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Brotfahrer nach internationaler Fahndung als Betrüger vor Gericht

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Von: Frank Lahme

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Karsten B. wurde bereits vor einem Jahr verhaftet (Symbolbild).
Karsten B. wurde bereits vor einem Jahr verhaftet (Symbolbild).

Hamm/Münster - Vom Brotfahrer für eine Hammer Bäckerei zum international gesuchten Bankenbetrüger: Die zwielichtige Karriere des Karsten B. sorgte 2012 bundesweit für Schlagzeilen. Genauso spurlos, wie er am 6. Dezember 2009 verschwand, ist er nun aus dem Nichts wieder aufgetaucht.

Rund fünf Millionen Zuschauer sahen damals das Fahndungsbild des Hammers bei „Aktenzeichen XY“; vermutet wurde der heute 52-Jährige von den Fahndern in Thailand. Wie WA-Recherchen jetzt ergaben, wurde er bereits vor einem Jahr verhaftet. 

Es war nicht Thailand, sondern die Türkei, wo sich der Hammer versteckt gehalten hatte. Mit Beginn der Öffentlichkeitsfahndung hatte sich der 52-Jährige in das Land am Bosporus abgesetzt. Und er lebte dort keineswegs in Saus und Braus, sondern hing am Tropf der Drahtzieher eines Betrugskomplotts, in das er Ende 2009 hineingeraten war. Ein paar hundert Euro wurden ihm monatlich zugeschustert – die Millionen, die dank seiner Mithilfe offenbar ergaunert wurden, hatten andere.

Tatverdächtige auch aus Werl, Beckum, Harsewinkel und Lünen

Im Jahr 2014 kamen die Polizeiermittler der Bande auf die Schliche. Unter falschen Namen wie „Hans Krupp“, „Volker Becks“ oder „Heinz Miele“ hatte sie, so die Auffassung der Kommissare, Girokonten eingerichtet, Scheinwohnsitze begründet und eine Vielzahl von Kreditverträgen mit diversen Geldinstituten – von der Deutschen Bank bis zur Postbank – abgeschlossen. Mal über 17.000, mal über 20.000 Euro. 185-mal soll diese Masche neben anderen angewandt worden sein, 2,4 Millionen Euro sollen zwischen 2009 und 2014 von den Banken ergaunert worden, weitere Versuche über rund 800.000 Euro sollen gescheitert sein. Die vier Tatverdächtigen stammen aus Werl, Beckum, Harsewinkel und Lünen. 

Karsten B. ist der Fünfte im Bunde, fungierte offenbar als Mädchen für Alles und hielt sein Konterfei für die Komplizen hin. Bis mindestens ins Jahr 2012 galt er jedoch für die Polizei als gewiefter Einzelganove. 22 falsche Kreditverträge über insgesamt 493.000 Euro wurden ihm zugeordnet, weil er zwischen September 2009 und Juni 2010 reihenweise an EC-Automaten fotografiert worden war, wo er die Geldbeträge abgeräumt hatte. Dass er den größten Teil des Geldes vermutlich sofort danach an seine Gefährten weiterreichte, war den Ermittlern lange Zeit unklar. 

Im Jahr 2010 führte die Spur erstmals nach Hamm

Als die Soester Polizei im Mai 2010 ein Foto von dem Brotfahrer veröffentlichte, wurde er von Freunden aus seiner alten Motorradgruppe identifiziert. Die Spur führte damit erstmals nach Hamm. Karsten B. stand als Großbetrüger am Pranger, allerdings bezweifelte sein Umfeld, dass er die Cleverness für eine solche Tatenserie besitzen könnte. 

Als die vier Komplizen festgenommen wurden und der Geldfluss ins türkische Exil versiegte, entschloss sich Karsten B. zur Rückkehr nach Deutschland. Gleich bei der Ankunft am Flughafen wurde er am 20. November 2014 verhaftet und sitzt seitdem – ebenso wie seine Mitstreiter – in Untersuchungshaft. Die Festnahme wurde nie von der Polizei publik gemacht, zudem wurde der Wohnsitz von Karsten B. nach Lünen verortet. 

Seit Juni 2015 findet vor dem Landgericht Münster ein Prozess gegen das Quintett wegen gewerbsmäßigem Betrugs statt. Mehrere Dutzend Verhandlungstage sind bereits gelaufen; eventuell kommt es noch in diesem Monat zu einem Urteil.

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