Im Interview

"Tut schon weh": Baurat Andreas Mentz über das Westentor, Kaufhof und eine Bebauung des Santa-Monica-Platzes

Tabuthemen der Stadtplanung diskutierbar machen – das möchte Stadtbaurat Andreas Mentz erreichen.
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Tabuthemen der Stadtplanung diskutierbar machen – das möchte Stadtbaurat Andreas Mentz erreichen.

Seine Heimat Hamm hatte Andreas Mentz trotz beruflicher Veränderungen nie ganz verlassen. Nun ist er Stadtbaurat und Leiter des Baudezernats in Hamm und erklärt, wie es ist wieder zurück zu sein und was ihn an seinem Beruf alles begeistert.

Hamm – Andreas Mentz ist seit Anfang März Stadtbaurat und Leiter des Baudezernats in Hamm. Hier hatte Mentz zuvor schon 15 Jahre gearbeitet, ehe er 2013 in Ahlen Stadtbaurat und Erster Beigeordneter wurde. Nun ist der 53-Jährige zurück. Wohnen geblieben ist er mit seiner Frau und den vier Kindern (19 bis 29 Jahre) immer in Hamm. WA-Redakteur Frank Osiewacz sprach mit Andreas Mentz über wesentliche zukunftsweisende Themen der Stadtplanung in Hamm.

Wie fühlt es sich an, wieder in Hamm zu sein? So, als wären Sie nie weg gewesen?

Es ist schon ein Stück Nach-Hause-kommen. Aber die Zeit dazwischen – etwas mehr als sieben Jahre – waren auch eine sehr intensive und für mich in Ahlen wunderbare Zeit, in der sich beide Städte deutlich weiter entwickelt haben. Die Rückkehr ist nicht nahtlos: Es gibt personelle Veränderungen, und die Themen haben sich natürlich auch weiter entwickelt.

Was macht für Sie den Reiz aus, Stadtbaurat in Hamm zu sein?

Die städtische Entwicklung mit gestalten zu können, ist überall eine tolle Aufgabe. Das dann in der Heimatstadt zu tun, in der man aufgewachsen ist und viele Kontakte über das Berufliche hinaus hat, ist noch einmal ein besonderer Reiz und macht richtig Spaß.

Was sagen denn die alten Kontakte zu den Projekten: „Was habt Ihr denn da schon wieder verzapft“?

Das hält sich noch in Grenzen. Dafür bin ich noch nicht lang genug hier (lacht). Da herrscht noch Rücksicht nach so kurzer Zeit.

Gibt es für Sie so etwas wie eine Bewährungsprobe, eine besondere Aufgabe, an der Sie sich am ehesten gemessen fühlen?

Hier ist es das Gesamtpaket. Sehr schwere Aufgaben – Stichwort Horten – sind in der Vergangenheit ja schon sehr erfolgreich weggeräumt worden. Es ist weniger das konkrete Projekt. Vor einigen Jahren hätte ich gesagt: Man muss doch diesen See in die Stadt bekommen, aber das ist jetzt Geschichte.

Was sind in Ihren Augen die wesentlichen Baustellen für ein Hamm der Zukunft?

Das zieht sich durch alle Daseinsbereiche. Wir sehen aktuell am Beispiel Kaufhof den strukturellen Wandel. Das ist eine Kernaufgabe, die die Stadt mit allen Akteuren wahrnehmen muss. Dazu gehört der Handel, die Wirtschaftsförderung und am Ende alle Bürger, die ihre Innenstadt nutzen. Die Frage ist: Wie geht es mit unseren zentralen Handelslagen weiter?

Der Strukturwandel im gewerblich-industriellen Bereich ist gepaart mit einer zunehmenden Flächenknappheit, und wir müssen – zurecht – sehr vorsichtig mit Flächen umgehen, die noch Natur und Landschaft sind. Gleichwohl gilt es, die wirtschaftliche Grundlage der Stadt zu sichern. Denn eine Stadt ohne attraktive Arbeitsplätze und entsprechende Einkommen ist keine attraktive, lebenswerte Stadt.

Lebenswert betrifft natürlich das Thema Wohnen. Finde ich das Wohnumfeld, das ich mir vorstelle und das ich mir leisten kann? Tatsächlich macht es mich sehr glücklich, dass in den vergangenen Jahren so viele öffentlich geförderte Projekte angeschoben worden sind. Da sind wir gut aufgestellt. Auch im Vergleich mit Städten ähnlicher Größe und Sozialstruktur. Es wurde weit über der Quote, die uns zustehen würde, in den geförderten Wohnungsbau investiert, es konnten auch Mittel verarbeitet werden, die von anderen Städten nicht abgerufen wurden.

Das Thema Klimaschutz muss alle Teilbereiche der städtischen Arbeit überspannen. Die Klimaagentur ist in Vorbereitung. Die letzten Bauleitplanungen, die die Kollegen auf den Weg gebracht haben, stellen das Thema ja schon in den Fokus. Das beginnt beim Steingarten, geht über Vermeidung von Aufheizungen, Dachbegrünung bis hin zu regenerativen Energien.

Mobilität ist ein zentrales Grundbedürfnis. Die Stadt ist nur dann lebenswert, wenn ich leicht und möglichst umweltverträglich von A nach B komme. Die Frage ist: Wie bekommt man das gut hin im Individualverkehr, in öffentlichen Verkehren und auch beim Güterverkehr?

Aus dem Paket Perspektive Innenstadt 2030 wurde einiges bereits abgeschlossen. Anderes hinkt zeitlich deutlich hinterher. War der Zeitrahmen zu ambitioniert?

Projekte sind natürlich dann super, wenn sie das Zeit- und das Kostenversprechen einlösen (lacht). Aber Projekte bringen viele Partner zusammen. Am Ende ist da nicht jede Geschwindigkeit definierbar. Manchmal lässt es auch der Markt nicht zu, die gesetzten Ziele zu erreichen.

Die Konjunkturentwicklung, die mit der Pandemie sicher noch eine Verschärfung erlebte, kann große Projekte wie beispielsweise den Lückenschluss zwischen Allee-Center, Ritter- und Weststraße noch einmal deutlich verlangsamen, aber – da bin ich zuversichtlich – am Ende nicht verhindern. Kommt in dem Gesamtmosaik der Entwicklungsperspektive mal ein Steinchen später, ist das aus meiner Sicht nicht so dramatisch.

Was bedeutet der gefühlte Stillstand beim B-tween für die Planung Westentor? Es gab eine Art Ultimatum des Oberbürgermeisters, das Westentor vorzuziehen.

Wir bereiten das Planverfahren für das Westentor konkret vor. Meine Einschätzung ist: Wir dürfen mit dem Westentor nicht mehr warten. Das Westentor ist ein neuralgischer Punkt, sicher der Verkehrsknotenpunkt Nummer zwei nach dem Bahnhof bzw. Willy-Brandt-Platz.

Das Westentor zeigt jeden Tag durch die räumliche Enge zwischen den unterschiedlichen Verkehrsarten seine Defizite. Das Westentor nicht frei von künstlerischen Themen zu planen, halte ich für eine gute Idee, aber ich sage auch ganz deutlich: Dies ist in erster Linie ein Verkehrsplatz, der funktionieren muss. Wir werden auch das Entree zum Luther-Viertel berücksichtigen. Aber es wird kein Skulpturenpark im Vordergrund stehen können.

Was bedeutet das zeitlich?

Wir nutzen das erste Halbjahr 2021 für die Planung, die Konsensbildung und die Beteiligung aller anliegenden Akteure und Bürger und werden dann zum September die entsprechenden Förderanträge einreichen. Gebaut würde dann 2022.

Wäre eine Doppelbaustelle vorstellbar, je nachdem wie sie getaktet ist?

Ja, genau. Klar macht das auch Sorgen, aber aufeinander weiter zu warten, ist nicht der richtige Weg. Allein aus einem Zeitkalkül heraus würde ich zukunftsweisende Projekte nicht aufhalten wollen. Die Anlieger leiden immer, wie gut man eine Baustelle auch managt. Klares Ziel ist deshalb: Das Westentor muss vor dem Weihnachtsgeschäft fertig sein.

Wie steht es um die Gestaltungsoffensive Weststraße?

Zum Teil sind wir noch im Ausschreibungsverfahren. Es geht ja vor allem um den Ersatz der Beleuchtung, einschließlich W-Lan-Ausstattung und um Möblierung, also am Ende um Erhöhung der Aufenthaltsqualität. Meine Empfehlung ist, das nicht ins Weihnachtsgeschäft zu packen, sondern ins nächste Frühjahr zu gehen.

Sie haben den Kaufhof angesprochen. Sind Wohnen und Büros die Zukunft der Bahnhofstraße, oder was braucht sie noch?

Die Veränderung hat ja schon vor langen Jahren begonnen. Das Verschwinden von Horten, Kaufhalle, C&A, das Herausziehen von Saturn, Herlitz und zuletzt Ter Veen: Das sind die Elemente, die die Attraktivität dieses Handelsstandortes heruntergefahren haben. Dazwischen sind viele Kleine mit verlorengegangen, weil die Grundfrequenz nicht mehr da war.

Wie viel Urbanität muss also sein in diesem Verbindungsstück zwischen Willy-Brandt-Platz, Westentor, Weststraße und Allee-Center? Das Themenfeld ist da sicher noch nicht zuende gedacht. Freizeitangebote beispielsweise oder Gastronomie sind Angebote, die diesen Teil noch nicht wirklich qualifizieren. All die Ideen am Kaufhof-Standort sind gut, als öffentliche Hand können wir aber nicht die Rechnung ohne die Eigentümer machen. Aber ich bin zuversichtlich, dass sie an der Entwicklung des Standortes auch sehr aktiv mitwirken werden.

Welche Rolle spielt der Faktor Kultur, der in der Kaufhof-Immobilie ja schon vorhanden ist?

Ziel ist es, die Mieter so lange wie möglich dort zu halten und dann auch für die Zukunft zu gewinnen. Ich glaube, der Standort wird insgesamt eine Schlüsselstelle werden, bei der es auf den Mix ankommt.

Ist der Santa-Monica-Platz noch immer ein Tabu, was eine Bebauung angeht? Parken könnte man auch unterirdisch.

Aus Sicht eines Stadtplaners ist das eine Kriegswunde, die für oberirdisch abgestelltes Blech zu schade ist. Rein fachlich sehe ich das so. Natürlich kann man nicht einmal mit dem großen Besen drübergehen. Orte wie das Synagogenmahnmal bräuchten sicherlich etwas Luft, denn das ist ein wichtiger Ort in der Stadtgeschichte. Aber die fehlende Raumkante zur Südstraße tut schon sehr weh.

Als Planer würde ich sagen: Bebauung an dieser Stelle ja. Aber ruhender Verkehr ist auf der anderen Seite natürlich gerade in Bezug auf das Überleben des Einzelhandels und der Gastronomie ein empfindliches Thema und da muss angemessen Ersatz gefunden werden. Dass wir uns so viele Flächen in der Stadt leisten, auf denen über Stunden Fahrzeuge stehen, reduziert die Lebensqualität. Was den Santa-Monica-Platz betrifft: Wird hier eine höhere Qualität erreicht, dann kann man in die Diskussion einsteigen.

Brauchen wir überhaupt noch unsere breiten Verkehrsachsen, oder sind sie zumindest zum Teil zugunsten des Radverkehrs oder Straßengrün rückbaubar?

Auch Verkehr hat mit Lebensqualität zu tun, und wir haben auch immer Anwohner an diesen Straßen. Und da tut mancher Verkehr, der etwas langsamer rollt, schon gut. Straßengrün beispielsweise hat natürlich enorme Vorteile. Ich hoffe, dass angesichts der Vorteile auch hier Tabuthemen diskutierbar werden.

Der Übergang an der Adenauerstraße zum Wassersportzentrum scheint wie die Quadratur des Kreises. Wie wird er aussehen?

Das Queren der Adenauerallee ist die schwerste Stelle im Gesamtkonzept der Anbindung von der Innenstadt ans Wasser. Wir werden voraussichtlich in der nächsten Beratungsrundes des Rates im Dezember Vorschläge mit entsprechenden Querungsbereichen machen. Das wird nicht die klassische Fußgängerzone sein, die ich ohne Unterbrechung laufen kann.

Aber es heißt für mich trotzdem, dass man in diesem Bereich der Adenauerallee nicht mehr überall parken wird. Das herausragende Projekt Wassersportzentrum, Schleusenplatz und Kanalkante benötigt hier eine qualitätvolle Anbindung an die Innenstadt. Die Schulwegsicherung ist weiterhin elementar und die vorhandene Ampelanlage ist nicht verzichtbar. Das Parken dort ist heute ein Dauerparken, ein Pendlerparkplatz. Der Wegfall wird manchem nicht gefallen, aber dann geht es um eine deutlich höhere Qualität.

Wie ist der Stand zum Radschnellweg, dem RS1?

Der Mitteldeich ist räumlich für uns bekanntlich die beste Lösung. Hier gibt es einige Engstellen. Per Gesetz gibt es bestimmte Prozentsätze, die von der Norm abweichen dürfen. Ich kann ja stellenweise den Gehweg auch auf den Bankettbereich legen.

Es gibt aber Engstellen, an denen wir mit weniger als der Norm antreten werden. Wir setzen sehr darauf, dass wir mit dem Land bzw. Straßen NRW übereinkommen. Den Weg irgendwo anders abzusetzen, wäre nicht gut. Wenn auf dem Verfahrensweg alles positiv läuft, ist es vorstellbar, dass wir mit den vorbereitenden Arbeiten 2023 beginnen.

Aus Ahlen hörte man manchmal, Andreas Mentz sei der heimliche Bürgermeister. Ist das Amt des Bürgermeisters eine Aufgabe für Sie?

Nein, dafür habe ich viel zu viel Spaß an meiner Aufgabe (lacht). Die Herausforderungen, die ein Bürgermeister als vollständig öffentliche Person hat, und die Anforderungen an den Menschen, die Verantwortung für alles und jeden zu tragen, sind sehr, sehr hoch. Das ist nicht das Modell, für das ich mich entschieden habe.

Woran erkennt man Ihre persönliche Handschrift? In Stichworten, bitte.

Erstens: Reden hilft, vor allem bei strittigen Themen. Zweitens: Interessenausgleich. Nicht nur auf die Bürger bezogen, sondern auch im Team. Gemeinsam eine Lösung zu entwickeln und am Ende die Leistung eines jeden auch wertzuschätzen.

Drittens: Das Thema der städtebaulichen Qualität und diese noch einmal etwas zu schärfen. Ich hätte Spaß daran, das noch etwas durchgängiger hinzubekommen. Viertens: sich immer wieder Ziele zu stecken – nicht unerreichbar, aber auch nicht zu niedrig. Denn dann erreiche ich keine Qualität.

Was tun Sie in Ihrer Freizeit?

Ich widme mich der Familie, Freunden, Haus und Garten. Ich reise gern. Als Planer kann man sich anderswo Gutes abschauen. Und segeln mit Freunden noch aus dem Studium gehört auch zu meinen Hobbys.

An Hamm ist Sandra Wolfson, Model, Marketingfachfrau und Reisebloggerin meist vorbeigefahren: im Auto, auf der A 2, sah Lagerhalle neben Lagerhalle und fragte sich, ob die Gewerbesteuer besonders niedrig sei. Nun hat Wolfson Hamm besucht und über die außergewöhnlichen Seiten der Stadt geschrieben.

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