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Integration in Heessen: „Das Wort ist für mich negativ besetzt“ - Und für Sie?

Margarete Schaffranietz ist im Februar in den Ruhestand gegangen.
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Margarete Schaffranietz ist im Februar in den Ruhestand gegangen.

Fast jeder zweite Hessener hat einen Migrationshintergrund. Was bedeutet das für das Zusammenleben? Darüber haben wir in unserer Serie „Was braucht Heessen?“ mit Margarete Schaffranietz gesprochen, die jahrzehntelang in der Integrationsarbeit tätig war. Außerdem sind Sie gefragt: Diskutieren Sie mit (Formular im Artikel).

Heessen – Wenn es jemanden gibt im Bezirk Heessen in Hamm, der seit Jahren erfolgreiche Integrationsarbeit leistet, ist das Margarethe Schaffranietz, die langjährige Leiterin des DRK-Treffpunkt in Dasbeck, selbst vor Jahrzehnten aus Polen eingewandert. Michael Girkens hat mit ihr gesprochen.

StadtbezirkHeessen
StadtteileHamm-Norden, Nordenfeldmark-Ost, Mattenbecke, Zeche-Sachsen, Heessener Gartenstadt, Heessener Dorf, Westhusen, Dasbeck, Frielick
Einwohner23.944 (Stand: 31.12.2020)
Einwohner mit Migrationshintergrund11.516

Expertin über Integration: „Es hieß: Die können kein Deutsch! Aber es gab kein Angebot, die Sprache zu lernen“

Frau Schaffranietz, was ist Integration?
Das Wort habe ich erstmals in Deutschland gehört, sofern es sich auf eingewanderte Menschen aus anderen Ländern bezieht. Das kannte ich aus Polen nicht. Es war für mich von Anfang an negativ besetzt, es bezog sich damals auf Türken und verlangte Anpassung, oft beim Anziehen, Sie wissen schon: das Kopftuch. Und besonders haben Menschen geschimpft, die vorher selbst eingewandert waren. Was soll das? In Schlesien haben wir an Heiligabend immer Karpfen mit Kartoffeln, Sauerkraut und Erbsen gegessen, nur weil ich dann in Deutschland bin, gibt’s dann plötzlich Kartoffelsalat und Würstchen! Das ist doch Quatsch.
Hat man auch Ihnen mal gesagt, Sie sollten sich integrieren?
Es hieß immer: Die können kein Deutsch! Aber es war damals so, dass es kein Angebot gab Deutsch zu lernen, keine Kurse – nur, wenn du selbst bezahlt hast. Deswegen hieß es, die sind schon so lange hier, aber sprechen kein Deutsch. Ich glaube, das ist bis heute so.
Treffpunkt von Frauen aus vielen Kulturen: Margarete Schaffranietz (Mitte, mit Tablett) hat jahrelang den DRK-Treffpunkt Dasbeck geleitet.

Schwierigkeiten bei Integration: „Ich halte das für Unwissenheit“

Die Forderung nach Integration der neu Zugezogenen war also eine Form der Ablehnung. Haben Sie eine Erklärung dafür?
Ja, was die Ablehnung angeht: Ich halte das für Unwissenheit, es gab keine Möglichkeit, die Neuen kennenzulernen. Wer sich mit einer anderen Kultur beschäftigt, beginnt sie zu verstehen. Und das ist gut.
Kann man sagen, dass man damals Integration mit Assimilation verwechselt hat, also das Angleichen einer gesellschaftlichen Gruppe an eine andere unter Aufgabe eigener Kulturgüter?
Ich glaube schon, ja, das wurde verlangt. Etwa: Wir sind angepasst – und ihr? Aber das wäre ja so, als ob Sie in ein Land von Kannibalen auswandern und dann auch Menschen fressen. Jeder hat das Recht, das zu bewahren, was ihn ausmacht, was man vorher gelebt hat, je nachdem wo man geboren ist. Das ist auch nicht anders, wenn man aus Ostfriesland in ein Dorf in Bayern zieht.

Expertin: „Ein bisschen Anpassung muss sein“

Aber ein bisschen Anpassung muss schon sein, oder?
Ja, man muss lernen, wie Deutschland funktioniert, wie die Regeln sind. Deutsche Pünktlichkeit, zum Beispiel. Einer Freundin von den Philippinen fiel es sehr schwer, überhaupt pünktlich zu sein. Sie sagte immer: Ihr habt die Uhren, wir haben die Zeit. Heute ist sie pünktlich. Also, man muss wissen, wie es hier funktioniert und das in seinem Leben berücksichtigen. Aber man muss nicht sein Leben anpassen. Man kann zuhause essen, wie man will. Der DRK-Treffpunkt arbeitet so, dass sich Menschen aus verschiedenen Ländern oder unterschiedlichen Religionen einfach treffen, miteinander reden, über die verschiedenen Kulturen reden, und dann lernt man sich kennen. Ich wusste zum Beispiel nichts über die Menschen aus Sri Lanka. Die Hindus haben für das Fleisch Extra-Besteck, Extra-Teller, für den Fisch auch, und das bewahren sie an unterschiedlichen Orten auf, das Gemüse- oder Fleischbesteck liegt nicht in derselben Schublade. Und viele Hindus haben kleine Tempel zuhause und beten da. So wie mit den Tamilen haben wir es Land für Land und Religion für Religion gemacht: Syrien, Polen, Bulgarien …
So haben Sie Integrationsarbeit gemacht. Was heißt denn jetzt für Sie heute Integration?
Dass man lernt, in der fremden, neuen Welt zurechtzukommen, dass man sich an die Gesetze hält, die geschriebenen und ungeschriebenen – und trotzdem lebt man seine eigene Kultur oder Religion. In diesem Sinne kann Integration gar nicht scheitern.

Fast jeder Zweite hat Migrationshintergrund

48 Prozent der Heessener haben einen Migrationshintergrund. Das geht aus Daten der Stadt Hamm zum Stichtag 31. Dezember 2020 hervor. Der Hammer Durchschnitt ist innerhalb von fünf Jahren um sieben Prozentpunkte angestiegen und liegt nun bei 38,6 Prozent. Die Verwaltung stuft Menschen dann als Person mit Migrationshintergrund ein, wenn die Person selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Es gehören also unter anderem Doppelstaatler dazu (16 Prozent der Heessener) sowie Ausländer ohne deutsche Staatsbürgerschaft (21 Prozent der Heessener).

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