EVK-Experte gibt Einblicke

Intensivmediziner schlagen Alarm - Die Lage in den Hammer Kliniken

In Hamm liegen seit langer Zeit nur wenige Corona-Infizierte in der Klinik geschweige denn auf der Intensivstation. Allen überregionalen Warnungen zum Trotz ist die Zahl der belegbaren Intensivbetten außerdem deutlich geringer als vor einem Jahr. Wie kann das sein?

Hamm - Am Sonntag standen auf den Intensivstationen in Hamm laut dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) insgesamt 64 Betten zur Verfügung, von denen 51 belegt waren – 3 davon von Covid-19-Patienten. Alle drei wurden invasiv beatmet. Der Anteil der Corona-Infizierten auf den Intensivstationen betrug 4,69 Prozent. Das ist der beste Wert in ganz NRW hinter Bottrop (2,5 Prozent). (News zum Coronavirus in Hamm)

Das Durchschnittsalter der Covid-Intensivpatienten am EVK hat sich seit Beginn der Pandemie verringert. Anfangs waren die Patienten meist 70 Jahre oder älter, inzwischen liegt das Alter Sander zufolge zumeist zwischen 60 und 80. Am längsten auf der Covid-Intensivstation lag ein Patient fünf bis sechs Wochen. Die jüngste Patientin war Mitte 40.

Im Gespräch mit WA.de spricht der Chefarzt der Intensivmedizin am EVK, Dr. Martin Sander (44), über die aktuelle Situation in Hamm:

Droht auch in Hamm sehr bald ein Engpass auf den Intensivstationen?
Wir haben in Hamm nie einen Engpass gehabt und immer alle Patienten versorgen können. In Deutschland haben wir pro Kopf so viele Intensivbetten wie kaum in einem anderen Land. Die Belastung ist zwar hoch, aber von einem Kriegsszenario, wie es mancher Kollege beschreibt, würde ich nicht sprechen. Wir haben im Notfall auch die Möglichkeit, auf andere Kliniken oder überregionale Zentren auszuweichen.
Trotzdem malen viel beachtete Experten wie der SPD-Politiker Karl Lauterbach Horrorszenarien. Wie passt das zusammen?
Karl Lauterbauch ist in keiner Weise zu unterschätzen. Er hat Ahnung von dem, über das er redet. Als Epidemiologe auch mehr als die meisten Virologen. Aktuell hat man ja das Gefühl, 60 Millionen Experten für Virologie in Deutschland zu haben – das ist fast so wie mit dem Bundestrainer beim Fußball. Hamm ist von der Bevölkerungszahl und der damit zu erwartenden Patientenzahl zu klein, um Rückschlüsse auf die Gesamtauslastung unseres Gesundheitssystems zu ziehen. In Hamm konnten wir bis dato keine relevanten Engpässe beobachten.
Vielerorts sind weniger Intensivbetten verfügbar als noch vor einem Jahr – obwohl die Kapazitäten eigentlich aufgestockt wurden. Wie passt das zusammen?
Es gab Anfang des Jahres eine Verschärfung bei der Vorgabe, wie viele Patienten von einer Pflegekraft versorgt werden dürfen – von 2,5 tagsüber auf 2 und nachts von 3,5 auf 3. Dieser „halbe“ Patient macht in Summe viel aus, wir müssen jetzt vorausschauend und gut planen. Prinzipiell ist es aber gutzuheißen, dass weniger Patienten auf eine Pflegekraft kommen.
Im Januar 2021 hat Dr. Martin Sander als Chefarzt des Instituts für Anästhesiologie, Kinderanästhesiologie und Intensivmedizin die Intensivstationen (Covid und Non-Covid) übernommen. Seit über 15 Jahren arbeitet er auf der Intensivstation – seit etwa zehn Jahren in leitender Funktion.
Wie viel Luft ist dann überhaupt noch nach oben?
Wir haben einen Pandemie-Eskalation-Einsatzplan und halten entsprechend Betten frei, wenn die Patientenzahlen zunehmen. Viele Kräfte sind so gut ausgebildet, dass sie in vielen verschiedenen Abteilungen eingesetzt werden können. Dort gibt es also überall Menschen, die auch auf der Intensivstation arbeiten könnten. Wir sind daher in der Lage, bei Bedarf innerhalb von 48 bis 72 Stunden die Kapazitäten fast zu verdoppeln.
Sind die Mitarbeiter nach einem Jahr im Kampf gegen das Virus an ihrer Belastungsgrenze?
Die Arbeit auf der Intensivstation – egal ob mit Corona-Patienten oder anderen – ist physisch und vor allem psychisch emotional anstrengend. Manche können und wollen nicht auf der Covid-Station arbeiten. In der ersten Phase hatten wir beispielsweise nicht genügend Masken. Auch ich habe mich da mit Corona infiziert. Andere haben Vorerkrankungen oder müssen ihre hochbetagte Mutter zuhause pflegen. Durch unsere Seelsorge und viele Gespräche kommen wir aber gut zurecht. Die Impfungen waren sehr wichtig.
Wie hat sich der Umgang mit Covid-19-Patienten auf der Intensivstation verändert?
Die Situation hat sich deutlich gewandelt. Wir haben immer mehr Erfahrung und passen uns an. Bei den Anti-Thrombosespritzen haben wir am Anfang die normale Dosis gegeben, die auch andere Patienten bekommen. Das hat nicht so gut funktioniert, also haben wir die Medikation angepasst. Erst hieß es, Remdesivir würde gut helfen, jetzt ist die Empfehlung, eine Behandlung damit besser zu lassen. Wir richten uns streng nach Vorgaben des RKI und den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Leider gibt es nicht viele Therapien. Ganz wichtig ist aber die unterstützende oder komplette Beatmung.
Wie entscheiden Sie, ab wann Beatmung notwendig ist?
Das darf nicht zu früh, aber auch nicht zu spät passieren und hängt auch davon ab, wie gut der Patient mitmacht. Manche brauchen nur unterstützenden Sauerstoff bei jedem eigenen Atemzug, für andere reicht eine unterstützende Therapie nicht mehr. Wir versuchen durch Ausschöpfung aller unterstützenden Beatmungsmöglichkeiten eine Intubation möglichst zu vermeiden. Covid-Patienten sterben nicht von jetzt auf gleich, oft verschlechtert sich der Zustand von Tag zu Tag.
Manche Patienten werden in Narkose gelegt und wachen nie wieder auf ...
Natürlich gibt es keine Garantie, dass der Patient daraus wieder aufwacht. Wir nehmen ihm aber dadurch die Luftnot und machen ihm vorher viel Mut. Einige berappeln sich dann, bei anderen gibt es irgendwann trotz langem Kampf keine Möglichkeiten mehr. Das lässt uns als Ärzte und Pfleger nie kalt.
Gerade weil der Kontakt so eng ist?
In den allermeisten Fällen sind immer die gleichen Mitarbeiter bei den Patienten und gehen den ganzen Weg mit. Sie können ja keine Angehörigen empfangen und sind ganz alleine bei uns. Wir reden viel mit ihnen, die Bindung ist schnell sehr stark. Manchmal machen wir auch eine Eins-zu-Eins-Betreuung, wenn es besonders schwierig wird. Unfassbar schön ist dann, wenn diese Patienten es schaffen.

Rubriklistenbild: © DPA Deutsche Presseagentur

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