Veranstaltungen auch die Brauereien vor allem beim Fassbier-Absatz knallhart und anhaltend trifft, verkündet der PR-Stratege doch stolz, dass alle Partnerschaften in Hamm „in treuer Verbundenheit erhalten“ wurden. Bei aller existenziellen Not wird das den Betroffenen helfen, im Lauf des Jahres wieder auf die Beine zu kommen.

Bis 1990 DER Hingucker in der Hamm Innenstadt: die Isenbeck-Brauerei mit dem Bierglas an der Fassade, das schon von weitem zu sehen war. An dieser Stelle steht heute das Allee-Center.

Isenbeck nicht nur in Hamm: in Argentinien und Kamerun top

Der regionale Erfolgs-Fokus – in Hamm tritt Isenbeck in Handel und Gastronomie nur hinter Krombacher zurück – sollte indes nicht überdecken, dass die Absatzzahlen des herben „Hammer Bieres“ in Argentinien (!) und Kamerun (!!) „wesentlich höher“ sind als in Deutschland.

Allein im Kamerun werde mehr als 300.000 Hektoliter Isenbeck gebraut und verkauft. Allerdings sei die Anzahl der Brauereien und Marken dort viel geringer als in Deutschland mit seinen 1400 Standorten und 7000 Biermarken. Auch in Argentinien wird Isenbeck vor Ort – in Zarate – gebraut, zudem werde Fassbier von Deutschland aus nach Italien exportiert.

Bilder-Streifzug durch die Hammer Isenbeck-Historie

Bilder-Streifzug durch die Hammer Isenbeck-Historie

Isenbeck in Hamm: Markentreue und besonderer Kult-Faktor

Trotzdem: Ohne die bemerkenswerte Markentreue der Hammer gäbe es das klassische Isenbeck-Pils in Deutschland sicher längst nicht mehr. Die regionale Verwurzelung mit der Heimatregion Hamm sei „ein essenzieller Markenkern und Erfolgsfaktor“, gibt der PR-Mann offen zu. Interessant ist, dass der Erfolg nicht nur von den Altsemestern abhängt, die die prägende Brauerei auch heute noch vor ihren inneren Augen haben. Man erreiche mit Isenbeck über die verschiedensten Einsatzgebiete die unterschiedlichsten Altersstrukturen.

Isenbeck-Museum von Uwe Schröter

Isenbeck-Museum von Uwe Schröter
Isenbeck-Museum von Uwe Schröter
Isenbeck-Museum von Uwe Schröter
Isenbeck-Museum von Uwe Schröter
Isenbeck-Museum von Uwe Schröter

Außer den omnipräsenten Schriftzügen ist also von der einstiegen Orts-Marke nichts Handfestes in Hamm geblieben… – oder? Doch: der Kult-Faktor. War dieser schon ehedem von der Eigentümerfamilie Nies gepflegt worden – etwa mit der jährlichen „Isenbeck-Night“ –, lockt nach wie vor eine „Internationale Isenbeck-Tauschbörse“ in den Zentralhallen Laien- und Profisammler regelmäßig nach Hamm. Auch diese erfährt von Warstein aus nachhaltige Unterstützung: Nicht nur werden eigens Sonderbierdeckel produziert, auch der Draht zu Organisator Uwe Schröter wird bewusst kurz gehalten. Der nennt sich übrigens knapp und unmissverständlich „Der Isenbecker.

Kurzer Abriss der Isenbeck-Historie

Die Brauerei wurde 1769 von Albert Isenbeck in Hamm gegründet und florierte schnell. Anfang des 19. Jahrhunderts galt sie als größte Braustätte Hamms. Im Zweiten Weltkrieg wurde sie größtenteils zerstört und später nach modernen Industriekriterien wieder aufgebaut. Am Standort des heutigen Allee-Centers prägte die Brauerei bis Mai 1990 auch optisch das Bild der Stadt.

Besonders in Erinnerung ist vielen Hammern und Besuchern ein überdimensionales überlaufendes Bierglas an der Fassade. Eine Neuauflage wurde 2006 am Universa-Hochhaus installiert.

Das feinherbe Isenbeck-Premium-Pils („kein Fernsehbier“, wie der PR-Stratege Peter Böhling in Warstein offen sagt) mit einem befrackten Reiter als optischem Markenzeichen wurde in Hamm bis Ende der 80er Jahre produziert. Seit 1989 ist Isenbeck eine Marke der Warsteiner-Gruppe und wird in Paderborn produziert.

Hippe und bisweilen sogar sexistische Werbung sollte Isenbeck einst weithin bekannt machen. Der Weg führte selbst in die „Sendung mit der Maus!

Das Jahr 2020 war für die Warsteiner-Brauerei, zu der Isenbeck gehört, ein Jahr der Superlative - aber leider im negativen Sinn. „Es war das schwierigste Geschäftsjahr in der Braubranche seit Jahrzehnten“, sagt Geschäftsführer Christian Gieselmann. Insgesamt sei der Absatz der Warsteiner Brauerei um 16,2 Prozent zurückgegangen und damit klar unter die Marke von 2 Millionen Hektolitern gerutscht.

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